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Europas größte Telemedizin-StudieBehandlungsqualität profitiert signifikant von Telekonsilen

Europas größte Telemedizinstudie TELnet@NRW mit mehr als 150 000 Patient*innen zeigt, dass telemedizinische Unterstützung die Behandlungsqualität in Kliniken nachweislich verbessert. Konsortialpartner des Projekts war u.a. die Uniklinik RWTH Aachen.

Telemedizin
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Die kürzlich im Journal of Medical Internet Research publizierte Studie zum Innovationsfondsprojekt TELnet@NRW beweist den Nutzen der sektorenübergreifenden telemedizinisch unterstützten intensivmedizinischen und infektiologischen Versorgung. Mit mehr als 150 000 eingeschlossenen Patientinnen und Patienten handelt es sich um die größte Telemedizinstudie Europas.

„Das ist ein Meilenstein auf unserem Weg zur digital vernetzten Gesundheitsversorgung“, sagt Konsortialführer Univ.-Prof. Dr. med. Gernot Marx, Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care an der Uniklinik RWTH Aachen. „Telekonsile verbessern die Behandlungsqualität sehr deutlich. Auf diesem Weg kann höchste medizinische Expertise schnell und unkompliziert flächendeckend verfügbar gemacht werden.“

Wissenschaftliche Evidenz nachgewiesen

Telemedizin ermöglicht eine direkte Interaktion rund um die Uhr über weite Entfernungen zwischen Intensivmedizinern oder Experten für Infektionskrankheiten und medizinischen Teams, die Patienten in Krankenhäusern oder Arztpraxen ohne direkten Zugang zu diesen Experten betreuen. Telekonsultationen von Experten erhöhen die Behandlungsqualität und schaffen damit einen Mehrwert für die Patienten. Die Studie im Rahmen des Projekts TELnet@NRW konnte die Behandlungsqualität signifikant und klinisch hochrelevant verbessern.

Im stationären Bereich erhöhte die telemedizinische Unterstützung beispielweise die Chance auf eine leitliniengerechte Behandlung von Blutstrominfektionen mit Staphylococcus Aureus um den Faktor 4,0. Ebenfalls positiv konnte die Behandlung von lebensbedrohlichen Krankheitsbildern wie schwerer Sepsis und septischem Schock beeinflusst werden. Die Chance auf eine leitliniengerechte Therapie wurde um den Faktor 6,8 gesteigert.

Im ambulanten Bereich reduzierte die telemedizinische Intervention inkorrekte Antibiotikagaben bei häufig vorkommenden unkomplizierten akuten oberen Atemwegsinfektionen sehr wirksam. Es konnte eine Erhöhung der Chance auf eine leitliniengerechte Behandlung um 34,3 Prozent erreicht werden; bei asymptomatischen Bakteriurien lag die Steigerung bei einem Faktor um 9,3. Hinsichtlich der sekundären Outcomes konnte der Anteil lungenprotektiv behandelter Patienten mit akutem Lungenversagen signifikant erhöht werden. Auch die Einhaltung von international gültigen Leitlinienempfehlungen, so den Sepsis Bundles der Surviving Sepsis Campaign, erfuhr eine deutliche Steigerung. Dabei war eine nicht signifikante Reduktion der Sepsissterblichkeit von 28,8 Prozent auf 23,8 Prozent zu beobachten.

Forderung nach Überführung in die Regelversorgung

TELnet@NRW-Konsortialführer Prof. Dr. Gernot Marx setzt sich mit Hinweis auf die wissenschaftlich erbrachte Evidenz für die umgehende Überführung der Telekonsile in die Regelversorgung ein. Nicht zuletzt habe die Corona-Pandemie gezeigt, dass es Alternativen zur Präsenzmedizin gibt, die technisch einwandfrei funktionieren. In Zeiten knapper Personalressourcen seien Expertise und Unterstützung für den Intensivmediziner vor Ort über Telekonsile jederzeit schnell abrufbar. Entscheidungen können gerade bei kritischen Fällen ohne Zeitverlust getroffen werden.

17 Kooperationskrankenhäuser haben teilgenommen

Das durch Mittel des Innovationsfonds geförderte Projekt verfolgte seit Anfang 2017 das Ziel, in den Modellregionen Aachen und Münster bzw. Münsterland ein sektorenübergreifendes telemedizinisches Netzwerk in der Intensivmedizin und Infektiologie aufzubauen. Zentrales Element war eine gemeinsame digitale Infrastruktur, die sichere Video-Audio-Verbindungen zwischen den universitären Experten der Telemedizinzentren Aachen und Münster sowie den Partnern aus den 17 Kooperationskrankenhäusern und den beiden Praxisnetzwerken MuM Medizin und Mehr eG in Bünde und dem Gesundheitsnetz Köln-Süd e. V. ermöglichte, um in Televisiten und -konsilen schnell und datenschutzkonform Daten, Informationen und Dokumente auszutauschen.

Konsortialpartner des Projekts waren die Uniklinik RWTH Aachen, das Universitätsklinikum Münster, das Ärztenetz MuM Medizin und Mehr eG Bünde, das Gesundheitsnetz Köln-Süd e.V., die Techniker Krankenkasse, die Universität Bielefeld und das ZTG Zentrum für Telematik und Telemedizin. Das Projekt wurde mit Mitteln des Innovationsausschusses beim Gemeinsamen Bundesausschuss gefördert.

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