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ZivildienstAbschied ohne Schrecken

Ab heute fällt der Zivildienst weg und damit viele billige Arbeitskräfte. Die Kliniken bleiben relativ gelassen.

Mancher Patient schwärmt noch lange nach der Entlassung von ihm: dem Zivi auf der Station. Er hat mehr Zeit als Schwestern und Ärzte und ist längst nicht so eingebunden in den Klinikbetrieb. Das macht ihn zu einem ruhenden Pol, oft sogar zu einem geschätzten Gesprächspartner. Nun wird er Geschichte, ab 1. Juli gibt es keine Wehrpflicht und damit auch keinen Zivildienst mehr. Während das manchen sentimental stimmt, setzt der andere zu differenzierten Prognosen an: Die Unternehmensberatung Dr. Wieselhuber und Partner geht nach Befragungen von 75 Krankenhäusern der Grund- und Regelversorgung davon aus, dass künftig 5.300 Teilzeitbeschäftigte benötigt werden, um die Arbeitskraft der fehlenden circa 13.400 Zivildienstleistenden in den Kliniken zu ersetzen ? dabei ist die teilweise Kompensation durch den geplanten Bundesfreiwilligendienst bereits berücksichtigt. "Dies dürfte mit umgerechneten Mehrbelastungen von insgesamt 53,1 Millionen Euro zu Buche schlagen", sagt Krankenhausberater Frank Schmitz.

53,1 Millionen Euro sind viel ? aber für eine Branche, die rund 71 Milliarden Euro jährlich erwirtschaftet, keine dramatisch zu nennende Summe. Auch der Betriebswirt Philipp Schwegel rät, die Bedeutung des Zivildienstes ins Verhältnis zu setzen. In seiner Dissertation über kirchliche Krankenhausträger kommt er zu dem Schluss, dass Zivildienstleistende gerade einmal ein Prozent der Arbeit in den Krankenhäusern erledigen. Diese Schätzung hält auch Frank Schmitz für realistisch. Trotzdem, so ist der Berater von Wieselhuber und Partner überzeugt, stellt das Ende des Zivildienstes manches Haus vor Probleme.

"Festangestellte sind motivierter und routinierter"

So fallen an der Uniklinik Freiburg insgesamt 170 Zivildienstleistende weg, 60 allein im Transport. Nun muss das Haus neue Kräfte einstellen und deren Gehälter mit den Gewerkschaften verhandeln. Im Lukaskrankenhaus der Städtischen Kliniken Neuss haben bis vor kurzem sogar ausschließlich Zivis den gesamten Transport ? das bedeutet rund 600 bis 800 Aufträge täglich ? bewältigt. Doch das 518-Betten-Haus in Neuss hat vorgebeugt: "Schon vor zehn Jahren haben wir eine Logistik-Software eingeführt, die die Zivis genau lokalisieren, die digital eingegebenen Aufträge der Stationen und Abteilungen automatisch an sie übergeben und sie sich von ihnen via Blackberry sofort bestätigen lassen kann. So haben sich die Leergänge und die Wartezeiten drastisch reduziert. Die Transportzeiten sind für unsere Patienten um rund 30 Prozent gesunken", sagt der Leiter der Transportabteilung Reiner Süssenbecker. Jetzt, kurz vor Auslaufen des Zivildienstes arbeiten noch vier Zivis im Transport. Der Krankenhausträger hat die fehlenden Hände inzwischen durch zehn festangestellte Kräfte kompensiert. Sie reichen aus, um die Arbeit der einst über 20 Zivildienstleistenden zu erledigen, ist Süssenbecker überzeugt: "Die neuen Mitarbeiter sind motivierter als die Zivis, weil sie mit dem Job ihren Lebensunterhalt bestreiten und durch die Festanstellung eine langfristige Perspektive erhalten." Außerdem hat das Haus selbst einige Prozesse gestrafft und etwa für Transportgüter wie blut- und Gewebeproben vermehrt Sammelstellen und feste Fahrzeiten eingerichtet.

Nettodienstzeit zuletzt auf 4,33 Monate geschrumpft

Effizienter arbeiten die Nachfolger der Zivis in Neuss auch, weil sie mit dem Haus und den Wegen besser vertraut sind. Die Zivildienstleistenden haben diese Routine nicht mehr entwickeln können, weil ihr Dienst zuletzt auf sechs Monate reduziert war. Dies bedeutete ? abzüglich Urlaubsanspruch und Schulungen ? eine Nettozeit von 4,33 Monaten. Selbst die Deutsche Krankenhaus Gesellschaft (DKG) weint den Zivildienstleistenden deshalb nur wenige Tränen nach. "Die Verkürzung der Dienstzeit ist kritisch zu sehen. Ein vernünftiger Einsatz mit entsprechender Einarbeitung ist kaum mehr möglich", heißt es dort. Fast erleichtert ist die stellvertretende Pflegedirektorin der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE) Susanne Blinn, die für die rund 48 Zivildienstleistenden im UKE verantwortlich gewesen ist: "Der administrative Aufwand und die Einarbeitungszeit haben zuletzt kaum mehr in einem vernünftigen Verhältnis zum Nutzen gestanden." Dies lag sicherlich auch daran, dass die Zivis im UKE fast alle auf Station, im OP oder in der Notaufnahme und nicht in dem überschaubareren Transportbereich gearbeitet haben.

UKE plant 80 BFD-Stellen

Die DKG setzt nun große Hoffnung in den Freiwilligendienst (BFD), der ab 1. Juli startet. Schon das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) locke viele junge Leute in die Krankenhäuser; nach der Behindertenhilfe und den Altenheimen rangierten die Kliniken auf der Liste der beliebtesten Einsatzbereiche auf Platz drei, so die DKG. Der BFD steht wie das FSJ auch Frauen offen und außerdem Menschen jeder Altersgruppe. In der Altersunabhängigkeit sieht UKE-Frau Susanne Blinn eine große Chance: Immer häufiger rufen bei ihr beruflich erfolgreiche Menschen an, die sich ehrenamtlich engagieren wollen. Sie suchen nach neuen Perspektiven, wollen sich in der Mitte ihres Lebens neu orientieren. "Der BFD bietet ihnen eine gute Gelegenheit, in die Pflege zu schnuppern." Im UKE sind sie mehr als willkommen: Susanne Blinn plant die 36 einstigen Zivildienstplätze auf 80 BFD-Stellen auszuweiten. Die erste Bewerbung ist bereits eingetroffen.

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