
Die wirtschaftliche Lage der deutschen Krankenhäuser ist nach Einschätzung des RWI „angespannter als je zuvor". Über die Hälfte der Häuser weisen Jahresfehlbeträge auf. Der Deutsche Landkreistag erwartet Rekorddefizite. Besonders kommunale Kliniken stehen unter Druck. Auch wenn die Krankenhausreform jetzt verabschiedet ist – bisher zeigt sie nur wenig Wirkung.
Private Klinikgruppen scheinen auf die aktuelle Umstrukturierungs- und Konsolidierungsphase gut vorbereitet zu sein. In unserer Titelgeschichte fragen wir, ob sie der Taktgeber sind in der Transformation der Kliniklandschaft. Im Gespräch mit fünf CEOs zeigt sich, dass die Unternehmen mehrheitlich einen eher selektiven und risikoaversen Kurs verfolgen. Übernahmen erfolgen nur, wenn Standorte strategisch passen und wirtschaftlich stabilisierbar sind. Konzernstrukturen ermöglichen Skaleneffekte, Einkaufsvorteile werden laut Ameos-Gründer Dr. Axel Paeger in schwierigen Zeiten noch prägnanter. Helios-Chef Robert Möller setzt auf den Cluster-Ansatz, bei dem arbeitsteilige regionale Verbünde auch kleineren Häusern zugutekommen. Sana-CEO Thomas Lemke verfolgt mit der Strategie „Auf Kurs 2030" eine ganzheitliche Versorgungslogik jenseits des stationären Bettes und hat zuletzt in Neckarsulm gemeinsam mit der Schwarz Gruppe ein MVZ für hausärztliche Grundversorgung eröffnet. Schön-Klinik-Chef Dr. Mate Ivančić sieht sein Haus gut aufgestellt und erwartet für 2026 ein positives Jahresergebnis.
Dass Turnarounds möglich sind, zeigt Paracelsus-CEO Phillip Fröschle eindrücklich. Als er im Juli 2023 die Akutkliniken übernahm, stand ein deutlich negatives Jahresergebnis in den Büchern. 2025 schloss der Verbund erstmals positiv ab, für 2026 erwartet Fröschle eine Gewinnmarge von vier bis sechs Prozent. Prozessmanager aus der Industrie, eine offene Feedback-Kultur und konsequente Standardisierung haben den Unterschied gemacht. Geplant ist nun eine Beratungsgesellschaft, die das erarbeitete Know-how an andere Häuser vermarkten soll. Gleichzeitig mahnen Branchenexperten: Ein automatischer Vorteil der Privaten im Ausleseprozess ist nicht garantiert. Attraktive Übernahmekandidaten werden rar, und Roland-Berger-Partner Oliver Rong stellt fest, dass alle Akteure regional grundsätzlich die gleichen Startbedingungen haben.
Weitere Schlaglichter im Heft
Gesundheitssicherstellungsgesetz: Krisenvorbereitung mit offenen Finanzierungsfragen
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken plant ein Gesundheitssicherstellungsgesetz für Sommer 2026. Die Großübung „Medic Quadriga" in Berlin-Brandenburg testete im März die Rettungskette vom fiktiven Gefechtsfeld bis ins zivile Krankenhaus. Das Zusammenspiel funktionierte weitgehend, doch die Finanzierung der Krisenvorsorge bleibt ungeklärt: Weder im GKV-Spargesetz noch im geplanten Gesetz ist bislang geregelt, wie die Behandlung verletzter Bündnissoldaten vergütet werden soll.
Fusion in Darmstadt: Kommunal und kirchlich auf Augenhöhe
Das Agaplesion Elisabethenstift und das Städtische Klinikum Darmstadt fusionieren zu den Südhessen Kliniken, dem künftig zweitgrößten Krankenhaus Hessens mit 1300 Betten. Beide Träger bringen je 60 Prozent in eine gemeinsame Holding ein. Die Stadt übernahm einen Großteil der Verbindlichkeiten, der Agaplesion-Konzern steuert Synergien bei Einkauf und IT bei. Der Businessplan sieht eine Steigerung der Fallzahlen um acht Prozent vor, die großen Effekte werden ab 2028 erwartet.
Machtmissbrauch in der Medizin: Ein systematisches Problem
In einer bundesweiten Studie des Marburger Bundes aus dem Jahr 2026 gaben 49 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte an, in den vergangenen zwölf Monaten Machtmissbrauch erlebt zu haben. 74 Prozent der Betroffenen melden die Vorfälle nicht, interne Meldestellen gelten als wenig wirksam. Marburger-Bund-Chefin Dr. Susanne Johna fordert klare Leitbilder, externe Meldestellen und verbindliche Konsequenzen. Ohne entsprechende Maßnahmen würden qualifizierte Fachkräfte das System verlassen und die Versorgungsqualität gefährdet.


