Eine ungewöhnliche Rolle für Mecklenburg- Vorpommern: In nahezu allen Wirtschafts-, Sozial- und Bildungsstatistiken ist das Land Schlusslicht in Deutschland, doch jetzt soll es Vorbild für den Westen sein. Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD) will auf der Konferenz der Jugend- und Familienminister an diesem Donnerstag und Freitag in Schwerin das ostdeutsche System der Kinderbetreuung zur Nachahmung empfehlen. In Mecklenburg-Vorpommern besuchen 50 Prozent der unter Dreijährigen eine Krippe, bei den Ein- und Zweijährigen sind es nach Schwesigs Worten sogar 60 bis 70 Prozent. Die westlichen Bundesländer hätten dringend Nachholbedarf, meinte die stellvertretende SPD-Vorsitzende.
Auf einem "Krippengipfel" müsse darüber beraten werden, wie der vereinbarte Ausbau der Kinderbetreuung ungeachtet der Sparpläne der Bundesregierung erreicht werden könne. Bis 2013 sollen bundesweit für 35 Prozent der unter Dreijährigen Krippenplätze zur Verfügung stehen. Das Geld dafür möchte Schwesig durch einen "Bildungssoli" für Gutverdienende und einen Verzicht auf das Betreuungsgeld auftreiben. Die geplante Sozialleistung, die vor allem auf Druck der CSU an Eltern gezahlt werden soll, die ihre Kleinkinder zu Hause erziehen, ist für die Schweriner Ministerin ein "Irrsinn". Kinder, die die Betreuung und frühe Bildung in Krippen besonders nötig hätten, würden damit aus den Einrichtungen "herausgekauft".
Chancengleichheit ist das große Ziel von Schwesig. Tatsächlich haben Kinder, die in Mecklenburg-Vorpommern aufwachsen, aber schlechtere Chancen als anderswo. Laut dem neuen Bildungsbericht von Bund und Ländern verließen im Jahr 2008 fast 18 Prozent der Jugendlichen die Schule ohne Hauptschulabschluss. Bundesweit waren es 7,4 Prozent, im Westen sogar nur 6,7. Die rot-schwarze Koalition in Schwerin sieht nur einen Weg aus der Misere: Bildung von Anfang an und für alle, wie auch die CDU betont. 30 Millionen Euro mehr will das vom Länderfinanzausgleich abhängige Land pro Jahr zusätzlich für Kinder ausgeben. Allein 15 Millionen sollen in die Kindertagesstätten fließen. Teil des vor der Verabschiedung stehenden Gesetzes ist eine Bildungskonzeption für Kinder ab null Jahren.
Die hohe Betreuungsquote in Mecklenburg-Vorpommern ist wie überall in den neuen Ländern eine Errungenschaft aus DDR-Zeiten. Das SED- Regime hatte die Kindererziehung weitgehend "verstaatlicht": Schon wenige Monate alte Kinder kamen in die Krippe, später in den Kindergarten. Schulkinder gingen nachmittags in den Hort. In den Ferien fuhren viele ins Ferienlager.
Die familiären Bindungen der Mecklenburger und Vorpommern sind bis heute vergleichsweise schwach. Die meisten Kinder werden außerehelich geboren (63 Prozent). Ein Viertel der Kinder wächst bei nur einem Elternteil auf. Knapp die Hälfte der Alleinerziehenden gelten als armutsgefährdet. Immer wieder haben schwere Fälle von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung wie der Hungertod der fünfjährigen Lea-Sophie in Schwerin das Land erschüttert.
Die Landesregierung unter Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) versucht mit ihrem Konzept "Kinderland MV" gegenzusteuern. Die Maßnahmen reichen von verbindlichen Kinderuntersuchungen über Familienhebammen bis zu einer Kinderschutzhotline. Kern der im Land unumstrittenen Politik ist der Ausbau der Kinderbetreuung. Möglichst alle Kinder sollen ganztags eine Einrichtung besuchen. Das Grundrezept ist stets das gleiche: Der Staat muss eingreifen, weil die Familien zu schwach sind. Ob dieser Ansatz tatsächlich das richtige Mittel ist, dürfte auch angesichts des schlechten Abschneidens von Mecklenburg-Vorpommern im jüngsten Bildungsbericht auf der Ministerkonferenz in Schwerin für Diskussion sorgen.



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