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Pro und KontraGesundheitskioske ja, aber...

Generell finden Karl Lauterbachs Pläne der Gesundheitskioske viele Befürworter. Jedoch bleiben neben den Fragen nach der Finanzierung und dem vorherrschenden Arbeitskräftemangel in Pflegeberufen noch viele weitere unbeantwortet.

Fragezeichen
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Symbolfoto

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) löst mit seinem Vorschlag, bundesweit 1000 Gesundheitskioske zu errichten, bei den Südwest-Kommunen keine Begeisterung aus. Zwar seien niedrigschwellige Angebote sinnvoll, sie müssten aber auch umsetzbar sein, sagte der zuständige Dezernent des Städtetags, Benjamin Lachat, am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. Auch der Landkreistag winkte ab. Das Gesundheitsministerium hingegen kann sich für den Vorschlag erwärmen.

Lauterbachs Gesetzesinitiative zufolge besteht die Hauptaufgabe der Kioske darin, den Zugang zur Versorgung von Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf zu verbessern. Das gelte für Menschen mit und ohne Krankenversicherung, für Leute ohne Hausarzt oder für Patientinnen und Patienten mit Sprachbarrieren.

Die Kommunen sollen 20 Prozent der Kosten übernehmen, die gesetzliche Krankenversicherung 74,5 Prozent und die privaten Krankenkassen 5,5 Prozent. Ein Plan, den vor allem die private Krankenversicherung ablehnt. Auch den gesetzlichen Kassen gefällt die Kostenaufteilung nicht: So fordert der AOK-Bundesverband eine 50-prozentige Kostenübernahme der Kommunen. Auch Städtetagsexperte Lachat sieht Grenzen bei der Finanzierung: „Schwierigkeiten hätten wir damit, wenn der Bund ein weiteres Mal neue Aufgaben beschreibt, bei deren Umsetzung die Kommunen nicht den Handlungsspielraum und die Ressourcen bekommen, die für ein Gelingen erforderlich sind.“ Gesprächen mit Bund und Land werde man sich aber nicht verweigern.

Kritik an der Finanzierung

Der Landkreistag sprach von einem Vorschlag zur Unzeit. „Aktuell sollte sich der Bund voll und ganz darauf konzentrieren, das unter Druck stehende Gesundheitssystem zu stabilisieren und insbesondere den durch unzureichende Finanzierung massiv belasteten Kliniken zu helfen“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbandes, Alexis von Komorowski, in Stuttgart. Zwar enthalte der Vorschlag fachlich interessante Ansätze, werfe aber vor allem zahlreiche Fragen auf - etwa nach möglichen Doppelstrukturen und einer wirklich fairen Finanzierung.

Kritik am Finanzierungskonzept der Kioske kam auch von Jürgen Hohnl, Geschäftsführer des IKK e.V. Die Kioske sollten Daseinsvorsorge betreiben, diese dürfe aber nicht beitrags-, sondern muss steuerfinanziert werden. Laut Hohnl ist die Idee der Gesundheitskioske und die damit einhergehende Unterstützung sozial schwacher Gebiete zwar löblich, jedoch könne die Finanzierung nicht allein an den gesetzlichen Krankenversicherungen hängen bleiben.

Fehlende Einbeziehung der ansässigen Arztpraxen

Dr. Dominik von Stillfried, Vorstandsvorsitzender des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi), sieht das Problem bei der ausschließlich „engen Anbindung an den Öffentlichen Gesundheitsdienst“. Dieser übernehme zwar wichtige Aufgaben in der Gesundheitsförderung und Prävention, jedoch sind die zentralen Orte der fachäztlichen Versorgung, sowohl in der Stadt als auch auf dem Land, die dort ansässigen Arztpraxen. „Deshalb kommt es auf eine sehr enge Kooperation an, nicht nur in der Durchführung einfacher medizinischer Routineaufgaben auf ärztliche Veranlassung, sondern auch in der Beratung von Patientinnen und Patienten, etwa in der Ernährungsberatung für Diabetiker, die auf andere Elemente des Therapie-Managements abgestimmt sein müssen“, so von Stillfried. Bei der weiteren Entwicklung und Ausgestaltung des Projekts sollten daher die Anbindung der Kioske an behandelnde Arztpraxen berücksichtigt werden.

Pflegerat sieht Personalprobleme

Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats e.V. (DPR), findet die Idee hinter den Gesundheitskiosks zwar gut, sieht aber noch einige Leerstellen in der bisherigen Projektentwicklung. So sieht sie ein besonderes Problem in der Personalbeschaffung. „Bereits heute sucht das Pflege- und Gesundheitswesen händeringend nach Mitarbeiter*innen, die ihnen durch den Aufbau der Gesundheitskioske zusätzlich fehlen werden“, erklärte Vogler. Außerdem stellt sie die Frage nach der allgemeinen Notwendigkeit der Kiosks, da die vor Ort arbeitenden ambulanten Pflegedienste schon heute viele der jetzt in den Eckpunkten genannten Aufgaben erfüllten. Weiterhin greife es zu kurz, das Hamburger Beispiel auf die bundesweite Ebene zu übertragen, denn dafür sind die einzelnen Bundesländer und ihre Beschaffenheiten zu unterschiedlich.

DBfK bringt Community Health Nurses ins Spiel

Das baden-württembergische Gesundheitsministerium begrüßte den Ansatz, die medizinische Versorgung mit neuen Konzepten gerade in sozial benachteiligten Gebieten zu verbessern. „Die Gesundheitskioske passen sehr gut zu unserem Konzept der Primärversorgungszentren, die derzeit in Baden-Württemberg aufgebaut werden“, erläuterte ein Sprecher. Diese Zentren seien leicht zugänglich für alle Menschen mit gesundheitlichen Anliegen und Problemen. Diese Kontaktstellen und die vorgeschlagenen Gesundheitskioske schlössen einander nicht aus.

Auch Andrea Kiefer vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) Südwest e. V. sieht in dem Projekt große Chancen für die Zukunft. So könnten perspektivisch Community Health Nurses (CHN) die Leitung der Gesundheitskioske übernehmen. „In zahlreichen Gesprächen mit Gesundheitspolitiker*innen und in Forderungspapieren zu Wahlen haben wir immer wieder auf dieses große Potential der CHN hingewiesen“, so Kiefer. Der lange Kampf der CHN, die Kompetenzen der professionell Pflegenden endlich anzuerkennen, würde damit nun endlich Früchte tragen.

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