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BWKG-IndikatorKliniken blicken düster in Zukunft

Die Kliniken in Baden-Württemberg befinden sich angesichts der anhaltenden Corona-Pandemie, der Energieknappheit und ausufernden Sachkosten in einer extrem schwierigen Lage. Ihre Geschäftsführenden schauen mit Sorge auf die kommenden Monate.

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Laut der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft e.V. (BWKG) verschärfen der Ukraine-Krieg, die resultierende Energiekrise, die Corona-Pandemie und erhöhte Sachkosten den Fachkräftemangel und die Unterfinanzierung der Kliniken. Diese seien bereits deutlich spürbar in den Gesundheitseinrichtungen und in der Versorgung, so Heiner Scheffold, BWKG-Vorstandsvorsitzender, bei der Vorstellung des BWKG-Indikators 1/2022. Hierfür wurden die Geschäftsführenden von 198 Krankenhäusern, 132 Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen sowie 733 Pflegeeinrichtungen befragt.

Fachkräftemangel schmälert Bettenangebot

„Der Fachkräftemangel ist keine Theorie mehr, sondern längst bittere Realität“, so Scheffold. Die Geschäftsführenden von 92 Prozent der Krankenhäuser, 88,6 Prozent der Reha-Kliniken und 93,4 Prozent der Pflegeeinrichtungen haben Schwierigkeiten, Pflegefachkräfte zu finden. Rund drei Viertel der Geschäftsführenden von Krankenhäusern und Reha-Kliniken haben Probleme, freie Stellen im Ärztlichen Dienst neu zu besetzen.

Bereits vor dem Start der Corona-Pandemie hätten die Kliniken aufgrund des bestehenden Fachkräftemangels 10 bis 15 Prozent der Betten nicht belegen können. Der Durchschnitt der nicht belegbaren Betten liegt aktuell bei 14,3 Prozent und wird wohl noch steigen. Einige Kliniken hätten Kapazitätsreduzierung von mehr als 30 Prozent gemeldet, so Heiner Scheffold. Ergo würden in vielen Kliniken Operationen verschoben. Wenn nun noch steigende Infektionszahlen hinzukämen, sei es infolge Corona oder auch durch eine Grippewelle, sei eine weitere Verschärfung der Situation abzusehen.

„Auch bei der Belegung der Reha-Kliniken sind die Spuren der Corona-Pandemie und des Personalmangels sichtbar. Ihre Auslastung ist von 88,3 Prozent im Jahr 2019 auf 68,3 Prozent im Jahr 2021 gesunken“, so der BWKG-Vorsitzende. Aktuell belaufe sich die Belegung auf 73,0 Prozent. Diese Zahlen müssten eigentlich steigen, da der Reha-Bedarf einer alternden Bevölkerung ja zunehme. Ursache des Belegungsrückgangs seien auch hier der Fachkräftemangel und die Corona-Pandemie.

Schnellere Anerkennung ausländischer Fachkräfte

Die BWKG bringt zur kurzfristigen Abschwächung des Fachkräftemangel eine Verringerung der Corona-Quarantänezeiten ins Gespräch. Mittelfristig würde jedoch nur ein Bürokratie-Abbau die erhoffte Entastung bringen. Angesichts des hohen Dokumentationsaufwands sei es kein Wunder, dass sich Pflegekräfte und Ärzte von ihrem eigentlichen Berufsfeld abwenden würden. Hier müsse die Politik endlich ansetzen. „Außerdem müssen ausländische Fachkräfte schneller anerkannt werden“, fordert der Vorstandsvorsitzende. Alle Einrichtungen, die ausbilden können und wollen, müssen das auch dürfen. Im Koalitionsvertrag auf der Bundesebene sei vorgesehen, dass die Pflegeausbildung in Einrichtungen der Eingliederungshilfe und der Rehabilitation ermöglicht werden soll, soweit diese die Voraussetzungen erfüllen. Dieser Plan müsse nun endlich umgesetzt werden. Außerdem müsse die Leiharbeit begrenzt werden, denn hier werde der bestehende Personalmangel ausgenutzt und die Einrichtungen müssten überzogene Preise bezahlen. Hier werde eine Begrenzung dieser Preise gefordert.

Unterfinanzierung bekämpfen

Zudem müsse der finanzielle Rahmen der Kliniken angepasst werden. Nach den Zahlen des BWKG-Indikators sei man hiervon noch immer weit davon entfernt; die Situation verschlechtere sich spürbar. 45,6 Prozent der Krankenhäuser, 65,7 Prozent der Reha-Kliniken und 23 Prozent der Pflegeeinrichtungen im Land haben das Jahr 2021 mit roten Zahlen abgeschlossen. Große Befürchtungen zeigen sich mit Blick auf das Jahr 2022: 61,1 Prozent der Krankenhäuser, 61,4 Prozent der Reha-Kliniken und 45,3 Prozent der Pflegeeinrichtungen gehen aktuell davon aus, dass sie das Jahr 2022 mit roten Zahlen abschließen werden.

„Diese Zahlen machen deutlich, dass vor allem die Finanzierungssysteme der Krankenhäuser und Reha-Kliniken auf externe Schocks nicht ausgerichtet sind. Sinkende Patientenzahlen durch eine Pandemie oder unerwartete Sachkostensteigerungen treffen hier ungebremst auf die bereits bestehende Unterfinanzierung“, erläutert der Vorstandsvorsitzende. Hier müsse der Bundesgesetzgeber unverzüglich handeln. Die Kliniken und Reha-Einrichtungen seien auf einen Inflations-Zuschlag durch den Bundesgesetzgeber angewiesen. Zum anderen müssten die Kliniken gegen Verluste aufgrund von pandemiebedingten Reduzierungen der Patientenzahl abgesichert werden. „Der Krankenhaus-Schutzschirm für das Jahr 2022 ist hier unzureichend, weil er einen Teil des Pandemie-Risikos auf die Kliniken abwälzt. Hier muss dringend nachgebessert werden, wenn wir nicht neue Höchststände bei den Defizitquoten der Kliniken erleben wollen“, so Scheffold.

Keine Atempause in der Corona-Pandemie

Sorge bereitet den Kliniken in Baden-Württemberg auch die Corona-Pandemie. Neben steigenden Inzidenzen sei noch nicht abzusehen, wie sich die „Sommerwelle“ weiterentwickeln wird. Seriöse Vorhersagen für den Herbst könnten aktuell nicht getroffen werden. Sicher ist allerdings, dass die meisten Corona-Schutzschirme bereits ausgelaufen sind und die letzten Maßnahmen spätestens Ende des Jahres auslaufen. Wenn die Corona-Zahlen wieder anstiegen, müssten die Corona-Schutzschirme für die Krankenhäuser, die Pflegeeinrichtungen und die Reha-Kliniken reaktiviert werden. Gleichzeitig müssen mögliche Infektionswellen eingedämmt werden. „Wir fordern eine Impfkampagne für Corona und für die Grippe. Die einrichtungsbezogene Impfpflicht muss ausgesetzt werden, da durch sie weitere Personalausfälle drohen, wenn demnächst Betretungsverbote verhängt werden sollen. Außerdem ist sie aufgrund der gescheiterten allgemeinen Impfpflicht nicht mehr zu rechtfertigen“, ergänzt Scheffold.

„Corona-Schutzschirme müssen schnell wieder aufgespannt und die unerwarteten Preissteigerungen müssen ausgeglichen werden. Das ist der Bundesgesundheitsminister den Gesundheitseinrichtungen schuldig, aber vor allem den Menschen, die von ihnen versorgt werden.“, macht Scheffold deutlich.

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