Geschätzte 300.000 Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Nierenversagen sind auf Bluthochdruck zurück zu führen. In den meisten Fällen ist die Ursache dafür trotz modernster Diagnostik nicht auszumachen. Deshalb kamen bislang nur Medikamente zum Einsatz, um den Blutdruck zu senken. Bei vielen Patienten führt allerdings sogar die Einnahme von mehreren Medikamenten nicht zum gewünschten Erfolg.
Bei ihnen kann nun ein neues Verfahren Abhilfe schaffen, das in der Giessener und der Marburger Uniklinik angeboten wird: die Verödung von Nervenfasern in der Nierenarterie (renale Denervation). Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass eine Überaktivität dieser sogenannten "Stressnerven" des sympathischen Nervensystems den Bluthochdruck beeinflusst.
Um die Nerven zu veröden, wird ein dünner Spezialkatheter von zwei Millimetern Durchmesser in die Leiste eingeführt und bis in die Nierenarterie vorgeschoben. Mit Hilfe von schwachen Stromstößen werden dort die Nervenfasern verödet. Der minimal-invasive Eingriff dauert ca. 30 bis 60 Minuten. Der Patient braucht dazu keine Vollnarkose, sondern lediglich eine lokale Betäubung und ein Schmerzmittel. Bei rund 80 Prozent der so behandelten Patienten fällt der Bluthochdruck im oberen Wert danach um bis zu 32mmHG (Millimeter Quecksilbersäule)ab. Damit ist das Verfahren deutlich erfolgreicher als jede medikamentöse Therapie. Die Medikamente, die der Patient bis dahin genommen hat, können danach oft drastisch reduziert werden.
Zu dem Verfahren gibt es noch keine Langzeitstudien. Sowohl der neue kommissarische ärztlichen Direktor der Medizinischen Klinik I, Kardiologie und Angiologie, in Gießen, Prof. Dr. Christian Hamm, als auch der Direktor der Klinik für Innere Medizin-Kardiologie, Angiologie und Internistische Intensivmedizin in Marburg, Prof. Dr. Bernhard Maisch, betonen, dass nach den bisherigen Erfahrungen der positive Effekt mindestens zwei Jahre lang anhält. Das Risiko für Komplikationen bei dem Eingriff ist sehr gering.
In der Kardiologie der Giessener Uniklinik wird das Verfahren seit Juli dieses Jahres vom Leiter des Herzkatheterlabors, Oberarzt Priv. Doz. Dr. Holger Nef angeboten. Bislang wurden rund 20 Patienten erfolgreich behandelt. Holger Nef und sein Team in Gießen sind zudem an internationalen Studien beteiligt. Hierbei soll erforscht werden, ob die Verödung der Nervenfasern auch bei Patienten mit Herzschwäche (Herzinsuffizienz) und Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) helfen kann.
In Marburg wird das neue Verfahren ab November 2011 ebenfalls zur Verfügung stehen und von Oberarzt Dr. C. Lüers und Prof. Dr. B. Maisch durchgeführt. Es ist dort ebenfalls in eine klinische Untersuchung eingebunden, die die Wirkung dieser Maßnahme auf die Entwicklung der bluthochdruckbedingten Verdickung des Herzmuskels und auf diastolische Funktionsstörungen untersucht.


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