Warum wird ein Mensch adipös? Weil er sich falsch ernährt, so die landläufige Überzeugung. Krankenkassen versuchen seit Jahren dickleibige Patienten durch Ernährungskurse, Kochkurse und Bewegungsprogramme zu heilen. Doch die Wirkung ist mäßig. Sicherlich: Die Adipösen haben begriffen, was gesunde Ernährung bedeutet. Nur fällt es ihnen schwer, den großzügigen Verzehr von Hähnchenschenkeln und Schokoriegeln zugunsten von gedünstetem Fisch und Möhren aufzugeben. Warum? Weil sie undiszipliniert sind? Das sieht Norbert Glahn anders: Es könnte sich um eine Sucht handeln, meint der Chef der Allgemeinen Hospitalgesellschaft (AHG). "Das Suchtzentrum im Gehirn spielt bei Adipösen möglicherweise eine ähnliche Rolle wie bei Alkohol- oder Medikamentenabhängigen." Glahns Reha-Unternehmen hat bereits adipöse Patienten mit Elementen der Suchttherapie recht erfolgreich behandelt. Doch der Vorstandsvorsitzende ist vorsichtig, als ehemaliger Wissenschaftler setzt er auf Studien, nicht auf Spekulationen. "Wir sind damit bisher nur an Patienten herangetreten, die zwar adipös waren, aber aus einem ganz anderen Grund zu uns kamen. Jetzt wollen wir ein Konzept entwickeln und sehen, ob sich die positiven Ergebnisse bestätigen."
Diese Innovationsfreude scheint für die AHG der Schlüssel zum Erfolg. Das Familienunternehmen zählt mit seinen 45 Standorten zu den wenigen Betreibern mit Rehabilitationsschwerpunkt, die nicht klagen ? obgleich es reichlich Gründe dazu gäbe: etwa die geringen Tagessätze von oft nur 130 Euro, die sinkenden Ausgaben der Krankenkassen für den Reha-Bereich und die momentane Zurückhaltung selbst der Rentenversicherer. Experimentierfreude hat die AHG schon bei ihrer Gründung 1973 bewiesen: Damals hat sich Wolfgang Glahn, der Vater von Norbert Glahn, ganz auf das Thema Sucht spezialisiert und die Entwöhnungstherapie in Deutschland erneuert. Im ersten AHG-Haus in Tönisstein hat er von Anfang an auf die monatelange Kasernierung der Suchtkranken verzichtet und stattdessen auf eine nur wenige Wochen dauernde Kurzzeittherapie gesetzt. In diesem Zuge entwickelt die AHG auch die Soziotherapie. Einige Jahre später, 1981, ist die Psychosomatik hinzugekommen ? zu einer Zeit, als noch keiner glaubte, dass diese Fachrichtung einmal ein solcher Schwerpunkt innerhalb der Reha werden würde. Und wie bei der Alkoholtherapie stieg die AHG auch in die Psychosomatik hoch profiliert ein und gründete in Bad Dürkheim die erste verhaltensmedizinisch orientierte psychosomatische Klinik in Deutschland.
Die Nachfrage ist groß
Die Eigenwilligkeit macht sich bezahlt: Die AHG schließt seit ihrer Gründung mit positiven Jahresergebnissen ab, was in der krisengebeutelten Reha-Branche durchaus erwähnenswert ist. Zuletzt, von 2009 auf 2010, hat das Unternehmen sein Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit von 3,3 auf 3,7 Millionen Euro steigern können. Der Kauf der neun Häuser der insolventen KTE aus Bad Hersfeld 2007 hat sich also bewährt. Das zeigt sich auch an der Eigenkapitalquote: Diese ist zwischen 2009 und 2010 um 7,8 Prozentpunkte auf 28,2 Prozent gestiegen.
In einer Pressemitteilung zum Geschäftsjahr 2009 heißt es dazu knapp: "Die AHG profitiert von steigenden Erlösen bei gleichzeitig zurückgehenden Betriebsaufwendungen." Warum aber sind die Betriebsaufwendungen zurückgegangen? "Die Leistungen, die wir anbieten, werden gut nachgefragt. Dies ist ein wesentlicher Punkt. Außerdem versuchen wir, eben gut und sparsam wie ein vernünftiger Kaufmann zu wirtschaften", antwortet Glahn. Doch wie stellt die AHG es an, das vernünftige Wirtschaften? Der 52-Jährige zählt die üblichen Instrumente auf wie Benchmarking und ein strenges Qualitätsmanagement. "Qualitätsmanagement ist inzwischen obligatorisch für Reha-Kliniken ? ich weiß. Doch wir beschäftigen uns schon lange damit. Wir waren die ersten in Deutschland, die es eingeführt haben, und zwar 1996 in Bad Pyrmont." Kürzlich hat das Unternehmen sogar ein zentral gesteuertes Stichprobenverfahren eingeführt und gilt damit als Referenz bei der "Zertifizierung für Klinikgruppen mit Verbundüberwachung". Ermöglicht wird dieses ausgereifte Qualitätsmanagementsystem durch eine zentrale IT, mit der die AHG diverse Daten aus den Einrichtungen erfassen und zusammenführen kann.
Seit 1983 gibt es EDV bei der AHG
Die AHG ist so zentral organisiert wie nur wenige Betreiber in der Rehabilitation. Dafür gibt es eine Erklärung: Norbert Glahns IT-Expertise, die ihn 1983 ins Unternehmen gebracht hat. Der studierte Meeresphysiker hatte von seinem Vater den Auftrag erhalten, mit der "allerersten PC-Generation" eine computergestützte Verwaltung der Patientendaten aufzubauen. Die Affinität zu IT-Themen kommt der AHG jetzt, da die Ansprüche der Leistungsträger an Qualität und Dokumentation steigen, zugute. So gehört es für das Familienunternehmen schon seit vielen Jahren zum Standard, den Werdegang ihrer Patienten nachzuverfolgen und die langfristigen Erfolgsquoten für die verschiedenen Süchte zu erfassen. Auch die facettenreiche Balanced-Scorecard (BSC) ist wegen der hoch entwickelten IT leichter umzusetzen. 20 Punkte umfasst die BSC der AHG, dazu zählen die Berichtslaufzeit, die Beschwerdequote, die Wahlrechtsquote sowie die Einhaltung der Behandlungszeit.
Nun werfen einige Managementexperten dem BSC-System vor, dass es rückwärtsgewandt sei. Das mag stimmen, heißt aber noch lange nicht, dass sich die AHG in ihrer Strategie von der Vergangenheit beherrschen lässt. Anderenfalls würde sie sich nicht so stark mit dem Thema Sucht und Alter beschäftigen, das eindeutig ein Thema der Zukunft ist. Allerdings scheint es wenig lukrativ: Bei über 60-Jährigen ist die Erfolgsrate zwar höher als bei den Jüngeren, doch dürfte das Interesse der Krankenkassen, die für die Reha-Behandlung von Rentnern zuständig sind, eher gering sein. Glahn ist sich darüber im Klaren, dass die Kostenträger den Leitsatz "Reha vor Pflege" nicht wirklich beherzigen. Dennoch bietet die AHG spezielle Behandlungsformen für ältere suchtkranke Patienten an.
Manchmal zahlen auch die Sozialhilfeträger
Das Düsseldorfer Familienunternehmen denkt offenbar vom Behandlungsbedarf her und stellt erst dann die Frage der Kostenerstattung. So erwägt der Reha-Betreiber etwa auch, für schwere Krankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Krebs ? Glahn nennt sie "gesundheitliche Großereignisse" ? eine psychosomatische Behandlung anzubieten. Was die Zahlungsbereitschaft der Kassen angeht, ist der AHG-Chef zuversichtlich: "Soweit wir einen Schritt weiter sind, werden wir gemeinsam mit einem Kosten- oder Leistungsträger den Ansatz testen." Auch bei der geplanten Adipositas-Therapie vertraut die Düsseldorfer AHG darauf, dass sie eine Krankenkasse oder eine Rentenversicherung für ein Pilotprojekt gewinnen kann.
Dass sich Lösungen oft leichter finden, als zunächst gedacht, hat Glahn schon häufiger erlebt: So gibt es ein suchtkrankes Ehepaar, das nach erfolgreicher Entwöhnung noch heute einmal die Woche eine psychotherapeutische Sitzung in einer der zwölf Soziotherapiezentren der AHG besucht und dies vom Sozialhilfeträger finanziert bekommt. "Sie haben beide einen Job und meistern ihren Alltag erfolgreich, auch weil die wöchentliche Sitzung bei uns ihnen Kraft gibt. Und das wissen die Sozialhilfeträger: Ihnen ist klar, dass die Kosten für sie ungleich höher wären, wenn die beiden wieder rückfällig würden."


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