Ein wenig Herzenswärme würde der unvoreingenommene Leser von Oberbürgermeister (OB) Christian Ude schon erwarten: Schließlich ist die Stadt München Gesellschafterin des defizitären Klinikums. Doch im Interview mit dem Münchner Merkur über die Klinik GmbH ist Udes Ton kühl. Angesprochen auf die nötige und kürzlich im Stadtrat verabschiedete Finanzspritze von 200 Millionen Euro, antwortet er: "Es kommt tatsächlich überraschend und ist für die Stadt als Gesellschafterin äußerst unangenehm." Später sagt er über die Geschäftsführerin Elizabeth Harrison, sie habe "ein schwieriges Vorhaben begonnen auf einer teilweise schlimmen Baustelle". Worte der Zuversicht finden sich in diesem Interview von Ende Juli kaum, Ude spricht über das Klinikum wie ein Lehrer, der angesichts der schlechten Leistung seines Schülers resigniert hat und sich nur noch aus pädagogischem Pflichtgefühl die eine oder andere aufmunternde Bemerkung abringt.
Das irritierende an diesem Interview: Die politische Günstlingswirtschaft, die allgemein als Ursache für die defizitäre Situation der fünf städtischen Kliniken ausgemacht wird, fällt eindeutig in Udes 19-jährige Amtszeit. Und die Koalition aus SPD und Grünen hat den Dilettantismus in der Geschäftsführung des Klinikums nicht aus purer Einsicht beendet. Nein, sie stand im Sommer 2010 schlicht unter Druck, auf den Hygieneskandal zu reagieren. Deshalb hat sie die alten Klinikum-Chefs — Grünen-Mitglied Fuß und SPD-Mitglied Greiner — geschasst und Elizabeth Harrison von der Oberschwabenklinik nach München geholt. Warum also klingt Ude in dem Interview eher wie ein Oppositionspolitiker? Warum betont er die wachsende Ungeduld des Stadtrats und des Steuerzahlers und bezweifelt, dass die veranschlagten Sanierungskosten nicht ausreichen werden? Ein Kenner der Münchner Szene hat dafür eine Erklärung: Der OB wünscht sich möglicherweise gar keinen guten Ausgang des jetzigen Sanierungskonzepts. Die SPD-Fraktion möchte den Aufsichtsratsvorsitzenden des Klinikums Hep Monatzeder — Chef der Münchner Grünen-Fraktion —, über "die Klinge springen lassen". Dafür aber sei es nötig, dass das Sanierungskonzept von Elizabeth Harrison scheitert.
Revisionsamt kritisiert Pricewaterhouse Coopers
Seit zwei Jahren ist Harrison nun in München, sie hat die Verwaltungsleitungen in den einzelnen Standorten abgeschafft und die Position der Geschäftsführung gestärkt. Die Hierarchieebene zwischen Geschäftsführung und den einzelnen Klinikleitungen hat sie nach Aussagen der CSU-Fraktion "modifiziert". Doch das Dringlichste, die Bündelung der medizinischen Leistungen, konnte sie bisher nicht durchsetzen.
Immer wieder wird Harrison von der Vergangenheit eingeholt: So hat sich herausgestellt, dass die Zahlen für 2010 und 2011 nicht stimmen und das Defizit höher ist, als angenommen. Selbst das Wirtschaftsprüfungsunternehmen Pricewaterhouse Coopers, das den Lageplan 2010 unter die Lupe nehmen sollte, hätte ein "zu positives Bild" gezeichnet, kritisierte kürzlich das Revisionsamt nach Berichten des Münchner Merkurs. Auch gibt es einen gravierenden Investitionsstau, für den noch keine Lösung gefunden ist. Ob der 100 Jahre alte Pavillonbau in Schwabing und der ebenfalls sanierungsbedürftige Standort Bogenhausen zusammengelegt werden und wenn ja, wo — alles dies wird jetzt erst in einer Machbarkeitsstudie geprüft und nicht vor Mitte nächsten Jahres entschieden. Zu allem Überfluss hat das Revisionsamt der Bauabteilung der Klinik auch noch Unfähigkeit attestiert.
Dass Harrison unter diesen Umständen noch keine tief greifenden Veränderungen bewirken konnte, macht ihr niemand zum Vorwurf. Allerdings: Im Interview mit dem Merkur lässt Ude sie als relativ schwach dastehen. Ob die Geschäftsführerin noch sein Vertrauen genieße, fragt der Reporter. Sie gehe die Dinge richtig an, antwortet Ude. Und fügt hinzu: "Sie hat die volle Rückendeckung von Stadtspitze, Aufsichtsratsspitze und Stadtratsmehrheit. Und die braucht sie jetzt auch, wenn das Ergebnis verbessert werden soll." Damit klingt er ähnlich verhalten wie die Opposition. Harrison sei guten Willens, sagt der Fraktionsvorsitzende der Münchner CSU, Josef Schmid, gegenüber kma. Doch sie brauche in der Geschäftsführung kompetente Leute an ihrer Seite. "Und die sind jetzt erst dazu gekommen: Endlich gibt es mit Hennes und Bergmann auch einen Mediziner und einen zupackenden Kaufmann. Eigentlich kann es nun erst richtig losgehen." Allerdings: SPD-Fraktionsmitglieder aus dem Aufsichtsrat des Klinikums sollen sich bei Branchenexperten nach geeigneten Nachfolgekandidaten für Harrison erkundigt haben — für den Fall, dass Monatzeder stürzt.
Aufsichtsratschef Monatzeder auf wackligem Posten?
Angeblich, so ist aus Münchner Kreisen zu hören, wollten die SPD-Fraktionsmitglieder durch Monatzeders Sturz verhindern, dass er 2014 ein weiteres Mal als Oberbürgermeister kandidiert. Diese Gefahr besteht nun nicht mehr: Wenige Tage nach dem Ude-Interview mit dem Münchner Merkur hat der langjährige 3. Bürgermeister bei den Grünen die Nominierung gegen Sabine Nallinger verloren. Trotzdem: Durch die parteiinterne Entmachtung von Monatzeder wachse bei der SPD vermutlich, so spekuliert auch die Lokalzeitung tz, die Versuchung, die Verantwortung für die Misswirtschaft bei dem Aufsichtsratschef abzuladen. Immerhin ist Monatzeder seit Gründung der GmbH in dieser Position.
Die konkrete Arbeit scheint unter diesen Diskussionen zu leiden. Welches die nächsten Schritte sind im Sanierungsplan, ist weder von Monatzeder noch von Harrison zu erfahren. Die Geschäftsführerin, die für ihre lebhaften Vorträge auf Tagungen und Kongressen bekannt ist, hat McKinsey ins Haus geholt und hält sich mit Pressemitteilungen über Details der Umstrukturierung inzwischen zurück. Veröffentlicht wird nur noch das Nötigste: dass zwei neue Männer in die Geschäftsführung gekommen sind, etwa, oder der Vorstand entlastet worden ist.
Der Artikel wurde in der kma-Ausgabe September veröffentlicht.



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