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KommentarFuß auf's Gas bei Digitalisierungsvorhaben

Aufschub und Fortschritt schließen sich per Definition aus. Wenn etwas (noch) nicht perfekt ist, müssen wir dran arbeiten. Diese Einstellung braucht es, um die Digitalisierung im Gesundheitswesen voranzutreiben. Verschiedene Vorhaben dürfen aber nicht losgelöst voneinander betrachtet werden.

Admir Kulin
m.Doc GmbH

Admir Kulin, Gründer und Geschäftsführer der m.Doc Gmbh, Anbieter für innovative digitale Gesundheitslösungen.

Als gebürtiger Bosnier darf ich es ja zugeben: Das Wort Moratorium musste ich erst googlen. Das hatte die Kassenärztliche Bundesvereinigung, KBV, Mitte Januar vom neuen Gesundheitsminister Lauterbach mit Blick auf Digitalisierungsprojekte gefordert. Ein gesetzlich angeordneter Digitalisierungsaufschub – und das in einem Land, das ohnehin schon Nachholbedarf hat? Immerhin befindet auch KBV-Chef Dr. Andreas Gassen im Interview mit der Ärztezeitung, dass es „völlig unstrittig“ sei, das Gesundheitswesen zu digitalisieren. „... aber sie muss halt funktionieren.“

Das sehe ich auch so. Bei Forderungen eines staatlichen Netzes oder der Einführung von Beta-Versionen, für die Ärzte vergütet werden, wenn sie sie testen, muss ich mich allerdings fragen, ob wir von Digitalisierungsvorbildern – seien es andere Länder oder andere Branche – überhaupt nichts gelernt haben. Warum wohl heißt das Zauberwort im Silicon Valley „Minimum Viable Product“ und ist in Unternehmen immer häufiger von „Sprints“, „Scrum“ oder „Product Ownern“ die Rede? Die (digitale) Welt dreht sich immer schneller und wer das nicht adaptiert, das wusste schon Darwin, stirbt aus.

Bloß nicht den Strauß machen

Zugegeben, die Geschwindigkeit, mit der Veränderungen auf uns einprasseln, ist groß. Den Kopf in den Sand zu stecken, wäre jedoch die falsche Strategie. Denn egal wann man sich wieder aus der Deckung hervorwagt: Der Berg an Neuerungen, den es dann abzuarbeiten gilt, wird noch größer sein. Oder anders ausgedrückt: Das Rennen, um die digitale Vorherrschaft hat dann ein anderes Land gewonnen. Aufschub – egal ob staatlich verordnet oder bewusst gewählt – ist die absolut falsche Strategie. Was wir jetzt brauchen, ist Vollgas, am besten an allen Fronten. Das heißt, das E-Rezept darf genauso wenig weiter nach hinten geschoben werden wie wichtige Vorhaben der Gematik. Zu nennen wären die digitale Identität, ISiK, ISiK 2.0 oder ISIP. Wir brauchen die berühmte konzertierte Aktion, von der in politischen Forderungen und Konzepten so gerne die Rede ist.

Und ich erkläre auch gerne, wieso ich das so vehement fordere. Anschaulich machen es Messenger-Dienste, die wir alle auf vielfältigste Weise im Alltag nutzen und die, das zeigen Forschungen, die Art der Kommunikation und Sprache nachhaltig verändert haben. Aus dem Privatleben sind sie nicht mehr wegzudenken – und ich denke, das ist keine steile These meinerseits. Mit dem KHZG wird dieses etablierte Feature nun auch in den meisten Kliniken in Deutschland Einzug halten. Mehr als 1100 Anträge nur für die Einführung von Patientenportalen wurden bereits eingereicht und eines der Muss-Kriterien für ein Patientenportal ist die Kommunikation mit den Patientinnen und Patienten über einen Messenger.

Wie viele Messenger kann man brauchen?

Die Krux an den Messengerdiensten im Rahmen des KHZG: Parallel werden gerade die Spezifikationen für den TI-Messenger fertiggestellt. Zwar soll sich dieser zunächst nur auf die Kommunikation zwischen Leistungserbringern fokussieren, aber 2023 dann aber auch die Patientinnen und Patienten einbeziehen. Und was passiert dann mit den bereits etablierten Diensten der Patientenportale? Wie viele Messenger können parallel existieren? Auch hier reicht ein Blick in den privaten Bereich: Es mögen zwar Apps verschiedener Dienste auf dem Smartphone installiert sein, genutzt wird jedoch, was die Mehrheit der Familie und Freude nutzt – logisch, mit denen will man ja schließlich kommunizieren!

Mehrere Messenger parallel zu betreiben, wird den Leistungserbringern nicht zuzumuten sein. Vermutlich werden also Schnittstellen oder andere Lösungen folgen müssen, die vermeidbar wären, wenn wir jetzt fokussiert wichtige Vorhaben vorantreiben und zusammenführen würden. Dieses einfache, anschauliche und mitten in der Umsetzung befindliche Beispiel zeigt aus meiner Warte mehr als deutlich, dass „runter vom Gas“ derzeit die denkbar schlechteste Strategie ist.

Spezifikationen jetzt, skalierbar

Die Spezifikationen für den TI-Messenger hätten also besser gestern als heute vorliegen sollen und dann am besten auch gleich skalierbar. Ich plädiere sogar dafür, dass sich alle Kliniken, die sich aktuell mit der Einführung eines Patientenportals beschäftigen, zusichern lassen, dass der KHZG-geförderte Patientenchat anschließend im Rahmen des TI-Messengers zertifiziert wird. Wir müssen verstehen, dass eine gute Orchestrierung und klar gesetzte Ziele das sind, was wir jetzt brauchen, um den digitalen Anschluss zu halten – oder schlicht auf die nächste Krise besser vorbereitet zu sein.

Wie viel wurde im vergangenen Jahr über das KHZG diskutiert, dass die Gelder ohnehin nicht abgerufen würden oder dass der Zeitrahmen nicht zu schaffen sei. Und jetzt? Machen es die Kliniken einfach! Ich weiß, ich wiederhole mich: Aber wir haben es in der Hand, die Marschrichtung und auch die Geschwindigkeit. Wir müssen uns nur von alten Strukturen und Reflexen verabschieden – beispielsweise Dinge immer weiter zu verschieben oder vor lauter Perfektionismus den Markteintritt zu verpassen. 2022 kann zu einem echten Digitaljahr im Gesundheitswesen werden. Dafür müssen wir allerdings aktiv werden und vor allem in die konkrete, konzertierte Umsetzung gehen. Kurz: Zukunft gestalten – weil wir es können! Das Moratorium müssen wir dafür jedoch aus dem Wortschatz streichen – zumindest in Bezug auf Digitalprojekte.

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