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Umsatz sinkt deutlichMedizintourismus bricht um 34 Prozent ein

Das Geschäft deutscher Kliniken mit Patienten aus dem Ausland hat einen deutlichen Dämpfer bekommen. 2020 ging ihre Zahl um rund 34 Prozent zurück. Der Umsatz mit der Klientel sank auf nur noch rund 800 Millionen Euro.

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Symbolfoto

Im Jahr 2020 haben sich insgesamt 65 586 Patientinnen und Patienten aus dem Ausland stationär in Deutschland behandeln lassen. Das zeigen die Erhebungen der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg (H-BRS). Die Patientenzahl entspricht einem Rückgang um knapp 34 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 2019 hatte die Zahl noch bei gut 97 300 gelegen. Die Zahl der ambulanten Behandlungen ging von schätzungsweise 145 000 auf rund 97 000 zurück. Die Studie der Hochschule beruht auf eigenen Erhebungen und den Daten des Statistischen Bundesamtes, welche immer erst mit einer Verzögerung von etwa anderthalb Jahren vorliegen.

Polen an der Spitze

Insgesamt reisten im Jahr 2020 Patientinnen und Patienten aus 177 Ländern für eine medizinische Behandlung nach Deutschland. Neben Russland (mehr als 2000), der Ukraine (rund 1400) und Kasachstan (mehr als 240) kamen außerdem viele Medizintouristen aus Saudi-Arabien (fast 500). Aus Ländern der Europäischen Union suchten am häufigsten Menschen aus Polen (mehr als 10 400 stationäre Aufnahmen im Jahr 2020) und den Niederlanden (mehr als 5800) deutsche Kliniken auf.

Am gefragtesten waren 2020 Kliniken in Bayern (minus 40 Prozent) und Nordrhein-Westfalen (minus 24 Prozent). Auch weitere Bundesländer mit viel Medizintourismus verzeichneten Verluste – sowohl das Saarland (minus 25 Prozent) als auch Hessen (minus 44 Prozent), Baden-Württemberg (minus 31 Prozent) und Berlin (minus 43 Prozent).

Umsatz deutlich gesunken

Wegen des Einbruchs sank auch der Umsatz im deutschen Gesundheitssystem deutlich. 2019 betrugen die Einnahmen durch ausländische Patienten etwa 1,2 Milliarden Euro. 2020 waren es nur noch rund 800 Millionen Euro. Als Hauptgrund für den Rückgang könne die Corona-Pandemie mit ihren starken Einreisebeschränkungen vermutet werden, so Mariam Asefi, die den Forschungsbereich Medizintourismus an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg übernommen hat.

Im Jahrzehnt vor der Pandemie kam der Großteil der ausländischen Patienten aus Russland, der Ukraine und Kasachstan für eine medizinische Behandlung nach Deutschland. Und dieser Markt wuchs lange Zeit beständig. Der H-BRS-Studie zufolge verringerte sich die Zahl der stationären Medizintouristen aus diesen drei Herkunftsländern im Pandemiejahr 2020 gegenüber dem Vorjahr insgesamt um die Hälfte (Russland minus 62 Prozent, Ukraine minus 24 Prozent, Kasachstan minus 32 Prozent).  

Prognose unklar

Asefi geht davon aus, dass die Zahl aufgrund des Krieges in der Ukraine nach dem russischen Angriff weiter zurückgehen wird. „Es ist jedoch schwer abzusehen, wie stark der Rückgang langfristig ausfallen wird“, sagt Asefi. Russische Patienten kämen auch weiterhin für komplexe medizinische Behandlungen nach Deutschland,  der Aufwand und die Organisation seien allerdings viel komplizierter geworden. Detaillierte Zahlen für 2021 und 2022 gibt es noch nicht.

Ursachen für die gesunkenen Patientenzahlen seien laut H-BRS nicht nur die Pandemie und der Krieg. Andere Einflussfaktoren könnten jedoch auch darauf zurückgehen. „Zu nennen sind hier die Ölpreisentwicklung, die Währungsstabilität oder Reallohnentwicklungen“, sagt Asefi. Starke Motivationen für eine Behandlung in Deutschland seien zum Beispiel fehlende Behandlungsmöglichkeiten im Heimatland oder die gute Qualität des deutschen Gesundheitssystems.

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