Ein Kommentar von Hermann Müller
Gesundheitspolitisch geben sich Helios-Manager meist abstinent. Als im Klinikum Siegburg kürzlich Ärzte und Krankenschwestern Alarm schlagen, die unzureichende Personalausstattung im Pflegebereich anprangern, weist der Konzern die Vorwürfe zurück. Eine Stellungnahme zur geplanten Demonstration am 9. Juli 2011 lehnt Sprecher Tobias Pott ab. "Helios als Leistungserbringer kommentiere keine gesundheitspolitische Forderungen", wird Pott im Kölner Stadtanzeiger indirekt zitiert.
» Offener Brief von Francesco De Meo
Nach der spektakulären Durchsuchung des Helios Klinikums in Berlin-Buch vor zwei Wochen hat das Unternehmen seine Strategie offenbar punktuell geändert und rückt von der gesundheitspolitischen Enthaltsamkeit ab. Helios-Chef Francesco De Meo macht in einem "offenen Brief" schlechte rechtliche Rahmenbedingungen für Durchsuchung und Ermittlungen verantwortlich. Helios habe, wie vom Gesetzgeber gewollt, ambulant und stationär in MVZ verzahnt, Patienten stets medizinisch korrekt versorgt. Leider lasse der Klinikalltag eine "höchstpersönliche" Leistungserbringung nicht immer zu. Zum Schutz der Ärzte vor strafrechtlichen Folgen müsse Helios jetzt Patienten abweisen – allein in der Bucher Radiologie 740 in zwei Wochen. Leidtragende seien Patienten, die wohnortnahe Versorgung bleibe auf der Strecke. Helios macht sich zum Märtyrer, der Beifall der (ostdeutschen) Öffentlichkeit dürfte ihm sicher sein.
Zwar ist höchst zweifelhaft, dass in Berlin-Buch, einem Flecken am Rand der Hauptstadt jetzt die Versorgung gefährdet wird. Trotzdem präsentiert sich Helios geschickt als Musterknabe, der stets im Interesse der Patienten handelt und die Tradition ostdeutscher Polikliniken fortsetzt. Der Unternehmenslenker gibt Vorwürfe der Ermittler indirekt zu, scheint das Risiko, Durchsuchungen in anderen MVZ, in Kauf zunehmen. De Meo verfolgt ein anderes Ziel. Er schiebt den schwarzen Peter zur bösen KV Berlin. Sie will Versorgungszentren an Kliniken verbieten.
In Wirklichkeit ist die Helios Kliniken GmbH kein Wohlfahrtsunternehmen, sondern ein knallhart agierendes Wirtschaftsunternehmen mit einem Ziel: einer Umsatzrendite von 15 Prozent. Hinter dem vorgeblichen Altruismus von De Meo verstecken sich wirtschaftliche Interessen. MVZ am Krankenhaus dienen in den Köpfen der Konzernmanager (weniger bei den Ärzten) auch als Einweisungsinstrument in die eigene Klinik. Nicht ohne Grund hat Josef Zacher, Ärztlicher Direktor im Helios Klinikum Buch, in seiner Ansprache zum 10. Geburtstag erklärt, man wolle die Zahl der Ärzte im MVZ deutlich erhöhen – parallel dazu möchte Helios die Betten im benachbarten Klinikum deutlich aufstocken.
Der offene Brief, mit dem Helios in die Offensive kommen möchte, zeugt auch von einem wenig ausgeprägten Rechtsverständnis eines promovierten Juristen. Wir haben uns an schlechte Regelungen im Interesse der Patienten nicht gehalten, so der Tenor des Schreibens. Der Jurist will, allerdings erst nachdem eine seiner Kliniken aufgeflogen ist, partout nicht einsehen, dass für das MVZ in Berlin-Buch die gleichen Spielregeln gelten wie für niedergelassene Ärzte. In einer Demokratie sind alle Ärzte gleich, auch die von Helios.
Hinterfragt werden muss auch die Behauptung, durch den konzernweit offenen Umgang mit dem Thema habe Helios die Ermittlungen "wohl erst" ausgelöst. Nach Angaben der Ermittler hat ein Arzt aus dem Helios Klinikum Buch den Stein ins Rollen gebracht. Dieser soll nach der Durchsuchung der Berliner DRK Kliniken im vergangenen Jahr zur Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin gegangen sein, diese wiederum hat Anzeige erstattet.
Der KV-Vorstand, dem Klinik-MVZ ein Dorn im Auge sind, drischt derweil aus eigennützigen Interessen mit falschen Argumenten auf die Einrichtungen ein. In den "anonymen Einrichtungen" werde der Betrug "offenbar begünstigt", so Vorstandsmitglied Burkhard Bratzke, der selbst ein MVZ betreibt. In "Einzel- und Zweierpraxen ist eine solche kriminelle Energie nicht vorhanden." Den Dermatologen plagt offenbar ein schlechtes Gedächnis. Schon 1996 machte die Fernsehsendung "Monitor" die Ergebnisse einer Plausibilitätsprüfung der KV Berlin öffentlich, bei der zahlreiche "Kollegen" aufgeflogen waren. Spitzenreiter war ein Arzt, der nach den abgerechneten Leistungen täglich 25,2 Stunden Patienten versorgt hatte. Einen Tag später gründete das LKA die SOKO Medicus, die, Ironie der Geschichte, das Helios Klinikum Buch mehrfach "besucht" hat.
Auch wenn die Berliner KV einen guten Draht zu Medicus besitzt: Die Auseinandersetzung muss die Körperschaft mit den richtigen Argumenten führen, sonst wird sie politisch unglaubwürdig. Denn Medizinische Versorgungszentren an Kliniken sind im Prinzip richtig. Aber auch die Regeln sind für alle Beteiligten gleich. Auch Helios muss einsehen, dass für sie keine Extrawürste gebraten werden.
Der Autor Hermann Müller war bis Ende 2009 Pressesprecher im Helios Klinikum Berlin Buch.



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