Kolumne - Denkfehler im Gesundheitswesen

Der lange Weg der Gesundheitsakte

Gesundheitsminister Jens Spahn will bis 2021 endlich die seit 2004 geplante elektronische Gesundheitsakte (eGA) mit zentraler Datenspeicherung einführen. Allerdings wollen die Krankenkassen und andere Anbieter nicht mehr länger auf die Gematik-Lösung warten und etablieren jetzt mit Vivy, TK-Safe und Apples API ihre eigenen Apps.

Foto: Kraak

Manfred Kindler: Dipl.-Ing. Biomedizintechnik, vereidigter IHK-Sachverständiger, Präsident des Krankenhaus-Kommunikations-Centrums e.V., seit 30 Jahren aktiv in Entwicklungshilfeprojekten mit den Schwerpunkten: Qualitäts-, Risiko-, Changemanagement.

Die unendlich lange Geschichte der Entwicklung und Einführung einer einheitlichen Patientenakte ist an Peinlichkeit kaum noch zu überbieten. Minister Spahn wollte nun einen deutlichen Schlusspunkt setzen, kommt aber damit augenscheinlich zu spät. Krankenkassen und private Anbieter bieten ihren Kunden längst eigene Lösungen an und setzen sie sogar mittlerweile regional ein.

Die frühzeitige Einführung scheiterte nicht an der technischen Umsetzbarkeit. Die ist relativ leicht zu lösen, schließlich haben die meisten EU-Länder ihre eGAs schon lange eingeführt. Es hapert am politischen Willen einiger Verbandsvertreter im Gesundheitswesen. Diverse Lobbygruppen machten die Gematik nahezu beschlussunfähig, weil sie sich in zentralen Fragen nicht einigen konnten.

Gesamtkosten in Höhe von 14 Milliarden Euro

Was aber ist die eigentliche Ursache des Scheiterns? Ein Blick auf die Blockaden identifiziert einige vermeintliche Verlierer mit ihren Ängsten in diesem Projekt. Die Angst der Ärzte vor der Transparenz ihres Handelns? Die der Krankenkassen und Patienten vor Missbrauch der Daten? Die der Verbandsfunktionäre vor dem Verlust ihres Einflusses?

Die Gematik schätzte die Gesamtkosten des Projekts auf 14 Milliarden Euro. Warum wurde nicht schon früher die Notbremse gezogen? Der typische Denkfehler lautet „Sunk Cost Fallacy“, der Trugschluss der versenkten Kosten. Wie beim Flughafen BER oder Bahnprojekt Stuttgart-21 hat man schon viel Zeit, Geld, Energie und Liebe in ein untaugliches Projekt investiert. Jetzt kann man keinen Rückzieher mehr machen, ohne dass die Verantwortlichen ihr Gesicht verlieren. Also wirft man weiterhin gutes Geld aus dem Fenster.

Was ist also im konkreten Fall zu tun?

Die tiefere Ursache dieses Verhaltens liegt in der Psychologie begründet. Machtbewusste Menschen streben nach Konsequenz und Konsistenz, die Glaubwürdigkeit signalisiert. Der Abbruch eines laufenden Projektes stört dieses Image der Zielstrebigkeit. Lieber führen sie ihr Vorhaben ungeachtet der Kosten bis zum bitteren Ende durch. Das generelle Gegenmittel für die Sunk Cost Fallacy? Schaue nicht mehr auf die Vergangenheit. Analysiere davon unbeeinflusst die gegenwärtige Situation und schätze die künftige Kosten-Nutzen-Beziehung realistisch ein. Vergiss dabei nicht die zeitliche Dynamik des Umfeldes.

Was ist also im konkreten Fall zu tun? Die Gematik sollte sich schleunigst mit ihren Konkurrenten und dem BMG an einen Runden Tisch setzen und ohne Groll eine gemeinsame Lösung hinsichtlich der Portabilität und dem Schutz der Daten suchen. Nachdem Testhacker schon ein erstes vernichtendes Urteil über Datensicherheit abgegeben haben, sollte man sich bevorzugt mit der Blockchaintechnologie befassen – die läuft schließlich schon seit Jahren erfolgreich in Estland.

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