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ViDia Kliniken KarlsruheWillkommens-Mentoren geben Starthilfe mit Langzeitwirkung

Speziell geschulte „Willkommens-Mentoren“ sollen ausländischen Fachkräften der ViDia Kliniken den Einstieg in Karlsruhe erleichtern. Die Integrationsbeauftragte hat dafür ein Modellprojekt ins Haus geholt. Die Tücken des Neustarts kennt sie aus eigener Erfahrung.

Dayse Koschier
M. Leidert/ViDia Kliniken

Dayse Koschier, Integrationsbeauftragte für die ViDia Christliche Kliniken Karlsruhe.

Es gibt viel zu tun – das hat Dayse Koschier gewusst, als sie im Februar 2020 ihre Stelle in Karlsruhe antrat. Seitdem ist sie Integrationsbeauftragte für die ViDia Christliche Kliniken, und ihr Auftrag ist ein dickes Brett: Die ViDia Kliniken mit ihren vier Standorten in der Stadt wollen eine gemeinsame Willkommenskultur aufbauen. Sie wollen zeigen, dass Fachkräfte jeder Herkunft in Karlsruhe gerne gesehen sind, und für Koschier stellen sich da zwei große Fragen: „Wie kommunizieren wir das nach innen? Und mit welchem Konzept binden wir die neuen Kolleginnen langfristig ein?“

Ein Kultur-Tag sollte der erste große Meilenstein sein. Die Kliniken haben im Mai 2020 die Charta der Vielfalt unterzeichnet, und die Veranstaltung sollte diesen eher formalen Akt für die rund 3200 Beschäftigten mit Leben füllen. Ein Tag mit Theater, internationaler Musik und internationalem Essen, ein Auftakt für etwas Neues, ein deutliches Zeichen: Hier passiert etwas – und wir alle sind Teil davon. Für die Kliniken steht Vielfalt nicht zuletzt deshalb im Fokus, weil sie seit 2019 auch im Ausland verstärkt auf Personalsuche sind. Sie haben Verträge geschlossen, Erfahrungen gesammelt, doch rund lief es nicht. Die ersten ausländischen Pflegekräfte blieben nicht lange, hat Koschier erfahren. Auch deshalb ist sie ja jetzt da, und sie brennt für ihre Aufgabe.

Ein Netzwerk und zwei Modellprojekte

Dann allerdings kam das Virus, und die Kultur-Tag-Pläne wanderten erst einmal in die Schublade. Auch neue Pflegekräfte, für die alles vorbereitet war, konnten nicht nach Deutschland einreisen. Die Pandemie hat Koschier gebremst, aber nicht aufgehalten. Sie hat die Zeit genutzt, sich zu vernetzen, in den Krankenhäusern und in der Stadt. „Ich habe die Vision, mit vielen Partnern zusammenzuarbeiten“, sagt Koschier: „Wir müssen nicht alles selbst aufbauen, sondern können auch externe Hilfe nutzen“ – zum Beispiel, wenn es um Fragen des Familiennachzugs geht. 

Ganz konkret sind die Kliniken dem Netzwerk „Ankommen in Karlsruhe“ (AniKA) beigetreten, Koschier hat Kontakte ins städtische Büro für Integration geknüpft, sich mit Vereinen und Organisationen kurzgeschlossen, und vor allem hat sie mithilfe von Kooperationspartnern zwei Modellprojekte ins Haus geholt. Von denen versprechen sie sich in Karlsruhe viel. Insbesondere die Ausbildung von „Willkommens-Mentoren“ soll die Basis dafür legen, dass sich ausländische Fachkräfte auf den Stationen künftig gut aufgehoben fühlen und auch die Teams dort wissen, was sie erwartet.

Mentoren für eine „Begleitung auf Dauer“ 

In dem Projekt mit der Otto Benecke Stiftung in Bonn werden ab Juni 15 Stationsleitungen und Praxisanleiter geschult. „Sie werden unsere Multiplikatoren sein und als Paten für die neuen Kräfte auf den Stationen arbeiten“, erklärt Koschier. Seit Ende vergangenen Jahres die ersten zehn ausländischen Pflegekräfte unter ihrer Obhut starten konnten, sei das Interesse an der Mentorenschulung spürbar gestiegen: „Die Teams erleben, wo es in der Praxis hakt und sind für das Thema sensibilisiert“, sagt die Integrationsbeauftragte. Für sie geht es dabei um mehr als eine Starthilfe, „es ist eine Begleitung auf Dauer“. Ohnehin sei die Hilfsbereitschaft in den Häusern schon groß – „auch im medizinischen Bereich bei den Ärzten, die sich um neue Kollegen kümmern, die zum Beispiel aus Syrien kommen“.

Mittlerweile bereits gestartet ist Modellprojekt Nummer zwei – das „Sprach-Coaching im Krankenhaus“, das vom baden-württembergischen Sozialministerium gefördert wird. Die ViDia Kliniken kooperieren dabei eng mit dem Christlichen Jugendwerkdorf Deutschlands (CJD) Karlsruhe, das am Standort der ViDia Kliniken in Karlsruhe-Rüppurr bereits eine Kindertagesstätte betreibt. In dem Projekt lernen die Teilnehmer sechs Monate lang berufsbezogene Inhalte, einmal in der Woche, am Arbeitsplatz, zum Beispiel in vielen Rollenspielen. Als Nebeneffekt kommen dabei Menschen von verschiedenen Stationen zusammen, die sich sonst wahrscheinlich nicht kennenlernen würden, betont die stellvertretende ViDia-Personalleiterin Elisabeth Pöppelbaum. In den kleinen Gruppen entstehe ein Vertrauen, ein Wir-Gefühl, das sich ins Haus verbreiten soll. 25 neue Kollegen nehmen derzeit teil, künftig sind jeweils drei Gruppen geplant.

Sprachcafé für Azubis

Mit Blick auf die ViDia-Azubis mit Migrationshintergrund ist das neue „Sprach-Café“ konzipiert. „Für sie ist in Deutschland noch vieles fremd, und wir wollen sie in einer geschützten Lernumgebung unterstützen, die nichts mit ihren Ausbildungsnoten zu tun hat“, sagt Carola Peters. Sie leitet die ViDia-Akademie, zu der auch die Berufsfachschule für Pflege gehört. Zunächst zwölf Teilnehmer werden zusammen mit einer Sprachtherapeutin arbeiten können, freiwillig, denn das Angebot findet außerhalb der Arbeitszeit statt. Dabei gehe es auch stark darum, „das Gegenüber zu verstehen und eine Beziehung herzustellen“, erklärt Peters: „Das ist eine grundlegende Kompetenz, die jeder verinnerlichen muss, damit ein vertrauensvolles Miteinander mit Kollegen und Patienten gelingt.“ 

Dann lassen sich auch schwierige Situationen eher meistern, ist Peters überzeugt – etwa wenn es zu Missverständnissen zwischen Patienten und einer ausländischen Pflegekraft kommt. „Das gehört mit zu dieser Kompetenz“, sagt die Schulleiterin. Zudem sollen Praxisanleiter und Führungskräfte auf derlei Konfrontationen vorbereitet sein: „Sie müssen mögliche Irritationen wahrnehmen, richtig intervenieren und Lösungen entwickeln, die Patienten und Kollegen helfen.“ Den ausländischen Fachkräften soll bewusst sein, dass sie sich an jemanden wenden können, der vermittelt und schnell hilft, betont Peters: „Das ist die Herausforderung, damit die neuen Kollegen sich wohlfühlen und eine Perspektive bei uns sehen.“

„Die Teams sind vorbereitet und offen“

Für die Klinikleitung war klar, dass all das bei der Integrationsbeauftragten an einer Stelle koordiniert werden soll, „damit das Thema in den Kliniken noch mehr wahrgenommen wird“, erklärt Elisabeth Pöppelbaum: „Unser Ziel ist es, dass die ausländischen Fachkräfte an allen Standorten gleich unterstützt werden.“ Dabei setzt sie darauf, zunächst auf einigen Stationen Leuchttürme zu schaffen, die anderen Mut machen, die Ideen zu verbreiten und „so den Boden für eine Vielfaltkultur zu bereiten“. Bei den Azubis funktioniere das bereits gut, sagt Carola Peters: „Die Teams an den Standorten sind vorbereitet und offen und nehmen sich der jungen Leute, die ganz unterschiedliche Hintergründe und oft auch Fluchterfahrungen mitbringen, vorbildlich an.“ Mögliche Schwierigkeiten würden bereits in Besprechungen, Workshops und Fortbildungen thematisiert. „Das Bewusstsein und das Interesse sind da“, freut sich Peters.

Erfolgreiche Integration spielt in der noch recht jungen ViDia-Geschichte ohnehin eine entscheidende Rolle. Die Kliniken sind im Jahr 2016 aus der Fusion des evangelischen Diakonissenkrankenhauses in Karlsruhe-Rüppurr und der katholischen St. Vincentius-Kliniken entstanden. Heute arbeiten an den vier Standorten mit zusammen 1.000 Planbetten insgesamt rund 3200 Beschäftigte, etwa 400 von ihnen haben nicht die deutsche Staatsangehörigkeit, sagt Pöppelbaum: „Und auch gut die Hälfte der fast 300 Auszubildenden hat Migrationshintergrund.“ Tendenz steigend. 

Gemeinsam den Alltag organisieren

Dayse Koschier ist auch Ansprechpartnerin für die mittlerweile fünf Vermittlungsagenturen, die für ViDia im Ausland nach Pflegekräften suchen. Der Schwerpunkt liegt bislang auf Albanien und den Philippinen, hinzu kommen Kräfte aus Nordmazedonien und Serbien. Koschier ist in Karlsruhe eine ihrer wichtigsten Kontaktpersonen, wenn es Probleme gibt, und immer da, wenn es darum geht, den Alltag zu organisieren – von der Arztsuche über Fragen der Krankenkasse bis hin zum Rundfunkbeitrag. Weil die Betreuung der mittlerweile 23 neuen Kolleginnen, die seit vergangenem Oktober eingereist sind, so intensiv ist und im Laufe des Jahres noch bis zu zehn weitere ankommen sollen, wird sie mittlerweile von einer Kollegin aus der Pflege unterstützt.

Dass der Neustart gelingen kann, zeigt Koschiers persönliches Beispiel am besten. Sie weiß, wie es den Neuen in Deutschland geht, versteht ihre Probleme, denn sie hat sie selbst erlebt. Koschier kam vor zwölf Jahren aus Brasilien. Daheim hatte sie als Journalistin gearbeitet. In Thüringen absolvierte sie ein zweites Studium, arbeitete in der Medienforschung und zuletzt für eine Botschaft. Sie kennt den Umgang mit den deutschen Behörden genau, das hilft ihr jetzt auch in Karlsruhe. „Ich sehe mich als erfolgreiche Migrationsgeschichte“, sagt Koschier: „Vor elf Jahren saß ich noch selbst in einem Sprachkurs. Jetzt bin ich hier und rede über Integration – das ist doch fantastisch.“

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