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HygieneDos and Don’ts für die ZSVA

18 Millionen Menschen werden pro Jahr in deutschen Krankenhäusern behandelt, jährlich stecken sich dort bis zu 900.000 Patienten mit Keimen an. Im Kampf gegen Krankenhausinfektionen und bei Problemen in der Zentralen Sterilgutaufbereitung unterstützen externe Dienstleister die Kliniken.

Zwei Welten treffen in deutschen Krankenhäusern aufeinander. Einerseits werden chirurgische Meisterleistungen vollbracht, und neue Medikamente retten viele Menschenleben. Andererseits sterben dort jedes Jahr Tausende Patienten an multiresistenten Keimen. Was muss sich ändern, damit weniger Menschen durch diese sogenannten Krankenhauskeime ihr Leben verlieren? Was kann Deutschland von anderen Ländern lernen, die erfolgreicher sind im Kampf gegen diese Bakterien?

„Nach dem heutigen Kenntnisstand muss davon ausgegangen werden, dass Krankenhausinfektionen nicht ausgerottet werden können“, erklärt Klaus-Dieter Zastrow, Leiter der Krankenhaushygiene am Vivantes-Klinikum in Berlin. Nosokomiale Infektionen könnten aber durch qualifiziertes Fachpersonal und ausgeprägtes Hygienebewusstsein deutlich vermindert werden. Wenn „nur die Hälfte aller Krankenhausinfektionen verhindert werden können, bewahrt man 450.000 Patienten vor unangenehmen und oft folgenschweren Infektion und circa 15.000 Patienten vor dem vorzeitigen Tode“, fügt der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) hinzu.

Doch Hygiene werde noch immer als lästig angesehen. Eine korrekte Desinfektion sei aber keine Frage der Zeit. „Das ist genauso, als wenn Sie fragen würden, ob denn der Taxifahrer überhaupt Zeit hat, an der roten Ampel anzuhalten“, äußerte sich Zastrow gegenüber dem Bayerischen Rundfunk. Hygiene sei einer der wichtigsten Bestandteile jeder medizinischen Handlung. Trotzdem gehe man in der Ausbildung nicht ausreichend darauf ein.

Die Folgen kommen die Kliniken teuer zu stehen. „Krankenhausinfektionen erfordern durchschnittlich zehn Tage zusätzlichen Krankenhausaufenthalt“, rechnet Zastrow aus. Dies bedeute, dass Krankenkassen und Krankenhäuser und damit die Versicherten pro Jahr Kosten in Milliardenhöhe für nosokomiale Infektionen aufbringen müssen. Die Zahlen sind umstritten. Die Hochrechnung der Klinikhygieniker liegt weit höher als die vom Nationalen Referenzzentrum zur Überwachung von Klinikinfektionen, das die Zahl der jährlich Infizierten auf 400.000 bis 600.000 schätzt.

Kosten in Milliardenhöhe
Einige Länder haben auf Missstände längst reagiert. „In den benachbarten Niederlanden ist ein Facharzt für Hygiene die Regel“, stellt der Sterilgutversorger und Wäschedienstleister Hammerlit fest. Jeder aufgenommene Patient werde dort vor der stationären Aufnahme nach geltenden Hygienerichtlinien untersucht. Das Resultat sei eine Infektionsrate von unter drei Prozent auf den Intensivstationen. In Deutschland liegt diese bei etwa 20 Prozent. Dabei überstiegen die Mehrkosten für eine MRSA-Behandlung die Präventionskosten um ein 100-faches.

Auch die Schweizer Unternehmensgruppe Belimed – ein weltweit führender Anbieter von Systemlösungen zur Reinigung, Desinfektion und Sterilisation, lobt den Vorbildcharakter der Niederlande. Zur Hygiene in Krankenhäusern gehöre mehr als ein guter Reinigungsdienst oder sensibilisiertes Personal, weiß Geschäftsführer Klaus Zwicker. Chirurgische Instrumente müssen sterilisiert, Betten gereinigt und desinfiziert werden. Gerade für Letzteres seien aber große Anlagen notwendig, die in den Niederlanden schon lange Standard sind. „Ein Resultat ist, dass sie eine der niedrigsten Infektionsraten haben. Die öffentliche Kritik an der Hygiene in Krankenhäusern lässt auch bei uns die Nachfrage an Bettendesinfektionsanlagen wieder steigen“, bilanziert Zwicker.

Horizontale Maßnahmen
Viele Hygienefachleute sprechen von „horizontalen Maßnahmen“, wenn sie gefragt werden, wie MRSA und andere Keime bekämpft werden sollen. Gemeint ist damit Desinfektion. Denn in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen kommen viele Menschen zusammen, die jeder für sich nicht nur Keimträger, sondern auch insbesondere anfällig für Fremdkeime sind. Insofern könne man es den Kliniken kaum anlasten, dass es hier vermehrt zu Infektionen komme, erklären die Hygieneexperten vom Dienstleister Discher Technik. Das Unternehmen aus Haan-Gruiten entwickelte Reinigungs- und Desinfektionsautomaten speziell für die sichere und hygienische Entsorgung der Patienten-Ausscheidungen. Aufgabe der Automaten: Die Infektionskette durch den Umgang mit Bettpfannen und Urinflaschen zu unterbrechen. Dabei sind die Reinigungssysteme „mit einer Eigendesinfektion aller wasserführenden Komponenten ausgestattet und liegen mit ihren Desinfektionsleistungen weit über den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts“, wirbt das Unternehmen.

Beim Kampf gegen nosokomiale Infektionen halten auch die Offenburger Spezialisten für Reinigungs- und Desinfektionstechnik von der Meiko Maschinenbau GmbH das „Tabuthema“ menschliche Ausscheidungen nach wie vor für unterschätzt. Meiko unterstützte deshalb erst kürzlich eine Umfrage der International Federation of Infection Control, die untersuchte, wie der Umgang mit Ausscheidungen in Krankenhäusern weltweit aussieht. Denn „menschliche Ausscheidungen tragen die höchste Last an infektiösem Material – und dennoch wird den Gefahren bei ihrer Beseitigung nicht immer die nötige Aufmerksamkeit zuteil, stellt Geschäftsführer Stefan Scheringer fest. Die Offenburger Hygienespezialisten arbeiten deshalb nach den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts und der DGKH (Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene).

Doch das Thema Kampf gegen Krankenhauskeime ist längst kein klinikinternes Problem mehr. Einige Kliniken stehen vor allem wegen Skandalen in der Zentralen Sterilgutaufbereitung (ZSVA) unter öffentlicher Beobachtung. So müssen Krankenhäuser in München, Fulda, Kassel und Mannheim dabei langjährige Missstände rund um verschmutzte OP-Bestecke aufarbeiten, Geschäftsführer verloren ihre Posten. So operierte die Uniklinik Mannheim zwischen 2007 und Oktober 2014 an Hygienegesetzen vorbei. Das Krankenhaus war nicht in der Lage, Skalpelle, Scheren und Pinzetten vorschriftsmäßig zu reinigen. Zu diesem Schluss kommt eine unabhängige Expertenkommission, die die Abläufe in dem 1.350-Betten-Haus untersucht hat. Die Gutachter stellen fest: Die Mannheimer Klinik-
leitung kannte die Gefahr, tat aber nichts dagegen – aus Kostengründen, trotz mehrfacher Warnungen und konkreter Hinweise auf „eine direkte Patientengefährdung“. Erst als 80 Prozent der maroden OP-Bestecke verschrottet waren und der externe Dienstleister Orgamed die Sterilisation übernahm, war das Problem behoben.

Investitionsvolumen für OP-Instrumente
Die wirtschaftliche Dimension der Aufbereitung von Medizinprodukten ist erheblich: Denn das durchschnittliche Investitionsvolumen für OP-Instrumente liegt pro Krankenhaus bei mehr als drei Millionen Euro, schätzen Experten. Das gesamte wirtschaftliche Volumen der Sterilgutproduktion wird in Deutschland auf sechs Milliarden Euro beziffert. Auch an dieser Stellschraube entlasten externe Dienstleister Kliniken, obwohl die Mehrheit der Krankenhäuser nach wie vor auf Sterilgutaufbereitung in Eigenregie setzt. Auf 30 bis 40 schätzt Christiaan Meijer, Betriebsorganisationsexperte bei Cleanpart Healthcare, die Zahl der Einrichtungen, die sich bei der ZSVA vollständig externen Dienstleistern anvertrauen. Von der Beratung und Planung über die Einrichtung und Finanzierung der Sterilgutversorgungsabteilungen bis hin zum Management von Kliniken oder Arztpraxen reicht das Angebot von Cleanpart Healthcare. Das Unternehmen betreibt nicht nur eigene ZSVAs wie in Köln oder in Boxdorf bei Dresden, sondern stellt Kliniken auch Interimsmanager als ZSVA-Leiter vor Ort zur Verfügung   wie zum Beispiel in Darmstadt und Bramstedt. Und in Eschweiler hatte Cleanpart Healthcare Anfang 2015 die Aufbereitung wieder verwendbarer Medizinprodukte für das St. Antonius-Hospital übernommen und produziert dort jährlich circa 20.000 Sterilguteinheiten. „Die „Aufbereitung von Sterilgut ist ein sehr technisches Geschäft, das eng an die OP-Säle angebunden ist“, nennt Meijer als Grund dafür, warum viele Kliniken die Sterilgutaufbereitung selbst durchführen und nicht an externe Spezialisten abgeben. Denn teure Präzisionsinstrumente könne man anders als Spritzen und Kanülen nach Gebrauch nicht einfach wegschmeißen, deshalb kämen nach einer Operation sämtliche Instrumente zur Sterilisation. „Ganz wichtig ist es, dass die Instrumente richtig zerlegt sind, nur so werden auch die kleinsten Ecken sauber“, sagt Meijer. Ein weiterer möglicher Keimherd sind die Maschinen selbst: In Mannheim etwa wurden sie viel zu selten gewartet.
 
Größte Schwachstelle sind aber in der Regel die Mitarbeiter. Sie müssen Haarnetz, Kittel und Handschuhe tragen, defektes OP-Besteck sofort aussortieren und darauf achten, dass die gereinigten Instrumente am Ende auch wirklich luftdicht verpackt sind. Entscheidend ist gründliches Training. Bisher gibt es aber keine eigene Hygieneausbildung, sondern nur Fortbildungen. Von Herbst an startet deshalb die Deutsche Gesellschaft für Sterilgutversorgung (DGSV) ein Pilotprojekt. Die dreijährige Ausbildung zur Fachkraft für die Aufbereitung von Medizinprodukten hält Geschäftsführer Klaus Sellinghoff von Cleanpart Healthcare für alternativlos: „Das ist ein lange fälliger Schritt, um die Qualität in einem kritischen Bereich zu sichern.“

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