Georg Thieme Verlag KG

Kitteltaschen-GerätMit Sonde und Smartphone zum Ultraschall

Bonner Mediziner etablieren ein weltweit neues, leicht tragbares Ultraschallsystem für die Lehre am Krankenbett. Die Universität Bonn nutzt mit 32 Geräten europaweit das größte Kontingent der US-amerikanischen Ultraschallsysteme von Butterfly.

Ultraschallgerät UKB
Katharina Wislsperger/UKB

An der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn etabliert Dr. Florian Recker (l.) das Ultraschallgerät für die Kitteltasche. Doktorandin Elena Höhne (m.) und Privatdozent Dr. Valentin Schäfer (r.) zeigen den Einsatz.

Auf den ersten Blick sieht die Innovation aus den USA, die eigentlich gar keine Innovation mehr ist, wie ein elektrischer Rasierapparat aus und passt in jede Kitteltasche. Zusammen mit einem Smartphone oder Tablet, das als Monitor dient, kann das portable Ultraschallsystem ganz unkompliziert direkt am Krankenbett eingesetzt werden. „Ich selbst bin in meiner Famulatur mit einem solchen kleinen Ultraschallgerät erstmals in Kontakt gekommen, das ist jetzt schon über zehn Jahre her. Ich war damals schon mit einem Pocketgerät und dem Chefarzt auf Visite gewesen“, erklärt Dr. Florian Recker, der sich mit dem Thema studentische Ausbildung im Bereich der Sonografie beschäftigt.

Er weiß aber auch, dass sich in den USA das Pocket-Ultraschallgerät – gerade auch an den Universitäten – schon längst durchgesetzt hat. Er zieht jetzt in Bonn nach: „Man kann damit sowohl Studierende wie auch in der Weiterbildung befindliche Ärzte direkt zum Patienten schicken“, erklärt der Wissenschaftler, der diese Ultraschallmethode mit seinem Kollegen, PD Dr. Valentin Schäfer, in der gemeinsamen Doktorarbeit näher beleuchtet und eine erste Lehrstudie dazu veröffentlicht hat. „Ultraschalldiagnostik ist in nahezu allen Fächern der Medizin relevant und wird immer wichtiger. Daher ist es gut, wenn die Studierenden schon früh an diese Methode herangeführt werden“, resümiert Recker seine Erfahrungen. Seit ungefähr zwei Jahren nimmt die Nutzung der Mini-Ultraschallgeräte an Kliniken generell zu. Recker weiß um Berlin sowie den Frankfurter und Stuttgarter Raum, wo sich viele Notfallbereiche damit ausstatten. Im Bereich der fakultären Ausbildung ist Bonn Vorreiter, jedoch waren andere Häuser wie das Uniklinikum Freiburg oder die Medizinische Fakultät in Neuruppin früh mit an Bord.

Patientenbehandlung 2.0

Das erste Ausbildungsforschungsprojekt, das Recker initiiert hat, kommt nicht – wie man vermuten würde – aus der Gynäkologie und Geburtshilfe, wo auch der Bonner Arzt seinen Ursprung hat. Das Projekt war ein internistisch-radiologisches gewesen, erklärt er. „Durch diese Pocketgeräte, die wir für die Lehre angeschafft haben, haben wir nur diesen Schallkopf und schließen den ans Telefon an. So hat man den Ultraschallkopf direkt in der Kitteltasche mit dabei und kann damit seine körperliche Untersuchung erweitern, weil man damit direkt im Schockraum oder auf der Visite immer schnell symptomorientiert nachschauen kann“, erklärt Recker das neue System.

Durch solch eine Verkleinerung der Technik kann auch der Notarzt beispielsweise direkt an der Unfallstelle bereits eine „Sonografie an Ort und Stelle machen und damit bestimmte Differenzialdiagnosen wie einen Spannungspneumothorax ausschließen“, erklärt der engagierte Mediziner. Auch während der Corona- Pandemie war das Mini-Ultraschallgerät ein Segen, denn es konnten direkt Lungenveränderungen beim Patienten angesehen werden. „Das ist ein weiterer Vorteil der neuen Geräte, es ist wesentlich schonender für den Patienten, der nicht erst großartig von A nach B transportiert werden muss für eine Sonografie“, stellt Recker fest. Die Pocketgeräte sind laut seiner Einschätzung auch hierzulande im Kommen, gerade im Notfallbereich: „Ich glaube, dass die Geräte perspektivisch die Zukunft sind. Wenn man sich der Kristalle in den Schallköpfen entledigt und die Technik nur noch durch softwarebasierte Algorithmen gesteuert wird, werden die Geräte noch kostengünstiger und die Einsatzfelder werden deutlich erweitert – auch im ambulanten Bereich.“ Recker findet es essenziell, dass die Studierenden heute diese Technik von Grund auf mitlernen – und dafür eignen sich die Ultraschallgeräte to go optimal.

Zukunftschance

„Viele ältere Kolleginnen und Kollegen“, so weiß Recker zu berichten, „haben erst in der Facharztausbildung Ultraschall gelernt. Da es die Technik damals ja auch noch gar nicht flächendeckend gab, war es zu der Zeit auch in Ordnung.“ Er vergleicht die Nutzung der innovativen Geräte daher mit einem Stethoskop. Wie man in den vergangenen 200 Jahren die Nutzung des Abhörgerätes gelernt hat, so erweitert das „Sonoskop“ nun die grundlegenden körperlichen Untersuchungen eines Patienten, ist er sich sicher. „Da sich in den letzten 20 bis 30 Jahren die Sonografie als Diagnostikum durchgesetzt hat – auch wegen der fehlenden Strahlung – bin ich mir sicher, dass der Pocketsize-Ultraschall auch in der Breite viele Anwender finden wird“, sagt Recker. Durch das zusätzliche Sehen direkt am Patientenbett können Diagnosen noch genauer abgetrennt werden. Dadurch ist die Patientenbehandlung der Zukunft besser steuerbar. So kann schnell im Kreißsaal noch einmal geschaut werden, wie das Kind liegt, oder nach dem Autounfall bereits auf dem Weg in das Krankenhaus geklärt werden, ob die Patientin direkt in den OP gefahren werden muss.

Gerade im Bereich der Telemedizin bergen diese Pocketgeräte ebenfalls enormes Potenzial. „Wir haben einen ganzen Studienjahrgang während Corona mit solchen kleinen Ultraschallgeräten ausgestattet und in der Pandemie komplett digital remote unterrichtet“, führt Recker sein jüngstes Projekt aus. Normalerweise ausschließlich klinische Anwendungen können so perspektivisch telemedizinisch gestreamt werden. Der Untersucher oder Behandler vor Ort kann sich mithilfe der Technik weltweit einen zweiten Untersucher dazu holen, der in Echtzeit mit auf den Bildschirm schaut. Es geht aber noch weiter: In regional ärztlich unterversorgten Gebieten oder auch ländlich Regionen kann die telemedizinische Technik genutzt werden, um praktische Fertigkeiten zu schulen, diese Bilder richtig zu akquirieren und sie dann einem ärztlich qualifizierten Befunder darzustellen. So kann Diagnostik besser angeboten werden, diese Regionen können dadurch besser versorgt werden.

Hintergrund

Ultraschall to go oder auch Point-of-Care- Sonografie (POCUS)

Eine Alternative zu den herkömmlichen sperrigen und schweren Ultraschallgeräten, die aufwendig mit teuren und speziellen Kristallen den Ultraschall erzeugen, sind die kleinen Geräte aus den USA der Firma Butterfly oder anderer namhafter Hersteller wie Philips oder General Electrics – ohne Kristalle mit Mikrochiptechnik. Spezifisch ist allen die sogenannte POCUS-Methode. Das heißt der Ultraschall findet am Ort der Entscheidungsfindung statt, sprich am Patientenbett, in der Notaufnahme, auf Intensivstation oder am Unfallort.

Damit kommt die Sonografie raus aus den Kellern und Laboren direkt ans Patientenbett, denn die Geräte sind kaum größer als eine Briefmarke. Ein klassischer Mikrochip aus Silizium löst hier durch wechselnde Oberflächenspannungen Ultraschallwellen aus. Man ist nicht mehr durch die physikalischen Gegebenheiten eines Kristalls limitiert, die Geräte können künftig in Massenproduktion hergestellt werden. Ein weiterer Vorteil des kleinen Vertreters ist der, dass der Chip verschiedene Ultraschallsonden imitieren kann. Somit kann ein Schallkopf für verschiedene Anwendungen genutzt werden – von der Sonografie des Bauchraums über Sonografiediagnostik bei rheumatologischen Erkrankungen bis hin zum orientierenden Ultraschall des Herzens. Verbunden wird der Schallkopf über ein Kabel zum Smartphone oder Tablet, das als Monitor dient. Und nicht nur die Größe, sondern auch der Preis überzeugen. Dank der geringen Kosten ab etwa 2000 Euro pro Gerät hat die Medizinische Fakultät Bonn beschlossen, das System großflächig im Rahmen der Blockpraktika in den klinischen Semestern einzusetzen.

Bitte loggen Sie sich ein, um einen neuen Kommentar zu verfassen oder einen bestehenden Kommentar zu melden.

Jetzt einloggen

  • Derzeit sind noch keine Kommentare vorhanden. Schreiben Sie den ersten Kommentar!