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RegiomedDas Green Hospital Lichtenfels als grünes Vorbild

Das Helmut-G.-Walther-Klinikum Lichtenfels ist das erste Krankenhaus in Bayern, das umfassend nach umweltfreundlichen Gesichtspunkten gebaut wurde. Durch den konsequenten Einsatz regenerativer Energien ist ein Klinikgebäude mit landesweitem Vorbildcharakter entstanden, das auch seinen Mitarbeitern und Patienten mehr zu bieten hat als konventionelle Gesundheitsbauten.

Regiomed Klinikum Lichtenfels
Regiomed Klinikum Lichtenfels
Der großzügige Vorplatz empfängt Patienten und Besucher mit Naturstein und einer Glasfront. In der linken Fassade sind einige der insgesamt 464 Photovoltaikanlagen zu sehen.

„Das Projekt in Lichtenfels ist eines der bedeutendsten Krankenhausprojekte der letzten zehn Jahre“, schwärmte Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) anlässlich der Einweihung des Ersatzneubaus der oberfränkischen Regiomed-Klinik in Lichtenfels. In der Tat kann sich das Ergebnis seiner rund neunjährigen Planungs- und Bauphase sehen lassen: Es ist nicht nur das erste Krankenhaus in Bayern, das umfassend nach umweltfreundlichen Gesichtspunkten gebaut wurde, sondern gilt auch als erstes nachhaltiges Krankenhaus Deutschlands. Zudem ist das Leuchtturmprojekt Klinikum Lichtenfels, welches im Juni 2018 seinen Betrieb aufgenommen hat, der Vorreiter der „Green Hospital Initiative“ des Freistaates.

Grünes Bauen lohnt sich

Die Initiative hat sich zum Ziel gesetzt, Verantwortung für die Umwelt zu übernehmen sowie Vorsorge in der Medizin und einen zukunftsgerechten Umgang mit natürlichen Ressourcen zu leisten. „Mit unserer Green Hospital Initiative Bayern wollen wir den Kliniken in Bayern eine Hilfestellung bieten, den Energieverbrauch spürbar zu senken. So können zum einen hohe Kosten eingespart werden, zum anderen leisten wir damit einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz“, erläutert Melanie Huml. Schließlich erfordere der Ausstieg aus der Kernenergie in Deutschland eine grundlegende Neuausrichtung der Energieerzeugung und -nutzung. Dazu müsse es gelingen, den Energieverbrauch spürbar zu senken und die Energieeffizienz merklich anzuheben.

Zudem soll der Anteil erneuerbarer Energie in Bayern bis 2021 auf 50 Prozent gesteigert werden. Daher sind auch Krankenhäuser aufgerufen, ihren Beitrag zu Energiewende zu leisten – immerhin sind die CO2-Emissionen eines Krankenhauses laut Initiative ungefähr zweieinhalb Mal so hoch wie die eines vergleichbaren Bürogebäudes. Ein größeres Klinikum verbraucht die Energie einer Kleinstadt und produziert pro Patient und Jahr fast eine Tonne Müll. Allein durch energetische Verbesserungen könnte die CO2-Billanz der bayerischen Krankhäuser um rund eine Million Tonnen reduziert werden. Nach Angaben des Bayerischen Gesundheitsministeriums würden dadurch jährlich rund 105 Millionen Euro an innerbetrieblichen Kosten oder etwa 1 400 Euro pro Krankenhausbett eingespart.

Optimale Balance

Lichtenfels ist allerdings nicht das erste Krankenhaus, welches mit der Auszeichnung „Green Hospital“ versehen wurde. Das erste „Green-Hospital“-Projekt in Deutschland wurde bereits 2009 von den Asklepios-Kliniken in Hamburg mit Erfolg abgeschlossen. Dem folgten weitere öffentliche und private Leuchtturmprojekte, etwa das Ethianum Heidelberg. Selbst die Staatsregierung Bayern hat die Auszeichnung bereits in 2014 an das Klinikum St. Marien in Amberg, das Klinikum Altmühlfranken in Gunzenhausen, die Bezirkskrankenhäuser Günzburg und Kaufbeuren, das Klinikum Nürnberg-Süd sowie in Würzburg das Juliusspital und die Klinik am Greinberg verliehen.

Dennoch ist Lichtenfels hier einen deutlichen Schritt weiter, denn es ist nicht nur nach dem Passivhaus-Standard konzipiert, sondern bietet neben seiner ökologischen auch eine optimale ökonomische und soziale Balance, die der Versorgungsqualität und Gesundheitsförderung der Mitarbeiter und Patienten zugutekommt. „Das Green Hospital-Konzept basiert auf vier Säulen: ein möglichst hohes Maß an Patientenfreundlichkeit, hohe Energieeffizienz, schonender Einsatz von Ressourcen und hoher Einsatz regenerativer Energien“, erläutert Eva Gill, Krankenhausdirektorin am Regiomed Klinikum Lichtenfels.

Klinik mit Kurhauscharakter

Schon der Weg zum neuen Klinikum, dessen Standort sich zwischen den Ortschaften Degendorf, Mistelfeld und dem Ortsrand von Lichtenfels befindet, vermittelt Patienten und Besuchern eher den Eindruck, in ein Kurhaus zu kommen. Der leicht erhöht gelegene Gebäudekomplex bietet einen Aussichtpunkt auf die oberfränkische Landschaft und verstärkt diesen Eindruck nicht zuletzt dadurch, dass sich die Klinik an einem Waldrand befindet. Zwei versetzte Gebäudekuben charakterisieren den viergeschossigen Neubau. Helle Fassadenflächen aus fränkischem Naturstein werden durch horizontale Fensterbänder gegliedert, die durch grüne Glaspannele akzentuiert sind. Über einen Vorplatz auf der Südwest-Seite wird der Haupteingang erreicht.

Von hier gelangt der Besucher in eine lichte Eingangshalle zwischen den beiden Baukörpern. Sie fungiert als zentraler Verteiler zu allgemeinen Servicebereichen sowie den Untersuchungs-, Behandlungs- und Pflegebereichen in den weiteren Ebenen. In der Eingangshalle übernimmt die Form einer imposanten Wendeltreppe die Bildregie – ergänzt durch einen gläsernen Aufzug und großzügige Fensterfronten. Während die Diagnostik mit Notfallaufnahme und Ambulanzen im Erdgeschoß angeordnet sind, stellt das erste Geschoss die anbindende interdisziplinäre Eingriffsebene dar. Hier befinden sich das OP-Zentrum, ein Herzkatheter-Messplatz, Endoskopie, Intensiv- und Entbindungsbereiche sowie die Verwaltungsräume. In den beiden darüber liegenden Geschossen sind die Pflegebereiche untergebracht. Je Kubus gruppieren sich jeweils zwei Stationen auf einer Ebene um einen Innenhof.

Healing Architecture

An der Außenseite liegen die Bettenzimmer. Statt den Grüntönen in der Außenfassade sind die Innenräume durch gelbliche Farbgebungen akzentuiert, deren helle, freundliche Räume und nachhaltige Baumaterialien wie Holz zur schnelleren Gesundung der Patienten beitragen und eine angenehme Arbeitsatmosphäre für das Personal schaffen. Eine moderne Lichttechnik sorgt dafür, dass sich auch die Beleuchtung im Inneren am Tageslichtverlauf orientiert und so einen positiven Einfluss auf Mitarbeiter und Patienten nimmt. „Große Fensterfronten in den Patientenzimmern geben den Blick frei auf den neu angelegten Patientengarten oder auf den ‚Gottesgarten‘ am Obermain – alles in allem eine schöne Umgebung, um gesund zu werden“, ergänzt Eva Gill.

Im gesamten Gebäude wurden zudem umweltschonende Materialen, wie etwa Kautschukböden, verbaut. In den Stationsstützpunkten tragen spezielle Deckenelemente zur Lärmminimierung bei. Eine Rohrpostanlage, der Hubschrauberlandeplatz direkt auf dem Gebäudedach sowie ein Waren-Modulsystem dienen außerdem dazu, Wege, Zeit und Ressourcen sparen, um diese Zeit für die Patientenversorgung zu gewinnen. Neben den kurzen Wegen und jener heilungsfördernden Atmosphäre – in Fachkreisen auch „Healing Architecture“ genannt – trägt vor allem der hohe Einsatz regenerativer Energien dazu bei, dass das Klinikum Lichtenfels bundesweit ein Leuchtturm in Sachen Green Hospital ist. Durch ihren Einsatz entsteht ein enormes Einsparpotenzial gegenüber einem konventionellen Klinikbau.

Geothermie und Photovoltaik

„Zwölf Prozent des Strombedarfs sowie 26 Prozent des Wärme-Dampf-Bedarfs sollen in Zukunft durch erneuerbare Energien gedeckt werden“, erläutert Eva Gill. Eine große Rolle spielen dabei Geothermie und Photovoltaik: Zur Wärme- und Stromversorgung ist im Klinikum Lichtenfels eine komplexe Heizzentrale errichtet worden. Als Hauptheizung im Winter dient eine große Hackschnitzelanlage mit einer Leistung von 850 Kilowatt. Die Abwärme der beiden zur Stromerzeugung genutzten Blockheizkraftwerke mit einer Gesamtwärmeleistung von 400 Kilowatt wird im Winter zur Heizungsunterstützung und im Sommer über die Absorptionskältemaschine zur Erzeugung von Kälte für die Klimaanlage genutzt.

Zehn Erdwärmesonden im Wirtschaftshof des Klinikums, die in 99 Metern Tiefe liegen und abhängig von Witterung und Jahreszeit über eine Leistung von 50 bis 60 Kilowatt verfügen, erzeugen im Winter die Wärme für eine Fußbodenheizung, während sie im Sommer über die Betondecken zur Kühlung der Patientenzimmer verwendet werden. Ein Gaskessel mit 560 Kilowatt dient zudem als Puffer zum Ausgleich von eventuellen Schwankungen, ein weiterer mit 1 600 Kilowatt ist zur Absicherung für einen Totalausfall des Heizungssystems vorgesehen.

Wärmebedarf halbiert

Auch die diversen Photovoltaikanlagen, welche nicht nur auf dem Dach, sondern sogar in der Fassade des Klinikums untergebracht sind, repräsentieren das Konzept des „grünen Krankenhauses“. Die Spitzenleistung der 464 Module liegt bei optimaler Sonneneinstrahlung bei 120 Kilowatt – das ist laut Angaben des Klinikums genug, um 30 Vier-Personen-Haushalte ein Jahr lang mit Strom zu versorgen. Für den Stromausfall wird zudem ein Notstromaggregat mit einem 6 000 Liter-Dieseltank vorgehalten. Einsparungen sollen aber künftig nicht nur durch die Art der Energieerzeugung, sondern auch durch eine generelle Reduktion des Energieverbrauchs erreicht werden. „Das Energiekonzept sieht eine Halbierung des Wärmebedarfs vor“, so die Krankenhausdirektorin Eva Gill.

Allein durch die LED-, Hybrid- und neuentwickelten OLED-Leuchten wird der Beleuchtungsstromverbrauch, im Vergleich zum Altbau des Klinikums, um etwa 60 Prozent verringern. Durch die Tageslichtsteuerung in den Patientenzimmern entsteht ebenfalls Einsparpotenzial – selbst bei der medizinischen Ausstattung wurde Wert auf eine energiesparende Medizintechnik gelegt.

 

Passivhaus-Gebäudehülle

Zudem ist das neue Klinikum nach dem Passivhaus-Standard konzipiert. Dazu trägt vor allem die Gebäudehülle bei: Deren verbesserte Dämmung sorgt dafür, dass die warme Innenluft im Gebäude gehalten und die kalte Außenluft vom beheizten Raumvolumen abgehalten wird. Die Dreifachverglasungen der Fenster sorgen durch niedrige Wärmedurchgangskoeffizienten ebenfalls für geringe Wärmeverluste. Gleichzeitig weisen sie einen hohen Energiedurchlassgrad auf und können so kostbare Sonnenenergie einfangen und in den Räumen und Wänden speichern. Auch durch die Betonkernaktivierung wird der Energiebedarf zusätzlich gesenkt. Günstig war der Neubau allerdings nicht: Insgesamt rund 112 Millionen Euro kostete das Objekt, allein 87 Millionen davon steuert der Freistaat bei.

Das sich die Investition gelohnt hat, verdeutlicht nicht zuletzt die CO2-Bilanz des Gebäudes: Würde durch einen konventionellen Neubau, im Gegensatz zu dem alten Bestandgebäude, 23 Prozent des jährlichen CO2-Ausstoßes eingespart, sind es in Lichtenfels nochmal 66 Prozent weniger – insgesamt stößt der Ersatzneubau des Klinikums pro Jahr damit ganze 75 Prozent weniger CO2 als das alte Klinikgebäude aus, rechnet die Green Hospital Initiative Bayern vor. Grund genug also, um den Green Hospital-Gedanken zukünftig auch in anderen Klinikneubauten umzusetzen – schließlich ist es noch nicht zu spät, die schleichende Erderwärmung zu stoppen.

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