Die Uniklinik Gießen-Marburg wollte ihre Bestrahlungsanlage für Partikeltherapie im November in Marburg eröffnen. Die Rhön Klinikum AG, zu der die Klinik mittlerweile gehört, hatte beim Kauf der Uniklinik zugesichert, 107 Millionen Euro in die Technologie zu investieren. Bis heute sind bereits 103 Millionen davon geflossen. Etwa 2.500 Patienten sollten pro Jahr mit der Partikeltherapie bestrahlt werden, entsprechendes Personal hat der Klinikkonzern bereits eingestellt. Doch nun musste Technologie-Partner Siemens eingestehen, dass die Theorie in der Praxis nicht funktioniert. Man beherrsche die Technik, heißt es, sei aber, was den Patientendurchsatz betrifft, zu optimistisch gewesen. Mehr als einige hundert Patienten sind pro Jahr nicht zu erwarten.
"Für uns kam die Entscheidung sehr überraschend”, erklärt Boris Tramm, Head of Investor Relations bei Rhön. Siemens entschädigt die Klinik nun mit 86 Millionen Euro, darin enthalten sind 17 Millionen für die Abschreibung des Gebäudes. Die Anlage gehört damit Siemens, das Gebäude und das fußballfeldgroße Areal, auf dem es steht, bleibt im Besitz des Klinikkonzerns. Siemens will laut eigener Aussage in Marburg weiter an der Partikeltherapie forschen und mietet deshalb für die nächsten Jahre das Gebäude von Rhön. Ob der Technologiekonzern die Partikeltherapie langfristig weiterentwickelt, ist jedoch äußerst fraglich. Es sieht eher so aus, als ob Siemens sich schrittweise aus der Technik zurückzieht. 2009 gab der Konzern bekannt, keine neuen Projekte für Partikeltherapie verfolgen zu wollen. Im aktuellen Quartalsbericht weist Siemens Rückstellungen in Höhe von 381 Millionen Euro für den Geschäftsbereich Partikeltherapie aus.
Vor noch größeren Problemen als in Marburg steht der Konzern mit einem Großprojekt am Uniklinikum Schleswig-Holstein (UKSH). Für das UKSH baut Siemens zusammen mit Bilfinger Berger und anderen Partnern das Krebszentrum N-Rock, welches das Konsortium nach Fertigstellung darüber hinaus 25 Jahre technisch betreiben soll. Die Uniklinik "mietet” das Zentrum mit einer gewissen Leistungsfähigkeit. So ist es vereinbart. Doch dass Siemens auch hier den zugesagten Patientendurchsatz nicht erfüllen kann, steht außer Frage. Beide Seiten verhandelten bis zum Redaktionsschluss noch unter Hochdruck.
Japan auf dem Vormarsch
Die Partikeltherapie war als Durchbruch in der Krebstherapie geplant. Der schrittweise Rückzug des Konzerns kommt einem Offenbarungseid gleich. "Wir sind die einzigen, die Kombinationsanlagen mit zwei Bestrahlungsvarianten anbieten: die mit Protonen und die mit Kohlenstoff-ionen. Das ist einer der Gründe für die Komplexität dieser Technologie”, erklärt Siemens Healthcare-Sprecher Matthias Krämer. Die Konkurrenten haben sich auf eine Partikelart spezialisiert. In München ist bereits eine Protonenanlage in Betrieb, eine weitere wird gerade in Essen gebaut. In der Schwerionenbestrahlung sind dagegen die Japaner führend. Mitsubishi und Hitachi betreiben mehrere Anlagen in Japan – und wollen jetzt auch expandieren. Hitachi ist bereits dabei, zwei Anlagen in den USA zu bauen.


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