Die vergangenen eineinhalb Jahre waren für die 88-Jährige eine persönliche Katastrophe. Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes litt sie an Depressionen. Sie aß zu wenig, verlor Gewicht und erlitt bei einem Sturz in ihrem Schlafzimmer einen Oberschenkelhalsbruch. Im Krankenhaus zog sie sich ein Geschwür wegen Wundliegens zu. Sie kam ins Pflegeheim - dort ging die Misere weiter. Prüfer der Krankenkassen stellten fest, dass die Pfleger zwar ihr Gewicht standardmäßig maßen - aber das Heim tat zu wenig dafür, dass die Dame genug aß. Die Versorgung ihrer Wunde wegen des Druckgeschwürs war auch nicht optimal.
Frisierte Dokumente
Jahrzehntelang nahm kaum jemand Notiz von solchen Missständen. Vor drei Jahren begannen die Krankenkassen mit systematischen Prüfungen. Immerhin bei 62.000 von gut 700.000 Heimbewohnern guckten die Prüfer genauer hin. Zwar klagt die Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung, vielfach prüfe der Medizinische Dienst der Kassen nur die frisierten Dokumentationen der Heime. Doch die Kassen beteuern, auch auf die tatsächlichen Zustände zu achten. In vielen Fällen waren die Prüfer durchaus zufrieden. "Die Qualität hat sich weiter verbessert", sagt der Geschäftsführer des Medizinischen Diensts, Peter Pick. In den zentralen Bereichen wie Hilfe beim Essen und Trinken, Schutz vor dem gefährlichen Wundliegen oder Zuwendung für die immer zahlreicheren Demenzkranken gibt es aber Anteile von 20 bis 40 Prozent der besonders Betroffenen, die nicht gut genug gepflegt werden. Hunderttausende Menschen leiden darunter. "In diesen Fällen besteht akuter Handlungsbedarf", sagt Pick.
An Bett oder Rollstuhl fixiert
Erschreckend erscheint auch die Zahl von rund 140.000 Menschen, die mit Gittern, Gurten oder anderen Barrieren daran gehindert werden, ihr Bett oder ihren Rollstuhl zu verlassen. Bei 14.000 von ihnen fehle die richterliche Genehmigung. Hinter den Zahlen stecken viele verschiedene Fälle. Da ist zum Beispiel der Berliner Fall einer Hochbetagten, die als Oberstudienrätin genug zur Seite gelegt hatte, um in ein durchaus luxuriöses Heim zu ziehen, als ihre Demenz dies nötig erscheinen ließ. Auch dort konnte sie aber nicht rund um die Uhr beobachtet werden - am Ende stimmten ihre erwachsenen Kinder zu, dass das Heim zu freiheitsentziehenden Maßnahmen überging. Politik und Gesellschaft haben mit einem enormen Problem zu tun. Die Demenzrepublik Deutschland - nach Ansicht von Forschern der Universität Bremen kommt sie mit einer Verdoppelung der Zahl der Betroffenen auf 2,5 Millionen innerhalb der kommenden Jahrzehnte.
Politik tut sich schwer
"Man muss ein hohes fachliches Wissen haben, um auf die Signale der Demenzkranken angemessen reagieren zu können", sagt der Pflegeexperte des Medizinischen Diensts der Kassen, Jürgen Brüggemann. So können Demenzkranke über ihre Schmerzen oder Ängste oft nichts sagen. "Man muss es anhand von Gestik oder Mimik herausfinden." Trinkt eine Betroffene nichts, so kann es zum Beispiel daran liegen, dass sie wegen einer Erinnerung nur noch eine bestimmte Porzellantasse an die Lippen lässt - werden die Zeichen aus der Vergangenheit nicht berücksichtigt, gilt sie schnell als grundsätzliche Nichttrinkerin. Was tun? Die Politik tut sich schwer. Schon Anfang 2009 legten Regierungsberater ein Konzept vor, um Menschen mit eingeschränkter Handlungsfähigkeit besser versorgen zu können. Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hat den entsprechenden Beirat nun wieder eingesetzt, um die Vorschläge weiter ausarbeiten zu lassen. Doch in der Pflegebranche findet sich praktisch niemand, der daran glaubt, dass daraus noch in dieser Wahlperiode etwas wird. Schließlich würde mehr Hilfe für Demente auch mehr Geld und Zeit nötig machen.


Derzeit sind noch keine Kommentare vorhanden. Schreiben Sie den ersten Kommentar!
Jetzt einloggen