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Medizinische Versorgung von FlüchtlingenWie München die Herausforderung managt

Als erste Großstadt hinter der Grenze aus Richtung Balkan ist die bayerische Landeshauptstadt innerhalb weniger Wochen zur Drehscheibe für die Flüchtlingsströme in ganz Deutschland geworden. Auf dem Europäischen Gesundheitskongress, der gerade ebenfalls in München stattgefunden hat, wurde das Thema spontan mit einer Extra-Veranstaltung bedacht.

Bis zu 13.000 neue Flüchtlinge kamen in den vergangenen Wochen aus Richtung Südosteuropa in München an – täglich. Ausgelaugt, dehydriert, tagelang ohne Chance auf Körperpflege und besonders viele von ihnen: Kinder. Wie organisiert man die medizinische Versorgung von so vielen Menschen, die andere Sprachen sprechen, aus anderen Kulturkreisen kommen, keine Krankenversicherung besitzen? Bei den Münchner Gesundheitsinstitutionen war ín dieser krisenhaften Situation Besonnenheit, Pragmatismus und Improvisationstalent gefragt. Auf dem Europäischen Gesundheitskongress berichtete Werner Schimana vom Gesundheitsreferat der Landeshauptstadt München von den bisher gesammelten Erfahrungen, von denen auch andere Städte profitieren können. Schimana, einst Oberarzt an einer süddeutschen Kinderklinik, war von 2000 bis 2012 im ostafrikanischen Tansania tätig. Erst bildete er dort Kinderärzte aus, dann arbeitete er als Berater der Regierung für Fragen der HIV-Prävention und AIDS-Bekämpfung. kma-Redakteur Adalbert Zehnder sprach mit dem für die Gesundheitsvorsorge von Asylbewerbern zuständigen Abteilungsleiter des Gesundheitsreferats am Rande des Kongresses in München.

In der Bevölkerung kursieren Ängste, dass mit der Flüchtlingswelle Krankheiten wiederkehren könnten, die in Deutschland schon als abgehakt galten. Gerade im Bürgerkriegsland Syrien etwa, wo viele der Flüchtlinge herstammen, registrierte die WHO erst 2013 einen massiven Anstieg der Kinderlähmung. Welche Krankheiten haben Sie bei den in München Ankommenden registriert? Und in welcher Größenordnung?

Wir wissen aus dem medizinischen Erst-Screening von Flüchtlingen und der Sprechstunde in der Bayern-Kaserne, also der Erstaufnahmeeinrichtung in München, dass Flüchtlinge vor allem von den Strapazen der Flucht erschöpft und ausgezehrt sind. Das Gros der gesundheitlichen Probleme sind banale Infekte, ganz häufig auch Zahnschmerzen. Dann gibt es noch Krätze oder Läusebefall, doch dies wird schon bei der Diagnosestellung behandelt, sodass es für die allgemeine Bevölkerung kein Problem ist. Die Erkrankung, bei der
theoretisch eine Gefahr besteht, ist die Tuberkulose.

Wie sieht diese Gefahr aus?

Grundsätzlich ist es so: Seltene Krankheiten sind auch unter den Flüchtlingen selten. Die Zahl der HIV- Infektionen oder der bestätigten Tuberkulose-Fälle liegt bei etwa einem Prozent der Flüchtlinge. Da an Tuberkulose erkrankte aber gezielt identifiziert und behandelt werden, besteht für die Allgemeinbevölkerung kein erhöhtes Risiko. Nur: Wenn ich große Mengen von ankommenden Flüchtlingen habe, 5.000 an einem Wochenende, und ein Prozent hat eine offene TB, dann sind dies 50 Personen. Dann stoßen die Krankenhäuser, die die entsprechenden Isolierstationen haben für solche Patienten, natürlich an ihre Grenzen.

Wie haben denn Krankenhäuser in München auf den Flüchtlingsansturm reagiert?

Das Städtische Klinikum München hat am Standort Klinikum Schwabing einen stillgelegten Trakt reaktiviert und für die Betreuung ein System aus ehrenamtlichen Freiwilligen aufgestellt. Für die Flüchtlinge hat das den Vorteil, dass sie einen Rückzugsraum bekamen. Und für die Klinik, dass sie ihre Notfallambulanzen entlastet hat. Die Flüchtlinge kennen unser Gesundheitssystem ja nicht. Das hatte zur Folge, dass die Krankenhausambulanzen – oft auch nachts – häufig übervölkert waren – wegen Beschwerden, die von niedergelassenen Ärzten oder in der kassenärztlichen Ambulanz behandelt werden könnten und sollten. Eines der größten Hindernisse bei der Behandlung ist derzeit eins, das mit Medizin gar nichts zu tun hat – die Sprachbarriere. Wir haben deshalb ein Modellprojekt auf die Beine gestellt, indem wir das Dolmetschen via Telefon erproben.

Es ist ja noch nicht abzusehen, dass der Flüchtlingsstrom abreißt. Worin liegen denn in der Zukunft die Herausforderungen für das Gesundheitssystem?

Sollte der Zuzug länger anhalten, muss zum Beispiel diskutiert werden, wie wir das in der Krankenhaus-Bedarfsplanung berücksichtigen, damit die Krankenhäuser nicht an ihre Kapazitätsgrenzen kommen und die Qualität der Versorgung leidet. Ein Beispiel: Wenn sich in München die Zahl der Flüchtlinge verdreifacht und ich weiß, dass von deren Kindern geschätzte 20 Prozent unter sechs Jahre sind, dann muss ich das bei der Bettenplanung für die Pädiatrie berücksichtigen.

Krankenhäuser haben die Befürchtung, dass sie auf Behandlungskosten in größerem Ausmaß sitzen bleiben. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) fordert die bundesweite Einführung einer "Gesundheitskarte für Flüchtlinge". Befürworten Sie die?

Es muss nicht unbedingt eine eigene Krankheitskarte sein, denn da tauchen schnell Themen auf wie Kontrolle, Missbrauch oder der Aufwand von Einführung und Ausgabe. Der Punkt ist, dass es ganz verschiedene Patienten mit Migrationshintergrund gibt, also zum Beispiel den Flüchtling der leistungsberechtigt nach dem Asylbewerber-Leistungsgesetz ist, oder der nicht versicherte Armutsmigrant aus einem europäischen Land und dass Krankenhäuser erkennen und zuordnen müssen, wen sie gerade vor sich haben – damit auch klar ist, wie sie ihn abrechnen können. Das Problem sind Patienten, die ohne irgendwelche Papiere ankommen. Wer sich als Asylbewerber ausweisen kann (zum Beispiel mit dem Dokument den sie/er bei der Registrierung erhält, oder dem Behandlungsschein), dem stehen Leistungen nach Asylbewerberleistungsgesetz zustehen. Hier ist die Abrechnung klar geregelt. Die Diskussion bei den Krankenhäuser ist immer: Was darf ich und was darf ich nicht? In dem Augenblick, wo ein akutes Problem vorliegt – ein entgleisender Diabetes, eine Blinddarmentzündung – muss das stationär angegangen werden. Dann brauche ich vorher keine Kostenübernahmeversicherung. Bei nicht-akuten Dingen ist das freilich anders.

Eine weitere Befürchtung der Kliniken ist, dass sie durch die Behandlung einer wachsenden Zahl von Flüchtlingen ihre Budgets überschreiten könnten und auch deshalb finanzielle Einbußen erleiden könnten. Was sagen Sie dazu?

Die Erlöse für die Behandlung von Flüchtlingen kommen nicht aus den üblichen Töpfen des Gesundheitssystems und laufen deshalb außerbudgetär. Das sind Leistungen, die vom Sozialamt übernommen werden. Von dieser Warte her brauchen Krankenhäuser überhaupt keine Angst zu haben, finanzielle Nachteile zu erleiden. 

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