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DGE-EmpfehlungenLecker, Gesund, Aigner

Verbraucherministerin Ilse Aigner findet, Krankenhäuser können nicht kochen. Ein Grund für kma die Qualität des Klinikessens genauer zu beleuchten.

Es gibt Behauptungen, über die herrscht allgemeiner Konsens: dass in Hamburg immer schlechtes Wetter ist, zum Beispiel. Dass Frauen nicht einparken, Männer nicht zuhören können. Und natürlich: dass das Essen in Krankenhäusern schlecht ist. Geschmacklos und wenig nahrhaft. Eine Aussage, der kaum widersprochen wird, eine Kerbe, in die sich leicht schlagen lässt. Doch handelt es sich nicht nur um ein Klischee? Wohl kaum, mag Ilse Aigner sich gedacht haben, als sie Ende 2009 die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) beauftragte, Qualitätsstandards für die Verpflegung in Krankenhäusern und Rehakliniken aufzustellen. Es handelt sich um keine isolierte Aktion: Mit der Initiative "In Form" will die Behörde der Verbraucherministerin gemeinsam mit dem Bundesgesundheitsministerium dafür sorgen, dass die Deutschen einen gesünderen Lebensstil entwickeln. Und da immer mehr Kinder und Erwachsene Gemeinschaftsverpflegungen nutzen, sei es in Kitas, Schulen, Betriebskantinen oder Seniorenheimen, hat das Ernährungsministerium Standards für das Essen in diesen Einrichtungen erarbeiten lassen. Zuletzt nun auch für die Verpflegung in Krankenhäusern.

Herausgekommen ist eine 52-seitige Sammlung von Empfehlungen, wie Krankenhäuser ein vollwertiges Verpflegungskonzept umsetzen können (siehe Seite 48). Kurz nachdem die DGE diese Standards Anfang September in Bonn der Öffentlichkeit vorgestellt hat, passiert jedoch Erstaunliches. "Das Essen in Krankenhäusern kann der Genesung schaden", heißt es in den Medien, und: "Bundesregierung will Defizite angehen". In dem einen oder anderen Krankenhaus schlagen die Wellen hoch. "Eine Unverfrorenheit", wettert Udo Schmitt, stellvertretender Geschäftsführer des Städtischen Krankenhauses Heinsberg in Nordrhein-Westfalen. 200 Mahlzeiten stellen die Mitarbeiter in der klinikeigenen Küche täglich her, zwischen vier Menüs können die Patienten wählen. "Wir bieten täglich Salat aus frischen Zutaten an", betont Geschäftsführer Heinz-Gerd Schröders. In regelmäßigen Patientenbefragungen schneidet sein Haus gut ab: "Unser Essen wird immer zwischen gut und sehr gut bewertet, den Schuh der DGE ziehen wir uns nicht an."

DGE nutzt Nutrition Day als Basis

Eine derartige kritische Darstellung der Krankenhausverpflegung in den Medien habe die DGE gar nicht beabsichtigt, rudert nun Margit Bölts, DGE-Referentin für Gemeinschaftsverpflegung und Qualitätssicherung, zurück. Die Ernährungsgesellschaft habe lediglich zeigen wollen, "wie mithilfe von Ernährung der Genesungsprozess gefördert und zum Wohlbefinden der Patienten beigetragen werden kann", so die Expertin gegenüber kma. Den Krankenhäusern eine schlechte Verpflegung ihrer Patienten vorzuwerfen, die gar deren Genesung gefährde, wäre doch reichlich vermessen von der DGE, meint Bölts. Tatsächlich fehlen der DGE stichhaltige Argumente für diesen Vorwurf: Die Suche nach statistischen Daten, die die Notwendigkeit der DGE-Handlungsempfehlungen stützen könnten, gestaltete sich als schwierig. Da nützte es auch nichts, dass das Verbraucherministerium bis Anfang dieses Jahres 320.000 Euro in das Projekt investiert hat. Zur Qualität der Verpflegung in Krankenhäusern gibt es nach Aussagen der DGE kaum Studien und keine genauen Ist-Daten. In niedersächsischen Kliniken, sagt Bölts, hätten Wissenschaftler einmal festgestellt, dass zu wenig Obst und Gemüse angeboten würde ? dies jedoch sei Mitte der 90er Jahre gewesen. Die DGE hat sich am Ende auf eigene Beobachtungen berufen und auf die Ergebnisse des Nutrition Day, einer Initiative der österreichischen Arbeitsgemeinschaft für klinische Ernährung und der European Society of Clinical Nutrition. Im Januar 2006 hatten die Wissenschaftler einen Tag lang über 15.000 Patienten in 26 europäischen Ländern nach ihrem Essverhalten befragt, darunter auch rund 2.000 Menschen auf 105 Stationen deutscher Krankenhäuser. Ergebnis: 50 Prozent der Befragten aßen ihr Mittagessen höchstens zur Hälfte auf. Ohne Zweifel eine bemerkenswerte Nachricht, denn eine verminderte Nahrungszufuhr ? auch das konnten die Wissenschaftler der Nutrition-Day-Initiative belegen ? erhöht das Sterblichkeitsrisiko der Patienten. So stieg bei jenen Patienten, die nur die Hälfte ihrer Mittagsmahlzeit aßen, die Mortalitätsrate von 0,7 auf 4 Prozent.

Warum, so wurde DGE-Referentin Margit Bölts in einem Fernsehinterview gefragt, essen nun aber Patienten ihr Essen so selten auf? "Ich denke mal", antwortete sie leicht zögerlich, "ein großer Teil davon, weil es einfach nicht so richtig schmeckt." Da ist sie wieder, die Kerbe, in die sich so leicht schlagen lässt. Aber beim Nutrition Day wurde auch nach den Gründen für die Zurückhaltung beim Essen gefragt. Und die waren erstaunlich vielfältig: "Ich bin nicht hungrig", sagten die Patienten und: "Ich leide unter Übelkeit." Oder auch: "Ich durfte wegen einer anstehenden Untersuchung nicht essen." Natürlich gaben auch manche Patienten an, dass ihnen das Essen nicht schmecken würde ? aber es war ein Grund unter mehreren.

Den kompletten Artikel und viele weitere spannende Themen finden Sie in der neuen Oktober-Ausgabe des kma-Magazins.

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