Georg Thieme Verlag KG

KommentarNach der DMEA ist vor der DMEA

Sie ist die Leitmesse der Digital Health Branche und damit ein Gradmesser für die aktuelle Stimmung am Markt. Ein Grund, die vergangene DMEA-Woche Revue passieren zu lassen. Ein erstes Fazit: Die Themen werden diverser, die Perspektiven langfristiger und die involvierten Akteure vielseitiger.

Admir Kulin
m.Doc GmbH

Admir Kulin, Gründer und Geschäftsführer der m.Doc Gmbh, Anbieter für innovative digitale Gesundheitslösungen.

Per Definition ist eine Leitmesse der wichtigste Branchentreff und innerhalb der Branche die wichtigste Leistungssschau. Daher nutze ich die heutige Kolumne für einen Rückblick auf die vergangene DMEA-Woche – eben weil sie die Leitmesse der Digital Health Branche ist. Vor allem aber, weil diese eine Messewoche sehr gut widerspiegelt, wo wir aktuell stehen, welchen Themen den Markt bewegen, wo Herausforderungen warten und wo wir unbedingt noch unsere Hausaufgaben machen müssen.

Letztere fangen schon bei der Messe selbst an, die – wie für Leitmessen üblich – eigentlich seit jeher als Präsenzveranstaltung geplant ist. Die Corona-Pandemie hat in diesem und im letzten Jahr einer physischen Präsenz jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht, womit wir uns als Branche 2021 zum zweiten Mal in Folge auf einer rein virtuelle DMEA präsentieren mussten. Zwar gab es bereits einige Learnings und Verbesserungen, allerdings war schon das Eröffnungsinterview nicht tagesaktuell, wie der Verband Digital Health Germany in seinem Newsletter richtig anmerkte: „Zum großen Erstaunen wurde die Aufzeichnung vom 26. Mai am 7. Juni präsentiert. Inhaltlich; keine neuen Aspekte, die politische Ebene ist bereits im Wahlkampfmodus.“

IT follows Process

Für mich unterstreicht dieser DMEA-Start einen wichtigen, vielleicht sogar den entscheidenden Faktor der Digitalisierung: Sie ist kein Selbstzweck. Es funktioniert schlicht und ergreifend nicht, Prozesse der analogen Welt eins zu eins in die digitale Welt zu übertragen. Ganz wichtig: Das ist keine Kritik, sondern vielmehr eine Erkenntnis, die wir als Branche aus den vergangenen Jahren mitnehmen konnten und die nun auch im Markt angekommen ist. Digitalisierung und Transformation müssen sich zwangsläufig die Hand geben. Das gilt für einen Messerveranstalter ebenso wie für die Kliniken, Häuser und Einrichtungen. Mit der Einführung von IT oder einer virtuellen Konferenz ist es nicht gentan. Prozesse müssen digital neu gedacht werden, woran sich die IT anschließend orientieren kann. Oder wie es der geschätzte Experte Dr. Peter Gocke, Leiter der Stabstelle Digitale Transformation an der Berliner Charité, mantramäßig wiederholt: „IT follows Process“. Und diese Prozesse müssen von den Verantwortlichen selbst gestaltet werden. Das heißt: Die Belegschaft ist ein entscheidender Faktor der digitalen Transformation.

Transformieren oder transformiert werden?

Zum Glück – und auch das hat die DMEA deutlich gezeigt – setzt sich dieser Gedanke bei den Verantwortlichen immer mehr durch. Es ist unumstritten, dass der Gesundheitssektor in Bewegung und jetzt die Zeit ist, Dinge aktiv zu gestalten – ansonsten „wird“ man gestaltet. Natürlich ist das KHZG dabei nach wie vor das beherrschende Thema. Schließlich hat der komplette stationäre Sektor aktuell alle Hände voll mit Projekten sowie der Planung der Implementierung neuer, förderfähiger Lösungen zu tun.

Aber – und das ist ein großes, positives Aber – neben diesem „KHZG-Stress“ setzt sich die Erkenntnis immer stärker durch, dass alle Projekte, die jetzt umgesetzt werden, zukunftssicher und ganzheitlich konzipiert werden müssen. Wir haben in der vergangenen Woche zahlreiche Gespräche führen dürfen, in denen beispielsweise die Telematikinfrastruktur, die elektronische Patientenakte oder auch die Medizinformatik durchaus einen hohen Stellenwert hatten. Das zeigt: Man denkt längerfristiger und vorausschauender.

Telematikinfrastruktur verspricht großen Sprung

Vor allem in die Telematikinfrastruktur 2.0 setzt die Branche einiges an Hoffnung – insbesondere nachdem klar ist, dass sich die gematik auf Spezifikationen und Zertifizierungen fokussiert, nicht selbst in den Anbietermarkt eintreten wird, man bei der Ausgestaltung auf die neuesten Technologien setzt und Use Case-bezogen denkt. Einigkeit konnte ich außerdem auch darin erkennen, dass es jetzt darum geht, die Version 1.0 auf die Straße zu bringen und damit den Weg für Services wie das eRezept zu ebnen und diese mit Leben zu füllen.

Wir haben einen erheblichen Fachkräftemangel im Gesundheitswesen – ganz gleich ob in den Kliniken oder der Industrie. Und es kristallisiert sich immer stärker heraus, dass wir mit digitalen Lösungen und Anwendungen das Berufsfeld attraktiver machen können – für Ärzteschaft und Pflege, die bei administrativen Prozessen entlastet und sich stärker auf die Patienten konzentrieren können, aber auch für den IT-Nachwuchs, der im Gesundheitswesen und in der Industrie eine vielleicht einmalige Gesaltungsmöglichkeit bekommt, wie sie derzeit nur in wenigen Branchen möglich ist. In jedem Fall haben wir mittlerweile einen Stufe erreicht, auf der wir uns nicht mehr verstecken müssen, sondern aktiver mit den digitalen Pfunden und Errungenschaften wuchern können, die wir schon umgesetzt haben.

Langfristige Finanzierung und der Patient im Fokus

Zu guter Letzt war natürlich auch die langfristige Finanzierung der Digitalisierung ein wichtiges Thema auf der DMEA. Denn klar ist, dass das KHZG maximal eine Anschubsfinanzierung ist, die entweder in einem nächsten Schritt durch ein KHZG 2.0 verlängert werden muss oder aber – was aus meiner Sicht die wunschenswertere Alternative ist – die so viel Schubkraft entwickelt, dass mit dem Effizienzgewinn sowie neuen Finanzierungsformen wie beispielsweise Value-Based neue Ressourcen frei werden. In jedem Fall ist auch hier eine langfristige, ganzheitliche Sicht auf die Thematik in der Branche zu spüren.

Was mich an der DMEA in diesem Jahr aber besonders positiv überrascht hat: Die Bürgerinnen und Bürger sind auf der Leitmesse angekommen und haben ihren Platz in den Diskussionsrunden für sich beansprucht. Das ist aus meiner Sicht eine extrem wichtige Entwicklung. Denn obwohl nicht immer ganz klar ist, wer der eigentliche Kunde im stationären Sektor ist, sind die Bürgerinnen und Bürger, die früher oder später auf die eine oder andere Weise zu Patientinnen und Patienten werden, doch elementar für die künftige Gestaltung des Gesundheitswesens. Daher liefern ihre Meinung und ihre Sicht auf Prozesse wichtige Impulse für künftige Entwicklungen.

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