Berlin

Reformbedarf bei der Notfallversorgung: Ein erster Aufschlag

Ein neues Konzept im Gesundheitswesen, das heute in Berlin vorgestellt wurde, könnte in der Zukunft viele Notaufnahmen überflüssig machen.

Werkstattgespräch

Foto: kma

Werkstattgespräch

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen hat in Berlin Empfehlungen zur Zukunft der Notfallversorgung vorgestellt. Das Konzept sieht vor, dass niemand mehr spontan als Notfallpatient vor den Toren der Kliniken steht. Alle Menschen sollen erst eine bundeseinheitliche Nummer wählen, die zu einer regionalen Leitstelle führt. Beim Telefonat mit den Ärzten soll dann die Entscheidung gefällt werden, welche Versorgung am sinnvollsten ist: Das reicht von der direkten Terminvergabe in Praxen niedergelassener Ärzte oder in integrierten Notfallzentren (welche noch gegründet werden müssten), über Hausbesuche des ärztlichen Bereitschaftsdienstes bis hin zu Rettungseinsätzen – all dies soll durch die Leitstelle koordiniert werden. Was man dafür benötigt? IT-gestützte Versorgungspfade, eine einheitliche sektorenübergreifende Dokumentation für alle Beteiligten sowie persönliche, mehrsprachige Patienteninformationen. Vor der Umsetzung müsste in diesem Bereich noch sehr viel passieren...

Herzstück des Entwurfs vom Sachverständigenrat sind jedoch die integrierten Notfallzentren (INZ). Die neu zu schaffenden sektorenübergreifenden INZ sollen eigenständige organisatorische und wirtschaftliche Einheiten sein, die zwar aus dem Krankenhaus herausgelöst, aber auf dem Campus angesiedelt sind. Als Träger können Kassenärztliche Vereinigungen und Kliniken gemeinsam agieren. Betrieben werden sollen sie jedoch nur von den Kassenärztlichen Vereinigungen allein – damit soll vermieden werden, dass Patienten aus finanziellen Gründen stationär aufgenommen werden. Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) und auch Johann-Magnus von Stackelberg, stellvertretender Vorsitzender des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-SV) sprachen sich bei der Podiumsdiskussion explizit dagegen aus. Die INZ-Standorte sollen durch die Länder selbst festgelegt werden (ggf. auch durch Ausschreibungen) und so die Balance zwischen notwendiger Zentralisierung und Flächendeckung gewährleisten. Die logische Folge: Bei vielen Kliniken müssten dann die Notaufnahmen schließen.

Auch zur Frage der Finanzierung hat sich der Sachverständigenrat geäußert: Die Kassen/PKVen sollen direkt an die integrierten Notfallzentren zahlen. Die ambulanten und stationären Budgets würden entsprechend bereinigt werden. Die Vergütung soll vereinfacht werden und sieht eine 3-stufige Grundpauschale für alle Vorhaltekosten nach Kapazität und Ausstattung des Notfallzentrums vor. Die Vergütung soll je Fall erfolgen, ein Zuschlag soll nur für eine Beobachtung über Nacht gezahlt werden. Der Rettungsdienst soll als eigenständiger Leistungsbereich im SGB V etabliert werden und zukünftig soll man nicht nur die Transportleistung der Rettungsdienste abrechnen können, sondern auch die medizinische Leistung. Zur Entlastung der Notfalleinrichtungen sollen die niedergelassenen Hausärzte mehr Samstag- und Abendsprechstunden anbieten. Die Frage, wie das bezahlt werden soll, blieb jedoch unbeantwortet.

Die endgültigen Empfehlungen zur Zukunft der Notfallversorgung will der Rat im 2. Quartal 2018 dem Bundesministerium für Gesundheit übergeben. Sie werden dann auch dem Bundestag und dem Bundesrat übermittel

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