Unter dem Dach der Fraunhofer Gesellschaft arbeiten mittlerweile 66 Institute unterschiedlichster Ingenieurwissenschaften in ganz Deutschland. Klinische Anwendungen werden in vielen dieser Institute erforscht. „Trotzdem arbeitet man hier oft nicht zusammen und erfindet das Rad von einer jeweils anderen Seite sozusagen immer wieder neu“, kritisiert Sebastian Meinecke vom Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST in Dortmund. Vier Fraunhofer Institute an der Ruhr, die ziemlich nahe beieinander liegen, haben sich deshalb zur Zusammenarbeit entschlossen. Mit mehr als 80 Industrie- und Wissenschaftspartnern bündeln die dortigen Healthcare-Experten ihr Know-how. Ihr Ziel: brachliegendes Innovationspotenzial zu mobilisieren und die Kostenblöcke im Klinikbetrieb in den Griff zu bekommen.
Testumgebung für Innovationen
„Wir wollen im gesamten Prozessgeschehen einer Klinik unnötige Kosten vermeiden und durch intelligente Technik eine höhere Versorgungsqualität und Kosteneffizienz erreichen“, sagt Wolfgang Deiters, stellvertretender Institutsleiter am Fraunhofer ISST. Mitte Juli 2013 haben die Institute dafür auf rund 350 Quadratmetern eine moderne Entwicklungs- und Testumgebung mit Operationssaal, Patientenzimmer, Reha-Bereich sowie Lager- und Funktionsräumen geschaffen. In dem Modell-Krankenhaus „Hospital Engineering Labor“, das dafür in der zweiten Etage des Inhouse-Zentrums in Duisburg gebaut wurde, lassen sich Klinikszenarien unter Alltagsbedingungen analysieren: von der Material- über die Energieversorgung bis hin zur informationstechnischen Vernetzung.
RFID im OP
Dort haben die Forscher auch den Einfluss von mobilen Funkchips auf Basis von Radio Frequency Identification, kurz RFID, auf das „Gesamtsystem Krankenhaus“ umfassend bewertet. Mit ihnen lassen sich nicht nur die Warenströme des Einzelhandels überwachen, sondern auch Logistikprozesse in Kliniken automatisiert dokumentieren. So hat die evangelische Krankenhausgemeinschaft in Herne ihre Patientenbetten mit RFID-Transpondern ausgestattet, um damit die Auslastung ihrer Aufzüge zu optimieren. Das Klinikum Saarbrücken stattet sogar Patienten mit RFID-Armbändern aus, auf denen sie deren Daten speichert. Die Forscher des Duisburger Modellkrankenhauses haben den RFID-Einsatz zur automatisierten Anwesenheitserfassung des OP-Personals bewertet. „Wir haben eine detaillierte Prozesskostenrechnung aufgebaut: Welche Schritte lassen sich durch die automatisierte Erfassung einsparen, etwa im Rahmen der Dokumentationszeit – und welche Kosten hat man dementsprechend“, erklärt Vanessa Werner, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Fraunhofer ISST. Orientiert haben sich die Experten dabei am berufsgenossenschaftlichen Uniklinikum Bergmannsheil in Bochum, das in seinen derzeit 14 Operationssälen jährlich rund 10.000 Operationen durchführt.
Pro OP zwei Minuten gespart
Das Ergebnis ist positiv: Trotz der Implementierungskosten von insgesamt 157.605 Euro und jährlichen Wartungskosten von 8.200 Euro für das RFID-System spart die Uniklinik laut der Rechnung des Fraunhofer ISST damit jährlich rund 25.000 bis 44.000 Euro. Auch die eingesparte Dokumentationszeit durch die Erfassung mit den RFID-Transpondern haben die Experten berechnet. Pro Operation rechnen das Fraunhofer ISST mit einer Einsparung von einer bis zwei Minuten. Auf zehn Jahre hochgerechnet ergibt das unterm Strich einen Nettobarwert von insgesamt 122.826 Euro, was pro Jahr exakt 14.768 Euro entspricht.
Die Vorteile des RFID-Systems beschränken sich aber nicht nur auf den reinen Kapitalwert. Laut Meinecke werde damit auch die Mitarbeiterzufriedenheit gesteigert, denn die Dokumentation sei in der Regel eine frustrierende Tätigkeit. „Man muss sich auch fragen, was mit der Infrastruktur zusätzlich machbar ist. Ein Krankenhaus könnte damit langfristig auch seine OP-Planung optimieren. Selbst die Patienten können es so erfassen und damit Verwechslungsrisiken minimieren.“
In Zukunft ist RFID im Kommen, so die Prognose der Experten. „Dennoch haben die meisten Anwendungen im Krankenhaus heute noch Pilotcharakter“, bemängelt Meinecke. Das könnte sich aber schnell ändern, denn die RFID-Systeme gehören in der Industrie schon längst zum Standard und werden immer billiger. Man darf also gespannt sein.


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