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Sepsis-Projekt Greifswald48 Menschenleben gerettet

Die Uniklinik Greifswald zeigt, dass sich mit der Sepsis-Leitlinie, mit Schulungen und einer Sepsis-Schwester die Zahl der Toten stark reduzieren lässt.

Die Sepsis ist eine der gefährlichsten Infektionskrankheiten: Auf den Intensivstationen der deutschen Unikliniken erkranken 19 Prozent der Patient an ihr, jeder zweite davon stirbt.

Als der Anästhesist Matthias Gründling einem Redakteur von der „Ostsee-Zeitung” von dem Sepsis-Projekt der Uniklinik Greifswald erzählte, winkte dieser ab und sagte: „Das Thema ist für unsere Leser nicht relevant.” Gründling schüttelt den Kopf. „Nicht relevant” - das kann er nicht verstehen und zählt nur einige Zahlen auf, die das Gegenteil belegen: In Deutschland ist die Sepsis die dritthäufigste Todesursache, jährlich sterben 60.000 Menschen daran, dass ein Infekt wie eine Lungen- oder Bauchfellentzündung eine Entzündungsreaktion im gesamten Körper, sprich eine Sepsis, auslöst. An den Universitätskliniken ist die Sepsis fast Alltag: Hier erkranken den Intensivstationen 19 Prozent der Patienten an Sepsis, in allen anderen Krankenhäusern immerhin 11 Prozent.

„Extrem relevant”, ist Gründling überzeugt und hat deshalb mit Kollegen und dem einstigen Ärztlichen Direktor der Uniklinik, Claus Bartels, vor gut zwei Jahren ein Sepsis-Projekt eingeführt. Die Greifswalder tun damit, was eigentlich nur recht und billig ist: Sie befolgen die Leitlinie der Deutschen Sepsis-Gesellschaft und der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin penibel. Und ebenso wichtig: Sie sorgen dafür, dass die Leitlinie rechtzeitig zur Anwendung kommen kann. Denn dies ist eines der größten Probleme der Sepsis: Sie wird oft zu spät erkannt, häufig erst dann, wenn sie zum Schock – Weitstellung der Gefäße bei absoluter Tachykardie – und zum Organversagen, etwa der Niere, geführt hat.

Alle drei Monate eine Schulung
An oberster Stelle des Sepsis-Projektes steht deshalb die Fortbildung aller Ärzte und Pflegekräfte. Auf den Intensivstationen findet alle drei Monate eine Schulung statt, für die übrigen Klinikmitarbeiter hält dreimal im Jahr ein Sepsis-Experte ein Referat. In den hausinternen Veranstaltungen lernen die Mitarbeiter, auf die typischen Sepsis-Symptome zu achten. „Wenn nur zwei der Symptome vorliegen – etwa eine Körpertemperatur über 38 Grad Celsius und eine erhöhte Atemfrequenz –, spricht dies bereits für eine Sepsis”, sagt Gründling. Viel zu oft aber subsumieren Ärzte und Pflegekräfte eine solche Symptomkombination unter so schwammigen Diagnosebegriffen wie „Verschlechterung des Allgemeinzustandes” oder „respiratorische Insuffizienz”. Doch eigentlich heißt es jetzt schon: Handeln, die vermutete Primärinfektion aufspüren und sie antibiotisch behandeln – am besten nach einem Abstrich oder der Entnahme einer Blutkultur. Dies gilt erst recht, wenn der Patient etwas verwirrt wirkt: Denn dann könnte bereits eine schwere Sepsis eingetreten sein mit einer Dysfunktion des Zentralen Nervensystems. Die frühe Antibiotikabehandlung ist zentral, denn Studien haben gezeigt: Je früher Antibiotika gegeben werden, desto höher ist die Überlebensrate. Auch die rasche Kreislaufstabilisierung und die Herdsanierung – etwa durch eine OP oder eine Drainage – spielen für das Überleben selbstverständlich eine Rolle.

Die Schulungen sind hoch effektiv: Während in Greifswald früher 50 Prozent aller Sepsis-Patienten in der ersten halben Stunde nach Auftreten der ersten Symptome Antibiotika erhalten haben, sind es heute 90 Prozent. Die Sepsis-Sterblichkeit ist von 55 Prozent auf 35 Prozent gesunken. „Das heißt, wir konnten in zwei Jahren 48 Menschenleben retten”, sagt Gründling. Entscheidend beigetragen zum Erfolg hat auch die Sepsis-Schwester, die es in Greifswald seit zwei Jahren gibt. Sie geht über die Intensivstationen und prüft, wie viel Zeit vom ersten Auftreten der Symptome bis zum Verabreichen des Antibiotikums verstrichen ist. „Ein gewisser Druck erhöht die Qualität”, ist der Intensivmediziner überzeugt.

Das Projekt refinanziert sich schnell
Außerdem kümmert sich die Sepsis-Schwester um die Sepsis-Sterblichkeitsdatenbank und die Organisation der Schulungen. Sie ist halbtags angestellt und musste in den Stellenplan extra aufgenommen werden. Die Investition lohnt sich, meint Bartels, der 2007 als Ärztlicher Direktor mit besonderem Faible für Qualitätsmanagement die Sepsis-Schwester eingeführt und sich inzwischen mit dem Beratungsunternehmen Med Advisor selbstständig gemacht hat: „Das Projekt nimmt zwar Extraressourcen in Anspruch, doch es refinanziert sich schnell. Es entstehen längst nicht so viele Kosten, wenn die Sepsis früh erkannt wird und relativ milde verläuft.” Auch die Erlöse für eine schwere Sepsis sind relativ hoch: Sie gleichen den Aufwand jedoch nicht aus, der mit der Behandlung verbunden ist.

Eine Sepsis-Schwester wie in Greifwald gibt es sonst nirgends in Deutschland. Doch Gründling empfiehlt sie jedem Krankenhaus mit Intensivstation. „Für zehn Intensivbetten würde ich eine Vollkraftquote von 0,1 veranschlagen.” Bald könnte die Zahl der Sepsis-Schwestern steigen, denn die Uniklinik Greifswald plant mit der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern, das Projekt auf das ganze Bundesland auszudehnen. Vielleicht ist es dann auch ein Thema für die Ostsee-Zeitung.

Diesen und weitere interessante Artikel können Sie in der aktuellen kma Oktober Ausgabe lesen.

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