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HerzchirurgieKomplikationen mittels Datenanalyse in Echtzeit verhindern

Bei der Einführung in den Klinikbetrieb wurde eine wesentliche Hürde deutlich: Nicht alle Krankenhäuser sind in puncto Interoperabilität gleich gut aufgestellt, im Klinikbereich gibt es noch keine einheitlichen Standards. Damit die KI-basierte Software der X-Cardiac GmbH dennoch einfach installiert werden kann, setzt das Unternehmen auf einen Datenadapter. Dieser übersetzt die Daten aus dem Primärsystem des Krankenhauses in den digitalen Standard FHIR (Fast Healthcare Interoperability Resources, ausgesprochen wie das englische „fire“) und führt diese dann dem interoperablen System zu. Die Voraussetzung, dass die Software in Kliniken genutzt werden kann, liegt auf der Hand – die Daten müssen digitalisiert vorliegen und der Zugriff darauf muss ermöglicht werden.

Routinemäßige Parameter werden in Echtzeit analysiert

Die Software ist eine Ergänzung zur regulären Überwachung auf den Intensivstationen. Im Wesentlichen werden Parameter genutzt, die ohnehin durch die S3-Leitlinie in der postoperativen Intensivmedizin Standard sind. Diese Parameter werden routinemäßig erhoben, es müssen nicht erst spezifische Untersuchungen durchgeführt werden, damit die Software aussagekräftige Ergebnisse liefern kann. „Es ist eine Echtzeitüberwachung, aber wir messen nicht mehr primäre Messwerte wie beispielsweise Blutdruck oder Sauerstoffsättigung. Wir operieren eine Informationshierarchie höher – wir schauen uns die primären Messwerte an und leiten daraus neue digitale Biomarker ab, die ein Syndrom beschreiben“, erklärt Meyer. Den Begriff digitaler Biomarker verwendet er, um eine Analogie zu bisherigen Technologien herzustellen und so die Sonderstellung des KI-Produkts in den Hintergrund treten zu lassen.

KI löst in der Ärzteschaft Respekt und bisweilen Befremden aus, weil dahinterstehende Technologien teilweise nicht verstanden werden. Dabei sei KI mit Labortechnologien vergleichbar, die selbstverständlich im Klinikalltag genutzt werden, auch wenn nicht jedem Arzt alle Analyseschritte bekannt sind. Daten könne man wie Blut oder andere Körperflüssigkeiten betrachten. Sie werden abgenommen, ins Labor gegeben und dort untersucht. „Was wir gebaut haben, ist sozusagen ein Labor für die Daten“, erklärt Alexander Meyer. Wie aber erfahren die Ärztinnen und Ärzte, dass eine Patientin oder ein Patient auf eine lebensgefährliche Komplikation zusteuert? Es gibt beispielsweise das Syndrom des Kreislaufversagens, das Syndrom des respiratorischen Versagens oder das Syndrom des Leberversagens, die jeweils durch eine definierte Menge von Symptomen gekennzeichnet sind. „Die wollen wir detektieren“, sagt Meyer.

Komplikationen präzise vorhersagen

In der Ärzteschaft kommt das gut an, einige Universitätskliniken haben bereits Interesse bekundet. In einer Studie mit 10 000 Patienten wurde der Nutzen nachgewiesen. Aber wird die Software auf Intensivstationen zu weniger Komplikationen nach Herzoperationen führen? „Wir können Komplikationen sehr präzise erkennen und vorhersagen, in deutlich mehr als 90 Prozent der Fälle. Ob dieses Tool klinisch zu Veränderungen führt, hängt auch von der Versorgung ab, also wie Kolleginnen und Kollegen es nutzen“, erläutert Alexander Meyer. Die Software kann zwar auf dem Monitor im Arztzimmer darauf hinweisen, dass die Werte eines Patienten nicht mehr im Normbereich liegen. Es liegt aber an den Ärzten, dann auch zu diesem Patienten zu gehen und das weitere Vorgehen medizinisch abzuschätzen, damit erste Symptome sich nicht zu ernsten Komplikationen auswachsen.

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