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Telematikinfrastruktur 2.0„Gigantische Menge an Elektroschrott“

Die Gematik möchte die Telematikinfrastruktur (TI) modernisieren. Der Zugang zu den Fachdiensten soll erleichtert, fehleranfällige Technik verbannt und der Datenaustausch verbessert werden. Probleme mit den Konnektoren werden das Bauvorhaben jedoch verteuern.

Vernetzung
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Symbolfoto

Die Telematikinfrastruktur (TI) kommt nicht aus den Schlagzeilen. Mitte März wurde bekannt, dass die Gematik alle 130 000 Konnektoren in den deutschen Arztpraxen austauschen möchte – kurz bevor die Geräte ohnehin durch eine neue Technik abgelöst werden sollten. „Eine gigantische Menge an Elektroschrott“, konstatierte der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Thomas Kriedel, als er die Entscheidung auf der Online- Vertreterversammlung der KBV bekannt gab. Der Deutsche Hausärzteverband veranschlagt die Kosten für die geplante Aktion im dreistelligen Millionenbereich.

Bislang werden die Konnektoren in Verbindung mit den TI-Smartcards eHBA (elektronischer Heilberufsausweis) und SMC-B (Institutionskarte) für den VPN-Zugang zur Telematikinfrastruktur benötigt. Bis zum Jahr 2025 möchte die Gematik jedoch ein neues Zugangsverfahren etablieren, das ohne Konnektoren und Smartcards auskommt. Allerdings haben die Konnektoren nur eine Laufzeit von fünf Jahren. So lange sind die Zertifikate der Konnektoren gültig. Nach Ablauf dieser Zeit verwehrt die TI dem Konnektor den Zugang. Da der Roll-out der TI 2017 gestartet ist, laufen die ersten Zertifikate bereits im zweiten Halbjahr 2022 ab. Damit die Konnektoren funktionieren, bis das neue Verfahren einsatzbereit ist, müssten die Zertifikate verlängert oder erneuert werden. Die Alternative besteht aus dem Austausch der Konnektoren. In diesem Jahr laufen 15 150, in den Folgejahren 58 083 (2023) und 54 914 (2024) Zertifikate ab.

Gematik geht auf Nummer sicher

Wie der Berater und ehemalige Gematik-Mitarbeiter Mark Langguth in einem Beitrag auf der Plattform LinkedIn schreibt, war die Problematik der auf fünf Jahre befristeten Zertifikate bekannt, weshalb es seit über zehn Jahren ein Konzept für die Erneuerung der Zertifikate gegeben habe. Die Hardware sei für eine Zertifikatsverlängerung ausgelegt, die erforderliche Software jedoch nicht entwickelt worden, so Langguth. Die geplante Umstellung auf das neue Zugangsverfahren, das ohne Konnektoren auskommt, ist Bestandteil einer umfassenden Modernisierung der Telematikinfrastruktur.

Nach dem Zeitplan der Gematik soll diese TI 2.0 im Jahr 2025 an den Start gehen. Als Übergangslösung hatte die Gematik, anstatt der ursprünglich geplanten Zertifikatserneuerung, eine Zertifikatsverlängerung um zwei Jahre vorgesehen. Eine Gültigkeitsdauer der verlängerten Zertifikate über zwei Jahre hinaus hätte die zuständige Behörde BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) Langguth zufolge nicht akzeptiert. Die Zertifikatsverlängerung sollte über ein Softwareupdate (PTV5) erfolgen.

Da der Prozess der Zertifikatsverlängerung via PTV5 bislang noch nicht in Feldtests erprobt wurde, bestand offenbar das Risiko, dass in der zweiten Jahreshälfte, nach Ablauf der ersten Zertifikate, manche Konnektoren in den Arztpraxen nicht mehr funktionieren würden. Ohne TI-Zugang sind die Praxen jedoch nicht arbeitsfähig. Sie können dann zum Beispiel weder elektronische Arztbriefe noch elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen versenden. Die Gematik entschied sich wohl deshalb, auf Nummer sicher zu gehen. Zumal unsicher ist, ob eine Zertifikatsverlängerung von zwei Jahren ausreicht, um die Zeit bis zum Start der TI 2.0 zu überbrücken.

„Wie die Dinge liegen, wird die TI 2.0 allerdings frühestens in zwei bis drei Jahren an den Start gehen“, sagte Kriedel auf der KBV-Veranstaltung. Langguth schätzt, dass der Austausch der Konnektoren Kosten von über 150 Millionen Euro verursachen wird.

Immer wieder die Konnektoren

Gilbert Mohr, Leiter der Stabsstelle E- Health bei der KV Nordrhein und Urgestein der deutschen Gesundheitstelematik, kommentierte den Konnektortausch auf Twitter so: „Zwei Schritte vor, mindesten einer zurück – so kommt einem die aktuelle Entwicklung bei der Telematikinfrastruktur manchmal vor.“ Tatsächlich war der Aufbau der TI eine langwierige Angelegenheit. 2005 startete die Gematik mit der Entwicklung des Gesundheitsnetzes. Ständige Querelen zwischen den damaligen Gematik-Gesellschaftern – den Kostenträgern und Leistungserbringern – sorgten jedoch dafür, dass die TI erst 2017 an den Start gehen konnte.

In der Zwischenzeit war viel passiert. Apple hatte das iPhone erfunden, Microsoft sich mit Open-Source-Software angefreundet und Plattformen hatten das Internet erobert. Das aus den 2000er-Jahren stammende Konzept der TI mit einem zentralen Netz und einem VPN-Zugang via Konnektoren und TI-Smartcards war bereits beim Start veraltet. Immer wieder machte die TI mit Störungen Schlagzeilen, die im Zusammenhang mit den Konnektoren oder TI-Smartcards standen.

Ende Mai 2020 kam es zu einem größeren und länger andauernden TI-Ausfall in den deutschen Arztpraxen. Der Wechsel eines sogenannten DNSsec-Vertrauensankers führte zu einer Störung im zentralen Netz der deutschen Gesundheitstelematik, die laut gematik zügig – nach 16 Stunden – behoben war. Vor Ort in den Arztpraxen funktionierten rund 80 000 Konnektoren nicht mehr. Service-Techniker mussten alle Konnektor-Updates manuell einspielen. Nicht nur der Aufwand war enorm. Auch die Betriebsunterbrechungen und die Kostenfrage führten dazu, dass sich der Zorn der Ärztinnen und Ärzte gegen die Gematik richtete. Diese entschloss sich daraufhin, mit der TI 2.0 alte Zöpfe abzuschneiden.

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