KIS-Hersteller Cerner

Der US-Gigant und die German Angst

Verkauft Cerner sein Deutschlandgeschäft? Kündigt das Unternehmen deutsche KIS ab oder werden sie nur marginal weiterentwickelt? Bereits vor über einem Jahr hat sich der US-Gigant Cerner die Health-IT von Siemens einverleibt – doch viele Ängste der Kliniken sind geblieben.

Foto: Cerner

Hauptsitz Kansas City: 1979 gründeten drei Berater der Agentur Arthur Andersen das IT-Unternehmen Cerner und brachten es 1986, bei einem Umsatz von 17 Millionen Dollar, an die Börse. Bereits 1992 waren es 100 Millionen Dollar. 2014 kletterte der Umsatz auf 3,4 Milliarden Dollar. Im Februar 2015 übernahm Cerner von Siemens den Bereich Health Services für 1,3 Milliarden US-Dollar und ist seitdem zweitgrößter KIS-Anbieter in Deutschland. Das Unternehmen hat in Europa 1.500 und in Deutschland 550 Mitarbeiter.

Cerner steht stellvertretend für den rasanten Aufstieg der Health-IT-Industrie. Der Konzern ist derzeit knapp 18 Milliarden Euro wert, mehr als die Hälfte der Marktkapitalisierung von Fresenius. In Deutschland war Cerner jedoch bis 2015 nur eine kleine Nummer: Cerners Kernprodukt, das Krankenhausinformationssystem (KIS) Millennium, war bis dato elf Mal installiert. Erst als Cerner 2015 die Gesundheits-IT von Siemens für 1,3 Milliarden Dollar kaufte, wurde der US-Gigant Deutschlands zweitgrößter KIS-Hersteller. In der Klinikszene ruft das bis heute Unruhe hervor: Einige spekulieren, dass Cerner das Deutschlandgeschäft bald veräußert. Schließlich habe der Konzern mit Siemens vor allem einen Konkurrenten auf dem US-Markt geschluckt – das Deutschland-Geschäft sei nur Beifang gewesen. Andere glauben, Cerner fokussiert sich in den nächsten Jahren vor allem aufs US-Geschäft – das Unternehmen hat nämlich im Juli einen Milliarden-Deal mit dem US-Verteidigungsministerium eingetütet (siehe Seite 44). Wieder andere befürchten, Cerner kündige nach und nach die derzeit existierenden KIS Medico, Soarian Clinical und ISH-Med ab, schließlich verfolge Cerner weltweit mit seinem Produkt Millennium die Ein-KIS-Strategie. Zu diesen Spekulationen gesellten sich in den vergangenen Monaten zwei herbe Rückschläge. Asklepios wechselt das Cerner-KIS ISH-Med in seinen sieben Hamburger Kliniken gegen das Produkt des Mittelständlers Meierhofer aus und auch bei einer Ausschreibung der Uniklinik Greifswald gewann Meierhofer und nicht Cerner, obwohl das Unternehmen mit ISH-Med der unangefochtene Marktführer bei Unikliniken ist. Angesichts dieser Gemengelage haben die drei Cerner-Deutschland-Chefs Holger Cordes, Bernhard Calmer und Arne Westphal keine leichte Aufgabe. Westphal, der für das Deutschland-Geschäft verantwortlich ist, erklärt: „Es ist ganz normal, dass in so einer Situation im Markt viel erzählt wird und in Zeiten einer Übernahme ist es sicher schwierig, neue Kunden zu gewinnen. Trotzdem haben wir in den vergangenen 18 Monaten drei Häuser – in der sächsischen Schweiz, Schleiden und Salzkotten – akquiriert. Hinzu kommen langfristige Vertragsverlängerungen. Das zeigt, wir haben trotz aller Unkenrufe Vertrauen im Markt.” Außerdem gibt Westphal zu bedenken, habe sich Cerner noch nie aus einem Markt zurückgezogen. „Es würde auch gar keinen Sinn machen, sich ausgerechnet jetzt zurückzuziehen, da Cerner einer der Marktführer in Deutschland geworden ist. Im Gegenteil, wir sind auf Wachstum ausgerichtet und haben zahlreiche Stellen ausgeschrieben.”

Cerners Ein-KIS-Strategie soll bald der Vergangenheit angehören
Angesprochen auf die Angst vor der Ein-KIS-Strategie des Weltkonzerns bemerkt Bernhard Calmer: „Bisher hatte Cerner weltweit eine Ein-KIS-Strategie. Dieses ändert sich gerade und es ist unsere Aufgabe, diesen Wandel aktiv unseren Kunden zu kommunizieren.” Derzeit besteht das KIS-Portfolio von Cerner im Wesentlichen aus Millennium und den drei ehemaligen Siemens-KIS Soarian, Medico und ISH-Med. Allein mit ISH-Med ist Cerner in 32 Ländern vertreten, zuletzt kam Kolumbien neu hinzu. „Wir wollen den internationalen Footprint von ISH-Med ausbauen”, unterstreicht Calmer. „Zu unseren Zielmärkten zählt neben Israel und Lateinamerika auch Asien.” Geht es nach dem Willen der drei Cerner-Manager, dürfte auch Medico bald international vermarktet werden. „Großkliniken und 100-Betten-Häuser brauchen unterschiedliche Lösungen – insofern bietet die Mehrproduktestrategie viele Chancen”, bemerkt Holger Cordes. Calmer macht ein Beispiel: „Ein Zielmarkt wäre Großbritannien, wo Cerner mit dem staatlichen National Health Service (NHS) gut im Geschäft ist. Der NHS ist in Regionen aufgeteilt, die in der Regel drei oder vier große Kliniken betreiben. Dafür haben wir mit Millennium eine optimale Lösung. Doch kleinere Regionen brauchen andere Lösungen.” Die Idee, Medico international anzubieten, werde derzeit im Konzern evaluiert.

Für den deutschen Markt kategorisiert Cerner sein Angebot so: Millennium ist die Lösung für Kliniken, die Forschungsdaten verarbeiten und in intersektorale Versorgungsszenarien investieren möchten – also Unikliniken und Maximalversorger, die die Versorgung in einer Region steuern möchten. ISH-Med eignet sich – als einziges KIS mit vollintegrierter SAP-Lösung – besonders für größere Ketten sowie Verbünde mit mehreren Häusern. Und Medico ist der Allrounder im Portfolio. Kaum die Rede ist noch von Soarian Clinical, das ehemals von Siemens für den Weltmarkt konzipierte KIS. Es kam nie richtig aus den Startlöchern und ist in Deutschland nur in sechs Einrichtungen eingebaut, darunter in der Uniklinik Hamburg-Eppendorf. Im Moment ist kein Soarian-Projekt in Planung.

Entwicklungsetat: 650 Millionen
Cerner weist einen jährlichen Entwicklungsetat von 650 Millionen Dollar aus. Wo das Geld im Einzelnen hinfließt, verrät der Konzern nicht. „Wir investieren natürlich auch weiter in Lösungen für den deutschen Markt – etwa in das Care Aware Portfolio mit dem iBus, der die Medizingeräteanbindung verbessert”, sagt Westphal. Mit dem Begriff „Plattformlösung” umschreibt Cerner einen wichtigen Teil seiner Produktstrategie. „Das einzelne KIS wird in Zukunft weniger wichtig, der Schwerpunkt liegt auf der Software als Berater, der aggregiertes Wissen zur Verfügung stellen kann, um klinische Entscheidungen bestmöglich zu unterstützen. Wir wollen diese Innovationen schneller als bisher auf alle Plattformen ausrollen können”, erklärt Cordes. In den vergangenen fünf Jahren hat Cerner laut eigenen Aussagen viel Geld in die KIS-unabhängige Plattform „Healthe-Intent” investiert. Sie benutzt neu skalierbare Big Data-Technologie und soll es ermöglichen, Daten über Institutionen und Software hinweg zu aggregieren, transformieren und zu vergleichen. Wer sektorenübergreifende, integrierte Versorgung oder internationale Forschung betreiben will, wird an dieser Expertise sehr interessiert sein. Denn Cerner ist hier mit seinem Population Health Management bereits mit zahlreichen Projekten in den USA Vorreiter.

Milliarden-Deal mit US-Verteidigungsministerium

Das US-Verteidigungsministerium hat im Sommer 2015 ein Konsortium beauftragt, eine Elektronische Gesundheitsakte für das US-Militär zu implementieren. Zum Konsortium gehören neben Hauptauftragnehmer Leidos außerdem Cerner, Accenture und Henry Schein. Das Projekt soll Patienten und Klinikpersonal Zugriff auf digitale Gesundheitsdaten ermöglichen und so die Gesundheitsversorgung von 9,6 Millionen aktiven Soldaten und deren Familien modernisieren. Der Erstvertrag läuft über zehn Jahre mit einem Gesamtwert von circa 4,3 Milliarden Dollar. Eine Verlängerung auf 18 Jahre mit einem Wert von neun Millarden Dollar ist optional. Cerner liefert die Software sowie Schlüsselpersonal und unterstützt bei der Umsetzung.

Kommentare (0)

Kommentar hinzufügen

Um einen Kommentar hinzuzufügen melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich.

Jetzt anmelden/registrieren