Georg Thieme Verlag KGGeorg Thieme Verlag KG
Georg Thieme Verlag KGGeorg Thieme Verlag KG

kma-Titelthema "Pflegedienstleitungen"Reif für die Führung

Pflegedienstleitungen haben entscheidenden Einfluss auf die Erlössituation. Immer mehr Krankenhauschefs beteiligen sie deshalb an der Klinikleitung.

Jeder in Deutschland versteht diese Frage: "Sollten Pflegedirektoren gleichberechtigt in der Klinikleitung sitzen?" Verwirrung stiften dürfte dagegen eine andere, fast ketzerisch klingende Frage: "Brauchen wir einen Kaufmännischen Leiter?" Elizabeth Harrison, geborene US-Amerikanerin und seit April neue Chefin des Städtischen Klinikums München, hat sie gestellt und sie für die defizitären Häuser des Verbundes schnell beantwortet: "Nein, wir brauchen sie nicht." Die kaufmännischen Klinikdirektoren, die bisher die Geschäfte in den fünf kommunalen Krankenhäusern alleinverantwortlich geleitet haben, verlassen in diesen Tagen ihre Posten und werden in der Unternehmenszentrale arbeiten. Damit wird die Pflegedienstleitung oder die Leitung Pflege- und Patientenmanagement (LPSM), wie es in München heißt, in ungewöhnlicher Weise aufgewertet: Ihr wird zugetraut, ohne Kaufmann die Geschäfte gleichberechtigt mit dem Ärztlichen Leiter zu führen, denn es ist ausdrücklich von einer "Tandemführung" die Rede. Damit hat Elizabeth Harrison in München ähnliche Strukturen eingeführt wie in der Oberschwabenklinik (OSK): Dort hat sie, als frühere Geschäftsführerin dieses kommunalen Verbunds, den LPSM für die gesamten Abläufe die Verantwortung übertragen - ausgenommen jene, die ganz allein die Ärzte betreffen.

Gleichberechtigte Stellung bei Sana

Für Peter Bechtel ist die Entwicklung in München und Oberschwaben nur folgerichtig. "Heute habe ich Organisations-, Prozess- und Budgetverantwortung. Ich fühle mich für das Unternehmen verantwortlich und sehe mich nicht ausschließlich als Vertreter meiner Berufsgruppe", sagt der Vorstandsvorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Leitender Pflegepersonen (BALK), der als Pflegedirektor im Herz-Zentrum Bad Krozingen arbeitet. Die Zeiten seien vorbei, in denen Pflegedienstleitungen morgens im Schwesternkittel ihre Runden über die Stationen drehten, sich nach dem Befinden erkundigten und es als ihre Hauptaufgabe betrachteten, Dienst- und Stellenplanung, Personaleinstellung und Zeugnisse zu schreiben. Peter Bechtel ist Mitglied der Klinikleitung im Herz-Zentrum. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Der Pflegedirektor schätzt, dass nur circa 20 Prozent seiner Kollegen gleichberechtigt in der Krankenhausleitung integriert sind. Gerade bei den privaten Trägern spielen sie oft eine untergeordnete Rolle. So stehen in den meisten Helios-Häusern Kaufleute an der Spitze, Ärztliche Leitung und Pflegedienstleitung (PDL) haben vor allem beratenden Einfluss. Eine Ausnahme unter den privaten Konzernen bildet die Sana Kliniken AG, in deren Häusern es das klassische Dreierdirektorium gibt mit Kaufmännischer Leitung, Ärztlichem Direktor und Pflegedienstleitung. "Die Pflegedirektorin ist uns ein viel zu wichtiger Partner bei der Umsetzung von Prozessen, als dass wir auf sie verzichten wollten", sagt Angelika Pohl, Referentin für Qualitätsmanagement und Pflege bei Sana.

Im Klinikum Görlitz ist die PDL in die Leitung zurückgekehrt

Pflegedienstleitungen sind heute oft maßgeblich an der Entwicklung von berufsübergreifenden Strukturen und Prozessen beteiligt, die die Leistungserbringung und das Ergebnis steigern. "Deshalb ist ihre Forderung nach einem Sitz in der Klinikleitung gerechtfertigt", meint die Münchner Personalberaterin Andrea Köhn. Und deshalb bekommen sie ihn auch immer öfter - wie im Städtischen Klinikum München oder auch im Klinikum Görlitz. Dort hat René Bostelaar vor rund zwei Jahren die kaufmännische Geschäftsführung übernommen und kurz nach Amtsantritt die PDL zurück in die Klinikleitung geholt, aus der sie viele Jahre verbannt war. Bostelaar war zuvor Pflegedirektor in Köln, wo er als einer der Ersten in Deutschland Case Manager eingeführt hat. Case Manager kommen in der Regel aus dem Pflegeberuf und werden jetzt auch in Görlitz dafür sorgen, dass die Patienten reibungslos Aufnahme, Diagnostik, Therapie und Entlassung durchlaufen. Für Bostelaar ist es ein Managementfehler, wenn Krankenhausträger Pflegekräfte, die mit den Prozessen so vertraut sind wie keine andere Berufsgruppe, nicht in die Verantwortungsgremien einbinden. "In den großen Industriekonzernen sitzen die Produktionsleiter doch auch in den Vorständen. Außerdem: Der Pflegedienst wird in den Krankenhäusern der Zukunft führend sein. Wegen des Ärztemangels werden wir eine Situation wie in Holland oder den USA bekommen, wo Ärzte oft nur noch als Belegärzte beschäftigt oder bei Besonderheiten hinzugezogen werden."

Mehr Verantwortung für Stationsleitungen im UK Essen

Dass Pflegedirektoren mehr sind als Organisator und Sprachrohr ihrer Berufsgruppe, zeigt sich deutlich an der Pflegedirektorin der Uniklinik Essen Irene Maier. In Essen hat sie die Kompetenzbereiche der Pflegedienst- und Stationsleitungen erheblich erweitert: "Sie haben nun im operationalen Geschäft persönlichen Anteil an der Umsetzung der Unternehmensziele. Früher zum Beispiel hat die Stationsleitung bei einer Krankmeldung zunächst versucht, das Problem mit eigenen Mitarbeitern zu lösen. Wenn dies keinen Erfolg zeigte, hat sie die PDL zu Rate gezogen, welche sich nicht selten an mich als oberste Leitung wenden musste. So war ich ständig absorbiert von Prozessstörungen des operativen Geschäfts", erzählt Maier. Heute dagegen ist die Stationsleitung für viel größere Einheiten zuständig, weil der Vorstand ihre Zahl sukzessive von 70 auf 30 reduziert hat. Sie trägt jetzt Verantwortung für bis zu 80 Mitarbeiter. Die Stationsleitung arbeitet nun nicht mehr am Patienten, sondern widmet sich zu 100 Prozent ihren Führungsaufgaben. Zu diesen gehören auch die Personalentwicklung, Qualitätsentwicklung und die berufsübergreifende Kooperation. Sie ist nicht mehr der Kumpel und trägt auch kaum mehr einen Kittel. "Die Stationsleitung ist Teil der operativen Führung des Pflegedienstes", betont Irene Maier. Auch die Position der Pflegedienstleitungen wurde gestärkt. "Die PDL steuert in ihrem Führungsbereich das Budget und die Ressourcen. Sie entscheidet, welche Maßnahmen und Qualifikationen notwendig sind." Ihre Zahl ist über die letzten zwei Jahre von 16 auf 5 reduziert worden.

Den gesamten Artikel können Sie in der frisch erschienen Juli-Ausgabe der kma lesen. Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen Ihre kma-Redaktion!

Sortierung
  • Derzeit sind noch keine Kommentare vorhanden. Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Jetzt einloggen