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Delme KlinikumOptimierung der Intensivstation zur Vermeidung von Bettensperrungen

Wie kann eine Sperrung von Intensivbetten aufgrund von Personalmangel verhindert werden? Dieser Frage ist das Delme Klinikum nachgegangen und hat Telemedizin für sich entdeckt. Das System wurde kürzlich integriert.

Digital Health
Maksim Kabakou/stock.adobe.com

Symbolfoto

Es ist ein Fakt, der nicht erst seit der Corona-Pandemie gilt: Die intensivmedizinische Betreuung in deutschen Kliniken und Krankenhäusern nimmt sowohl wirtschaftlich als auch medizinisch einen immer höheren Stellenwert ein. Auch wenn wir in Deutschland einen vergleichsweise hohen Anteil an Intensivbetten haben, kommt es paradoxerweise zu Engpässen in der Versorgung.  Einer der Gründe dafür ist der Fachkräftemangel hierzulande, der unter anderem dazu führt, dass Deutschland laut OECD eine der europaweit niedrigsten Quoten von Pflegekräften pro Bett aufweist. Gesetzliche Pflegeuntergrenzen führen zu weiteren Bettensperrungen und damit einer negativen Verstärkung. Wie kann nun die qualitativ hochwertige Versorgung von Intensivpatientinnen und -patienten vor diesem Hintergrund dauerhaft hochgehalten werden bei weiter zunehmenden Personalmangel – gerade auch bei den vielen Krankenhäusern im ländlichen Raum?

Die Frage hat sich auch die Delme Klinikum GmbH in Delmenhorst (Niedersachsen) gestellt, eine Einrichtung mit fast 900 Mitarbeitenden und 290 Betten, davon 16 Intensiv- und acht IMC-Betten. Die Antwort auf diese Frage lautete: mit Digitalisierung und Technologie. Denn seit 2020 ist ein Anbieter von telemedizinischer Fernbetreuung auf dem Markt. TCC (Telehealth Competence Center) ist ein mit Fachärztinnen und -ärzten rund um die Uhr, sieben Tage die Woche besetztes Kompetenzzentrum, das ärztliche Tätigkeiten aus der Entfernung übernimmt. Konkret bedeutet dies: Ärzteschaft und Pflegepersonal in Krankenhäusern deren Betten mit der TCC-Hard- und Software ausgerüstet sind, können mit höchster fach- und intensivmedizinischer Qualität beraten werden. Als ausgelagertes Kompetenzzentrum hat TCC Einsicht in Behandlungsdaten in Echtzeit und ist damit in der Lage – unterstützt durch KI-gestützte Methoden – Entwicklungen des Gesundheitszustandes vorherzusagen.

Für das Delme Klinikum bot sich damit die Möglichkeit, die Behandlungsqualität zu steigern und die Effizienz ihrer Intensivstation zu verbessern. Denn die Ausgangslage ist, das – wie in nahezu jedem Krankenhaus in Deutschland – keine erfahrenen Intensivmediziner rund um die Uhr, sieben Tage die Woche auf der Intensivstation vor Ort sind. Zugleich ist die Aufnahmesituation auf Intensivstationen – auch ohne Pandemie – nie planbar und sorgt vor dem Hintergrund der üblicherweise angespannten Personallage für organisatorische Herausforderungen.

Aktuelle Studien: Nutzen der telemedizinischen Visiten belegt

Durch die Fernbetreuung lässt sich eine signifikante Steigerung der Versorgungsqualität erreichen und unterstreicht damit wissenschaftliche Erkenntnisse: Aktuelle Studien belegen den Nutzen von telemedizinischen Visiten, beispielsweise ERIC und TelNet@NRW.

Das Delme Klinikum hat sich unter anderem für den Einsatz der digitalen Lösung entschieden, weil sich das medizinische Personal so deutlich entlasten lässt. Zudem lassen sich Know-how und Expertise von Ärzteschaft und Pflegepersonal durch gemeinsam etablierte SOP (Standard Operating Procedures), rund um die Uhr begleitet durch erfahrene Intensivmediziner, forttragen. Durch die strukturierte Datenlage ist es für das Delme Klinikum möglich, diese hohe Qualität zu objektivieren (unter Einhaltung der DIVI-Kriterien).

Besondere Bedeutung bekommt die hohe Beratungsexpertise in der Zusammenarbeit bei akuten und  komplexen Fragestellungen, wie z.B. jüngst die besondere Arzneimitteltherapie bei COVID-Patienten. Zudem wird auf eine Verbesserung der Auslastungssituation hingearbeitet, da die 16 mit TCC ausgestatteten Intensivbetten voll ausgelastet werden können. In Zusammenarbeit mit der Notaufnahme können flexibel weitere Kapazitäten ermöglicht und damit eine eventuelle Sperrung vermieden werden. Ein weiteres Argument für die den Einsatz der Lösung, war die Entlastung bei der Kodierung beziehungsweise die Ermittlung von Zusatzentgelten – einem Vorgang, der mit TCC institutionalisiert werden kann.

„Bislang waren wir immer auf die Erfahrung des Personals angewiesen, auf einer Intensivstation geht es aber mitunter hoch her und im Nachhinein die abrechnungsfähigen Zusatzentgelte zu identifizieren, ist nicht immer möglich. Hinzu kommt die zeitliche Belastung des Pflegepersonals. Die Erfassung von abrechnungsrelevanten Daten und die Berechnung von relevanten Scores hält sie von der eigentlichen Arbeit ab. Durch die korrekte Erfassung dieser Daten werden wir eine nachvollziehbare Grundlage haben, die unser Personal erheblich entlasten und die Abrechnung sichern wird”, erklärt Dr. Sven Pulletz, Chefarzt der Klinik für Intensivmedizin im Delme Klinikum.

Prognose des Pflegeaufwands

Für die Implementierung ist lediglich die Ausstattung der Intensivbetten mit der firmeneigenen Hardware nötig. Anschließend wird das PDMS des jeweiligen Krankenhauses angepasst oder zusätzlich zur Verfügung gestellt – TCC kann über Schnittstellen alle gängigen vorhandenen Systeme einbinden. Durch die „Software-as-a-Service“-Anbindung entfällt der Integrationsaufwand für die Klinik-IT.

„Wir professionalisieren und digitalisieren das Krankenhaus durch minimal-invasive Eingriffe mit einem hohen Wirkungsgrad. Neuartige Konnektoren, wie unser IoMT-Connector, ermöglichen die Integration sämtlicher Medizingeräte mit Datenschnittstelle in das zur Verfügung gestellte telemedizinische System. Selbstverständlich sind alle Services streng DSGVO-konform und erfüllen alle Vorgaben an Datenschutz und Datensicherheit. Die lokale IT wird in der Umsetzung, der Planung und im gesamten Betrieb entlastet“, so Prof. Dr. Christian Storm, Gründer und Geschäftsführer bei TCC. Mit dem Nurse Activity Score (NAS) hat TCC einen Indikator weiterentwickelt und vollautomatisch in seine Software integriert, der den individuellen Pflegeaufwand mit mehr als 80 Prozent Genauigkeit bestimmen und auf die kommenden 24 Stunden prognostizieren kann. Trotz Pflegeuntergrenzen lassen sich so Ressourcen und Qualifikationen vorausplanen und auf die individuelle Situation einstellen und optimieren.

Erste Ergebnisse im Delme Klinikum

Vor wenigen Wochen hat das Delme Klinikum das TCC RCS System, den 24/7 Facharztservice und die Datenintegration durch die sogenannte IoMT-Konnektorbox inklusive Video Cart installiert. Nach kurzer Zeit im Einsatz lassen sich bereits positive Ergebnisse feststellen: „Das System wurde gut angenommen und schnell in die täglichen Abläufe integriert. Es konnten bereits wirtschaftliche Potenziale identifiziert werden, die nun gemeinsam angegangen werden. Für uns ganz zentral ist der Faktor Mitarbeiterzufriedenheit, auch hier haben wir erste sehr positive Resonanzen erhalten, sowohl von der Ärzteschaft als auch den Pflegekräften”, erklärt Dr. Christian Peters, Geschäftsführer der Delme Klinikum GmbH.

Um den Service zu erklären und mögliche Vorbehalte abzubauen, besuchte der Anbieter vor der Implementierung regelmäßig die Intensivstationen des Klinikums und begleitete teilweise das dort zuständige Personal. Zusätzlich dazu wurde der TCC-Videowagen durch das Klinikpersonal zu Visiten mitgenommen. So konnten sich die Mitarbeitenden aus der Ferne ein Bild von der Arbeit im Delme Klinikum machen. Auch nach der Implementierung bleibt der Austausch hoch: TCC und das Intensiv-Team des Klinikums haben aktuell täglich mehrfach Kontakt, beispielsweiseh bei Dienstübergaben oder bei der Aufnahme neuer Patientinnen und Patienten. Die intensive Zusammenarbeit fördert einerseits das Verständnis für die Arbeitsabläufe im Delme Klinikum, zum anderen wird auch auf Seiten des Klinikpersonals eine persönliche Basis für die Zusammenarbeit gelegt.

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