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KommentarDas KHZG als KI-Booster?

In vielen Kliniken geht es mit der KHZG-Förderung zunächst darum, den digitalen Anschluss zu finden, das ist mir absolut klar. Dennoch lohnt sich eine gewisse Weitsicht – etwa, wenn mit dem aktuellen Digitalisierungspaket jetzt schon an den künftigen Einsatz von KI gedacht wird.

Admir Kulin
m.Doc GmbH

Admir Kulin, Gründer und Geschäftsführer der m.Doc Gmbh, Anbieter für innovative digitale Gesundheitslösungen.

Künstliche Intelligenz (KI), Machine und Deep Learning oder auch neuronale Netze sind Schlagworte, die derzeit noch selten in einem Atemzug mit der Digitalisierung des Gesundheitswesens genannt werden. Und das ist ok. Denn wie wir alle wissen, gibt es in unserer Branche nicht nur einen immensen Nachholbedarf, die meisten Verantwortlichen sind froh, wenn erste Digitalisierungsvorhaben überhaupt auf den Weg gebracht werden.

Allerdings möchte ich heute genau aus diesem Grund eine Lanze für das Thema brechen, das sich hinter diesen Schlagworten verbirgt: die intelligente Sammlung und Nutzung von Daten zum Vorteil der Patientinnen und Patienten.

Ich weiß, dass das komplette Gesundheitswesen, insbesondere die Kliniken in Deutschland, mit dem KHZG bereits alle Hände voll zu tun haben. Die Taktfrequenz für die Umsetzung neuer Gesetze ist generell hoch. Die unterschiedlichen Vorhaben binden immens viel Ressourcen. Und möglicherweise wird die eine oder andere Klinik bei der Umsetzung an Grenzen stoßen.

Dennoch halte ich es für klug, sich bereits jetzt intensiv mit KI in seinen unterschiedlichen Facetten zu beschäftigen. Weil mit dem KHZG heute wichtige Weichen gestellt werden – für den künftigen Einsatz von IT, von digitalen Prozessen und die Nutzung beziehungsweise Verfügbarkeit von Daten. Deshalb sind Weitsicht und Mut gefordert. Wir können nicht die Augen verschließen, abwarten und nichts tun. Auch wenn das KHZG „abgearbeitet“ ist – der Handlungsdruck bleibt hoch und wird tendenziell weiter zunehmen. Dazu braucht es nicht einmal ein KHZG II, dafür reichen der Druck, den die Patienten mit ihrer Nachfrage kreieren und die globalen Akteure und Serviceprovider, für die auch der deutsche Marktverstärkt in den Fokus rücken wird.

KI als Schlüssel zum Datenschatz

Um das Potenzial zu begreifen, das sich hinter einer gezielten, KI-getriebenen Datennutzung verbirgt, muss man nur in andere Bereiche schauen. Insbesondere aber der Blick über den Atlantik lohnt: Google, Amazon oder Netflix nutzen bereits die tief in unseren Daten verborgenen Informationen, um unsere Konsum-, Lese-, oder TV-Vorlieben zu analysieren und uns passende Angebote zu unterbreiten.

Stellen Sie sich nun vor: Der Patient hat seine Daten über einen längeren Zeitraum gesammelt. Er könnte diese Daten spenden und einem Servicepartner und Behandler seines Vertrauens zur Verfügung stellen. Mit Hilfe von KI wäre ein Vergleich mit historischen und aktuellen Daten anderer Patienten möglich. Das würde bedeuten, dass die KI bereits vor oder mit Aufnahme eines Patienten in die stationäre Behandlung eine individuelle Vorbereitung und dann einen optimalen und personalisierten Behandlungspfadvorschlagen könnte. Das würde nicht nur die Versorgung des Patienten optimieren, sondern auch alle für die Klinik und ihre Belegschaft relevanten Abläufe: Von der Ressourcenplanung, dem Schicht- und OP-Plan, bis hin zum Einsatz der richtigen Medikamente. Natürlich personalisiert gedruckt in 2D- und 3D. Neben Produktivität und Effektivität wird gleichzeitig auch der Outcome gesteigert.

Wir sprechen bei der Weiterentwicklung von KI im Gesundheitswesen also nicht darüber, dass medizinische und pflegerische Aufgaben von der Technik komplett übernommen werden, sondern dass sie vielmehr unterstützend zum Einsatz kommt – für optimale Behandlungsabläufe, für eine optimale medikamentöse Versorgung, für individuell angepasste Therapien und, ja, auch für eine effizient aufgestellte Klinik, bei der administrative Abläufe weitestgehend automatisiert sind, sodass am Ende mehr Zeit für die Versorgung der Patienten bleibt.

Oder anders formuliert: Wenn die bislang größte weltweit durchgeführte Studie zur automatisierten Hautkrebserkennung zeigt, dass in einem Vergleich von 511 Medizinern aus 62 Ländern und 139 Computeralgorithmen, selbst durchschnittliche Algorithmen ähnlich gute oder sogar bessere Ergebnisse erzielten als die Mediziner, warum sollte eine derart verlässliche Unterstützung in der Diagnostik nicht genutzt werden – vor allem auch, um die individuell passende Therapie zu bestimmen?

Grenzen überwinden

Und künstliche Intelligenz kann noch mehr, nämlich (Daten-)Grenzen aufsprengen, die aktuell noch unüberwindlich wirken. Ich spreche hier beispielsweise von der Nachsorge, bei chronischen Erkrankungen oder während der Rehabilitation. Vor allem aber wird KI aus meiner Sicht künftig einen entscheidenden Beitrag dazu leisten können, dass die Gesunderhaltung der Menschen im Vordergrund steht. Möglich wird das, wenn die KI auch mit Daten von Fitnesstrackern oder anderen Apps gefüttert wird, die Essverhalten, Kalorienzufuhr, Bewegungsmuster oder Körperfettanalysen dokumentieren. So ergibt sich ein Gesamtbild eines Menschen, aus dem die künstliche Intelligenz dann individuelle Empfehlungen aussprechen kann –natürlich immer in „Rücksprache“ mit dem behandelnden Arzt und vorausgesetzt der Patient wünscht eine solche ganzheitliche Betrachtung.

Wie ein solches Potenzial für Kliniken mit ganz unterschiedlichem Digitalisierungsgrad nutzbar gemacht werden kann, untersucht aktuell beispielsweise das Konsortium SmartHospital. NRW unter Leitung der Universitätsmedizin Essen. Ziel ist zum einen, ein übertragbares Vorgehensmodell zu erarbeiten, wofür ganz unterschiedliche, innovative KI-basierte Anwendungen für reale Einsatzszenarien entwickelt und exemplarisch erprobt werden, wie beispielsweise die intelligente Erstellung und Verarbeitung medizinischer Dokumente, die KI-gestützte Gesundheitsdatenanalyse zur Diagnostikunterstützung oder der Einsatz von Sprachinterfaces zur kontaktlosen und damit sterilen Bedienung von Computern am Arbeitsplatz. Ein absolut spannendes Projekt, dass nicht nur vom Land NRW gefördert, sondern sicherlich vielversprechende Ideen hervorbringen wird.

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