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Telematikinfrastruktur 2.0„Gigantische Menge an Elektroschrott“

Dinge, die vor zehn Jahren im Gesundheitswesen noch tabu waren, wie der Zugang zu Gesundheitsanwendungen über das Internet oder die Speicherung von Patientendaten in der Cloud, waren plötzlich salonfähig. Anfang 2021 stellte die Gematik ihre Version einer neuen Telematikinfrastruktur der Öffentlichkeit vor. Nach den Plänen der Gematik soll die Umstellung der Telematikinfrastruktur auf die TI 2.0 schrittweise und anwendergruppenbezogen bis zum Jahr 2025 erfolgen, wobei die Migration parallel zum Regelbetrieb erfolgen soll.

Abschied vom zentralen Netz

Die Weiterentwicklung der TI war auch notwendig geworden, weil die Versicherten in Zukunft stärker eingebunden werden sollen. Zunächst mit der elektronischen Patientenakte, danach mit dem E-Rezept und weiteren Anwendungen. Um eine hohe Akzeptanz unter den Versicherten zu erreichen, soll der Zugang so einfach, komfortabel und sicher sein, wie sie es von ihrem Smartphone gewohnt sind. Das bedeutet, dass die TI-Nutzung auch mit einem mobilen Endgerät, und nicht nur mit einem stationären Computer, möglich sein muss – über das Internet, aber ohne Smartcard oder Kartenlesegerät.

Vom mobilen Zugang profitieren nicht nur die Patienten, sondern auch Pflegekräfte und Ärzte. Der veränderte Zugang erfordert eine neue Sicherheitsarchitektur. Nach den Plänen der Gematik soll die TI 2.0 nicht mehr wie bisher als ein großes zentrales Netz betrieben werden, an das sich die Akteure und Fachdienste über einen VPN-Zugangsdienst anbinden. Stattdessen können die Nutzer über das Internet direkt auf einzelne TI-Fachdienste zugreifen. Die Anmeldung erfolgt, wie bei den aktuellen Internetplattformen, mit digitalen Identitäten. Die Authentifizierung nimmt ein von der Gematik zertifizierter, zentraler Identitätsprovider vor. Die Benutzer müssen sich nur einmal bei einem Identitätsprovider anmelden, um danach alle Fachdienste nutzen zu können.

Ein weiteres Ziel der Gematik ist die Auflösung von Datensilos. Die Architektur soll technologieunabhängiger werden. Deshalb basiert die TI 2.0 auf internationalen Standardschnittstellen wie HL7 HFIR , Open-Source-Software und Cloud- Computing. Strukturierte Daten sollen den Informationsaustausch über Einrichtungen, Sektoren und Länder hinweg erleichtern. Die Politik verlangt eine Anbindung der Telematikinfrastruktur an Europa. Patienten sollen zum Beispiel das E-Rezept grenzüberschreitend innerhalb der EU einlösen können. Aber auch die Daten der elektronischen Patientenakte sollen in Zukunft grenzüberschreitend für die Forschung genutzt werden.

Durch die neue Architektur soll die TI schneller und weniger anfällig werden. „Der Wegfall proprietärer Netze verringert massiv die Komplexität und steigert damit sowohl die Geschwindigkeit bei der Bereitstellung neuer Anwendungen als auch die betriebliche Stabilität“, heißt es in einem Whitepaper der Gematik zur TI 2.0. Zudem soll die TI für die Anwender kostengünstiger werden, da sie künftig weder Konnektoren noch Smartcards und auch keinen VPN-Zugangsdienst mehr benötigen, um einen Fachdienst zu nutzen.

Ambitionierter Zeitplan

Die Voraussetzung, um die TI vergleichsweise flott umzubauen, hat der frühere Bundesgesundheitsminister Jens Spahn geschaffen. Geänderte Besitzverhältnisse – das Bundesgesundheitsministerium hält 51 Prozent der Gematik-Anteile– erschweren eine Blockade durch andere Stakeholder wie in der Vergangenheit. Auch politisch wurden die Weichen geschickt gestellt. Die Gematik stellte ihr Konzept für den schrittweisen Umbau der TI zu einer modernen TI 2.0 im Januar 2021, und damit noch rechtzeitig vor der Bundestagswahl, vor. Am 29. September 2021 – gerade einmal drei Tage nach der Wahl – segnete die Gesellschafterversammlung der Gematik das Vorhaben ab. 2025 soll die TI 2.0 startbereit sein.

Um die Sicherheit zu erhöhen, sollen Fach- und Zugangsdienste von unterschiedlichen Anbietern entwickelt werden. Anfang 2023 sollen gesetzlich Versicherte von ihrer Krankenkasse eine elektronische Identität verlangen dürfen. Im Folgejahr erhalten dann auch die Ärzte eine elektronische Identität. Um einen reibungslosen Übergang zu gewährleisten, sollen beide Authentifizierungsverfahren – mit Smartcards und elektronischen Identitäten – bis 2025 parallel verwendet werden.

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