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Blockchain-Technologie

Hype oder digitaler Mehrwert?

Als Idee im Umfeld der digitalen Währung Bitcoin bekannt geworden, verheißt die Blockchain-Technologie nichts anderes als eine kleine Revolution. Informationen können mit ihrer Hilfe verteilt und manipulationssicher abgespeichert werden, ohne eine zentrale Instanz als Aufsicht. Längst wird sie daher auch im Gesundheitswesen diskutiert. Doch noch ist unklar, ob in Kliniken der erhoffte Nutzen höher sein wird als die Kosten.

Blockchain

Pixabay

Die Blockchain ist aktuell in aller Munde – sei es wegen der virtuellen Währung Bitcoin, automatisierter Verträge in der Energiebranche oder aufgrund fälschungssicherer Verfahren zur Datenübermittlung. Auch im Gesundheitswesen ist die neue Technologie zunehmend im Gespräch, wenn auch bislang in vorwiegend theoretischer Natur. Aus einem guten Grund, denn allzu oft stellt sich die Frage: Wie können Krankenhäuser davon in der Praxis profitieren?

Die Idee der Blockchain ist bestechend, aber für Nicht-Informatiker nicht leicht zu verstehen. Dr. Tobias Gantner, Geschäftsführer der Healthcare Futurists und Vordenker in der patientenzentrierten Gesundheitsversorgung, umschreibt das grundlegende Prinzip so: „Die Blockchain ist wie eine Art Bürgerversammlung zu verstehen, auf der jeder einzeln für sich mitprotokolliert, jedoch auch überprüft, was sein Nachbar aufschreibt. Die Dokumente werden dann zuhause archiviert.“

Der simpel erscheinende Vorgang hat weitreichende Konsequenzen. Der Clou an diesem Prinzip: Um die Notizen nachträglich zu manipulieren, müsste man nicht nur die Daten der einzelnen Teilnehmer verändern, sondern zusätzlich auch die Notizen ihrer Nachbarn. Es müssten also 51 Prozent aller angefertigten Protokolle geändert werden. Das System validiert und schützt sich folglich selbst. Übertragen in den digitalen Kontext bedeutet dies, dass die Blockchain-Technologie eine dezentrale Datenbank bildet, über die ein direkter Austausch zwischen den beteiligten Akteuren möglich ist. Wie der Begriff Blockchain (engl. für Blockkette) bereits vermuten lässt, besteht diese aus logisch verketteten Informationsbausteinen. Diese bildliche Kette wird linear fortlaufend bearbeitet und ergänzt, sodass bereits validierte Informationen nicht einfach manipuliert oder gar gelöscht werden können.

Sicherheit, Transparenz und Effizienz

Diese drei Begriffe sind gedanklich häufig eng mit dem Thema Blockchain verknüpft. Konkret stehen dabei stets verringerte Transaktionskosten, eine höhere Validität sowie Manipulationssicherheit im Raum. Ganz allgemein kann man hierbei sogar von einer digitalen „Demokratisierung“ sprechen. Schließlich führen der lineare Weiterentwicklungscharakter und die Partizipation verschiedener Nutzer dazu, dass die Rolle der Nutzer selbst gestärkt wird – nur mit einer eindeutigen Mehrheit können beispielsweise Daten gelöscht oder geändert werden. Der Eigentümer der Informationen kann zudem auch entscheiden sowie überprüfen, wem die Informationen zur Verfügung gestellt werden und wem nicht.

Für das Gesundheitswesen ergeben sich hierdurch verschiedenste Anwendungsfelder der Blockchain-Technologie. So werden Patientendaten und Gesundheitsinformationen aktuell noch häufig auf den Servern verschiedener Akteure gespeichert – sei es der Hausarzt, das Krankenhaus oder die Krankenkasse. Der Patient hat dabei nur schwerlich einen Überblick oder gar Einfluss auf die Datenflüsse. Er blickt in eine Informationseinbahnstraße. Mithilfe der Blockchain kann diese nun aufgebrochen werden – durch die laufende Fortschreibung der Gesundheitshistorie liegt stets ein aktueller, valider Informationsblock vor und kann jederzeit vom Patienten eingesehen werden.

Patienten und Kliniken profitieren

Hiervon profitieren letztlich nicht nur die Patienten in Form einer verbesserten Selbstbestimmung und Datentransparenz, sondern ebenso die weiteren Akteure im Gesundheitssystem. Krankenhäuser hätten so bei Aufnahme eines Patienten oder gar bei Einlieferung eines Notfallpatienten direkten Zugang zu den aktuellsten Gesundheitsdaten der betroffenen Person, um eine bestmögliche Versorgung zu gewährleisten.

Darüber hinaus kann die Blockchain im konkreten Fall stationärer Versorgungseinrichtungen zur Qualitätssicherung eingesetzt werden – beispielsweise in der Krankenhauslogistik. Hierbei werden das Produkt, die Warenqualität, der Hersteller, Lieferant ebenso wie der aktuelle interne Bestand und die patientenbezogene Zuordnung jeweils in eigenen Datenblöcken zusammengefasst, dokumentiert und qualitätsgesichert. Die aktuell praktizierte, umständliche Listenführung könnte damit nachhaltig abgebaut werden. Die technologisch gestützte, direkte Allokation von Patienten zu Leistungen sowie Medizinprodukten oder Medikationen ermöglicht somit für Krankenhäuser eine erhöhte Investitionssicherheit. Lagerbestände werden bedarfsgerechter, Inventuren überflüssig, Aufwände für Kodierungen reduziert und Produkte mit niedriger Qualität können zurückverfolgt werden.

 

Um nachhaltig Patientendaten sowie die Geschäftsfähigkeit zu sichern, könnte die Blockchain als Sicherungssystem sogar unumgänglich werden.

 

Blockchain erhöht Datensicherheit enorm

Krankenhäuser profitieren zudem stark von den Vorteilen der Datensicherheit in ihrer IT-Infrastruktur. Gerade als Drehscheibe für sensible Gesundheitsdaten und Betreiber von überlebenswichtigen Technologieanwendungen ist die Datensicherheit von enormer Bedeutung – vor allem in Zeiten zunehmender Hackerangriffe auch auf Krankenhäuser. Das Validierungs- und Fortschreibungssystem im Sinne der Blockchain ist hierbei deutlich sicherer als herkömmliche Zwei-Faktoren-Authentifizierungssysteme, die typischerweise aus einer haptischen Identifizierungskarte und einem dazugehörigen Code (PIN) bestehen. Um nachhaltig Patientendaten sowie die Geschäftsfähigkeit zu sichern, könnte die Blockchain als Sicherungssystem sogar unumgänglich werden.

Noch ist Blockchain Zukunftsmusik

Die Blockchain ist eine wichtige Zukunftstechnologie. Für das Gesundheitswesen – und im speziellen auch für Krankenhäuser – bestehen durchaus Optimierungspotenziale. Dabei sind tatsächliche Anwendungen in der Praxis allerdings noch die absolute Ausnahme und zumeist noch in frühen Entwicklungsstadien. Lohnt es sich also, bereits jetzt in die Blockchain-Technologie zu investieren und entsprechende Lösungen zu adaptieren?

Die Transparenz und Zugänglichkeit von Informationen stellt den hauptsächlichen Nutzenaspekt für die Patientenbehandlung dar. Eben diese ist indes noch zusätzlich mit Hürden verbunden – nicht nur auf technischer, sondern ebenso auf rechtlicher und ethischer Ebene. Neben allgemeinen Fragestellungen der IT-Umsetzung und damit verbundener Kosten für voraussichtlich hohe Rechen- und Energieaufwände zur Verarbeitung unzähliger Transaktionen sowie der Nutzerakzeptanz solcher Systeme sind derzeit vor allem die rechtlichen Rahmenbedingungen noch größtenteils ungeklärt: Wer ist im Sinne des Gesetzes für die Daten zuständig, wenn diese nicht zentral von bestimmten Akteuren gespeichert und verwaltet werden? Rechtliche Bewertungen und Gerichtsurteile werden diesen Rahmen noch setzen müssen.

Zweifel an Rentabilität

Zudem sollte beachtet werden, dass es derzeit kaum Softwareangebote im Bereich der Blockchain gibt, die einfach in die bestehende Klinik-IT implementiert werden können. Mit jeder Lösung sind daher aktuell noch hoher Recherche- und IT-Aufwand verbunden, um eine Interoperabilität mit den bestehenden Systemen zu erreichen. Deshalb sind aus heutiger Sicht erhebliche Zweifel berechtigt, ob das versprochene Nutzenpotenzial die entstehenden Kosten aufwiegen kann.

Entstanden ist die Blockchain als ein Gedankenspiel. Im Jahr 2017 ist aus diesem Gedankenspiel bereits in verschiedenen Branchen Realität geworden. Das Gesundheitssystem muss hier noch nachziehen. Die Nutzenversprechen sind groß, die Herausforderungen und derzeit assoziierten Kosten aber ebenso. Eine umfangreiche Potenzialanalyse sollte daher den ersten Schritt bilden, wenn Sie einen Einsatz der Technologie erwägen. Es lohnt sich indes auf jeden Fall, die Entwicklung rund um die Blockchain auch weiterhin aufmerksam zu verfolgen.         

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