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Vermittlungs- und BegrüßungsgeldVerzweifelter Kampf um Köpfe

Den Wettbewerb um Pflegekräfte tragen einige Kliniken mit Kopfprämien, Vermittlungs- und Begrüßungsgeld aus. Personalexperten zweifeln jedoch an der Nachhaltigkeit.

Den ersten Ansatz zur Prämienzahlung lieferte im vergangenen Jahr das evangelische Diakonie-Krankenhaus (Diako) Bremen. "Wir mussten kurzfristig vor Weihnachten sieben Stellen neu besetzen. Da das in dieser Zeit äußerst schwierig ist, haben wir den Pflegekräften besondere Anreize geboten", berichtet Gero Knebel, Leiter der Personal- und Rechtsabteilung bei Diako. Das Krankenhaus in Gröpelingen lockte die neuen Krankenpfleger mit 1.000 Euro Begrüßungsgeld und zahlte ihnen nach einer sechsmonatigen Probezeit weitere 1.000 Euro. Außerdem erstattete Diako den Pflegekräften das Weihnachtsgeld, das sie wegen des Wechsels an ihren vorigen Arbeitgeber zurückzahlen mussten. "Wer nicht kam, musste den ersten Teil des Begrüßungsgelds wieder zurückgeben, und wer in der Probezeit geht, muss den zweiten Teil zurückgeben. Wir haben uns also mit Rückzahlungsklauseln abgesichert", so Knebel. Der Erfolg zeigt sich daran, dass sechs der sieben angeworbenen Pfleger geblieben sind.

Das Diako ist kein Einzelfall. "Für Pflegefachkräfte im Operationssaal engagieren einige Kliniken inzwischen sogar Headhunter", erklärt eine Pflegedienstleiterin des Pflegezentrums St. Marienhaus in Berlin. Erst vor kurzem wollte sie ein Krankenhaus mit einer Geldprämie abwerben. Noch gravierender ist das Problem in der Langzeitpflege, weshalb es in Pflegeheimen schon länger gängige Praxis ist, mit Geld zu werben. So zahlt der kommunale Pflegeheimbetreiber Münchenstift seinen Angestellten seit Jahren 3.000 Euro Prämie für die Vermittlung neuer Mitarbeiter.

Gesundheit Nord zahlt Vermittlungsgeld

Diesen Weg gehen seit April auch die vier Kliniken des kommunalen Klinikverbundes Gesundheit Nord in Bremen. Sie zahlen ihren Beschäftigten 1.000 Euro, wenn sie neue Mitarbeiter erfolgreich anwerben. "Das Angebot gilt nicht nur für Pflegekräfte, sondern auch für die Verwaltung und für Ärzte. Allerdings immer unter der Voraussetzung, dass die Stellen mit anderen Mitteln nicht zu besetzen sind", so Diethelm Hansen, Sprecher der Geschäftsführung des Klinikverbundes. Für ihn ist die aktive Personalgewinnung das Gegenmodell zur Kopfprämie. "Das soll vor allem eine fördernde Maßnahme für die Mitarbeiter sein, die ihnen zeigt, wie wichtig ihr eigenes Engagement ist." Der Vorteil gegenüber den üblichen Methoden liegt für Hansen darin, dass sich die eigenen Mitarbeiter Kollegen aussuchen können, die in das Pflegeteam passen. Außerdem spart der Klinikverbund dadurch Werbekosten für die Stellenausschreibung. Die für Krankenhäuser in einem Ballungszentrum wie Bremen ungewöhnlichen Aktionen sollen aber auch auf den wachsenden Pflegekräftenotstand aufmerksam machen. "In aller Munde ist ja immer der Ärztemangel, aber viel gravierender und wesentlich nachhaltiger ist der sich abzeichnende Mangel an Pflegekräften. Wir haben eine urbane Lage und daher nicht das Problem, das Klinken haben, die in ländlichen Gebieten ansässig sind. Aber auch wir stellen fest, dass der Markt eng ist", sagt Diako-Personalchef Knebel.

"Arbeitsplatzattraktivität ist wichtiger"

Doch Personalberaterin Andrea Köhn ist skeptisch: "Was nützen mir die 1.000 Euro, wenn ich weiß, dass man in den Bremer Markt sowieso nicht gehen kann, weil dort die Stimmung so schlecht ist, dass alle Führungskräfte gerade weglaufen. Wir haben im Augenblick Ärzte aus Bremen, die anrufen und uns fragen, ob wir nicht etwas anderes für sie haben. Wenn das die einzige Idee ist, die die Führung dort hat, dann kann man nur sagen: Herzlichen Glückwunsch, das wird nicht funktionieren." Im Kampf um die besten Köpfe rät Köhn Klinikleitungen deshalb, sich zunächst die Frage zu stellen, wie ihre Unternehmenskultur aussieht. Langfristig entscheide die Arbeitsplatzorganisation darüber, ob eine Klinik als Arbeitgeber attraktiv ist. "Die Mitarbeitergewinnung ist auch eine Aufgabe der unteren Führungsebene. Wenn ich der Stationsleiterin sage, dass sie einen guten Mitarbeiter darauf ansprechen soll, ob er neue Leute werben kann, und der sich dort wohl fühlt und Vertrauen zu seiner Pflegeleitung aufgebaut hat, dann wird er das auch ohne Geld tun. Wenn sie eine Prämie brauchen, heißt das im Umkehrschluss, dass die Stationsleitung nicht in der Lage ist, das Thema sauber zu kommunizieren." Dass eine Prämie den Teamgedanken fördert, bezweifelt die Münchner Personalberaterin: "Der Arbeitgeber sollte sich fragen, wen er mit solchen Lockmitteln anzieht. Vor elf Jahren hatten wir das im Zuge des Internetbooms schon mal. Damals hat sich gezeigt, dass man mit Geld leider eher die schlechten Bewerbungen bekommt. Denn der Mitarbeiter hat nur die Prämie vor Augen und denkt nicht darüber nach, ob die von ihm geworbenen Leute etwas taugen."

Pflegegehälter werden steigen

Trotzdem werden Pflegekräfte in Zukunft öfter mit Hilfe von Kopfgeldern und Mitarbeiterprämien geworben, sind Experten überzeugt. Denn auch das neue Gesetz der Arbeitnehmerfreizügigkeit, das am 1. Mai verabschiedet wurde, hat bisher nicht zu dem erhofften Zuwachs an Pflegepersonal aus dem Ausland geführt. Nach Schätzungen des Deutschen Pflegerates werden im Jahr 2020 in deutschen Krankenhäusern etwa 140.000 Fachkräfte fehlen. Derzeit suchen Krankenhäuser vor allem nach spezialisiertem Fachpersonal für den Operationssaal, die Kinderkrankenpflege, die Chirurgie und für den internistischen Bereich. "Es wird in Zukunft in verschiedenen Varianten neue Anreize geben, vor allem im monetären Bereich. Aber auch Anreize, die zur Attraktivitätssteigerung des Arbeitsplatzes führen, etwa Fortbildungsmöglichkeiten im Ausland, bessere Dienstzeiten, bezahlte Dienstwohnungen oder auch den bezahlten Umzug. Die Gehälter der Pflegekräfte werden deshalb in nächster Zeit steigen", prognostiziert Stefan Görres, Pflegewissenschaftler an der Universität Bremen. Kliniken müssten sich deshalb mit der Frage beschäftigen, wie sie den begehrten Pflegekräften mehr Wertschätzung entgegenbringen können. "Die Krankenhäuser haben in der Vergangenheit eher Stellen abgebaut. Diese Häuser müssen jetzt richtig spüren, dass Pflegekräfte einen hohen Wert haben", so Görres. Der neue Stellenwert der Pflege könnte sich seiner Meinung nach auch im Vergütungsmodell für die Pflege zum Ausdruck bringen: "Manager bekommen ja auch ständig Prämien, warum nicht auch Pflegekräfte?"

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