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Hauptstadtkongress 2021HSK-Präsident Einhäupl über Tradition und Erneuerung

Der Hauptstadtkongress (HSK) steht vor zwei großen Veränderungen. Zum ersten Mal wird der Kongress als Hybrid-Format stattfinden. Und zum anderen übernimmt Prof. Dr. Karl Max Einhäupl die Präsidentschaft. Ein Interview über Tradition, Veränderung und die inspirierende Atmosphäre der Präsenzveranstaltung.

Prof. Dr. Karl Max Einhäupl
Wiebke Peitz/Charité

Prof. Dr. Karl Max Einhäupl

Sie sind der neue Präsident des HSK. Was bedeutet das für Sie?

Das ist eine hochinteressante Herausforderung. Wenn man in eine Organisation neu eintritt, dann wird erwartet, dass man einerseits etwas weitertreibt und andererseits etwas verändert. Nicht, weil das vorherige schlecht war, sondern weil Organisationen davon leben, sich zu verändern. Diese Aufgabe zu übernehmen, macht mir Spaß. Darüber hinaus bedeutet das eine Menge Arbeit. Ich wurde in diesem Jahr 74 und habe bis vor zwei Jahren die Charité geleitet. Es ist schon herausfordernd, sich jetzt auf den Hauptstadtkongress einzustellen.

Nach den 26 Jahren, in denen Ingrid Völker und Ulf Fink den Kongress geleitet haben?

Die beiden haben den HSK zu einer absoluten First-Line-Organisation gemacht. Da könnte man sich fragen, warum wollen wir überhaupt etwas ändern? Nun gehört es zu meinen Aufgaben, mich an neue Herausforderungen heranzuwagen. Nicht weil das Alte schlecht war, sondern weil es immer Erneuerungen geben muss.

In diesem Jahr ist der Kongress ohnehin anders …

Das ist das erste Mal für mich, und gleichzeitig findet der Kongress unter anderen Bedingungen statt. Zum ersten Mal gibt es den Kongress – hoffentlich – als Hybrid- Format, also mit Wechsel zwischen Präsenzveranstaltungen und digitalen Formaten. Wir haben alle Voraussetzungen für eine Hybridveranstaltung getroffen, mit Hygienekonzept und PCR-Test für alle. Ob Präsenzveranstaltungen aber stattfinden können, ist wegen der Entwicklung der Infektionszahlen trotzdem nicht sicher. Wenn es klappt, freue ich mich, weil eine Veranstaltung mit anwesenden Menschen einfach eine andere Atmosphäre schafft.

Welche Chancen liegen im Digitalen?

Wenn die Pandemie etwas Positives hatte in Deutschland, dann ist es die zunehmende Auseinandersetzung mit digitalen Tools. Auch ich habe da einiges gelernt. Ich hoffe, dass das in Zukunft, wenn wir Corona besser beherrschen können, dazu führt, dass man sich öfter die Frage stellen wird: Müssen für den Termin jetzt 20 Leute durch die Welt fliegen, oder können wir das digital machen? Gleichzeitig sehe ich, was verloren geht, wenn man nicht zusammenstehen kann. Beim Kaffee in der Pause erfährt man oft mehr als am Rechner.

Welche neuen Impulse möchten Sie einbringen, und was muss bleiben?

Der Hauptstadtkongress ist der bedeutendste Gesundheitsmanagementkongress. Das ist die Tradition, und das muss auch so bleiben. Was man überdenken muss: Das Gesundheitswesen ist zunehmend nicht mehr regional organisiert, sondern muss internationaler ausgerichtet werden. Ich möchte den internationalen Charakter mehr in den Vordergrund rücken. Ich kann mir vorstellen, dass wir zu bestimmten Themen verstärkt auf außerdeutsche Gesundheitssysteme blicken und andere Impulse bekommen. Außerdem werden wir neue Formate ausprobieren.

Wird bei der Corona-Bekämpfung genug ins Ausland geschaut?

Es wird im Moment sehr viel geschaut, was machen die anderen. Wobei man sagen muss: Wir machen es nicht schlecht. Seit es Corona gibt, werde ich nicht mehr rot, wenn ich behaupte, wir haben eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Das müssen wir auch halten. Wir stehen weit vorne und sollten mehr international vorantreiben. Wir sehen oft nur, was andere besser machen, aber wir müssen auch überlegen, wo können wir uns einbringen und anderen etwas beibringen.

Ist es ein Problem, dass wir immer nur das zeigen, was nicht klappt? Wenn beispielsweise alle über das „Impfdesaster“ schreiben?

Ich bedaure Herrn Spahn und andere Politiker, weil sie für viele Schwierigkeiten nicht die persönliche Verantwortung tragen. Die Impfstoffbeschaffung war nicht das Problem von Jens Spahn. Gerade wird in den Medien vieles kritischer gesehen als nötig. Sehen wir uns das Impfen an: Da sind uns andere voraus.

Natürlich müssen wir uns fragen, warum hat England mit einem der schwierigsten Gesundheitssysteme der Welt das viel besser im Griff als wir? Das hängt mit Europa zusammen. Ich finde es bedenklich, dass in Europa eine große Schwäche offenbar wird, gerade in einer Zeit, in der wir darauf angewiesen sind zusammenzuwachsen. Das Problem lässt sich zum Teil vergleichen und erklären mit der föderalen Struktur Deutschlands: Es reden einfach zu viele Leute mit – das zeigt sich in Krisen. Da kommt der Föderalismus an seine Grenzen. Wir müssen aus diesen Problemen lernen, und dazu muss der Kongress beitragen. Es wird nicht das letzte Virus sein und auch nicht die letzte Pandemie.

Welche Rolle wird Corona auf dem Hauptstadtkongress spielen?

Es wird eine zentrale Rolle spielen. Die Politik, die eingeladen ist, wird das zum Thema machen. Alena Buyx aus München ist eingeladen, um ethische Probleme zu diskutieren. Es wird ein wichtiger Aspekt sein, aber wir machen keinen Corona- Kongress. Es werden auch weiterhin die zentralen Themen der Gesundheitswirtschaft und des Gesundheitsmanagements zur Sprache kommen.

Auf welche Themen freuen Sie sich?

Ich freue mich schon auf die Corona-Diskussionen; also wie stellen wir uns auf zukünftige Herausforderungen ein, und was können wir aus der gegenwärtigen Diskussion lernen? Ein anderes Thema ist die Technisierung der Medizin, sie ist eine große Chance, stellt uns aber auch vor Herausforderungen. Worauf müssen wir uns besser einstellen, worauf können wir verzichten? Worauf müssen sich Kliniken einstellen? Natürlich ist das Thema Digitalisierung spannend; vor allem müssen wir klären, warum die Umsetzung nicht funktioniert. Da bin ich gespannt, welche Impulse wir da bekommen. Die baltischen Länder sind in Sachen Digitalisierung dramatisch weiter als wir. Daraus können wir eine Menge lernen.

Wie sieht es in der Pflege aus? Die steht im Moment ungewohnt im Rampenlicht.

Ein wichtiger Punkt ist und bleibt: Wie motivieren wir Menschen, in der Pflege tätig zu werden und auch zu bleiben. Wobei ich auf das Bleiben einen gesteigerten Wert lege. Der Pflegeberuf ist in Deutschland in starkem Maße ein Aussteigerberuf. Viele sind am Anfang begeistert, und irgendwann wollen sie nicht mehr weitermachen. Das hat mit vielen Dingen zu tun. Die meisten Berufe in der Pflege sind nicht gut bezahlt, und es fehlen Karrierechancen. Viele hören irgendwann auf, aber wir brauchen Menschen, die motiviert bleiben und die ihre Erfahrungen an Jüngere weitergeben.

Zur Person:

In diesem Jahr findet der Hauptstadtkongress zum ersten Mal unter der Präsidentschaft von Prof. Dr. Karl Max Einhäupl statt. Der Neurologe ist im gesamten Gesundheitswesen bestens vernetzt. Von 2008 bis 2019 war er Vorstandsvorsitzender der Charité Universitätsmedizin Berlin. Neben seiner Tätigkeit als Vorsitzender des Wissenschaftsrates war er unter anderem Mitglied des Gesundheitsforschungsrates beim Bundesforschungsministerium, Kuratoriumsmitglied der Otto-von- Guericke-Universität Magdeburg und Vorsitzender des Hochschulrates der Technischen Universität München. Mit dem Hauptstadtkongress übernimmt Einhäupl zugleich die Funktion als Kongresspräsident beim Europäischen Gesundheitskongress München und beim Gesundheitskongress des Westens in Köln. 

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