Interview

So plant Bayern die elektronische Patientenakte

Wer in Deutschland von Telemedizin spricht, verweist meist noch auf die Zukunft. Einer, der schon lange an dieser Zukunft arbeitet, ist Prof. Dr. Siegfried Jedamzik. Er ist Vater vieler telemedizinischer Projekte in Bayern und nun soll er ein weiteres großes organisieren: Die elektronische Gesundheitsakte für die Bürger Bayerns.

Siegfried Jedamzik

BTA 4c

Prof. Dr. Siegfried Jedamzik

Herr Jedamzik, Sie sind niedergelassener Arzt und kämpfen seit Jahren für die Weiterentwicklung telemedizinsicher Anwendungen. Im Mai wird der Ärztetag das Fernbehandlungsverbot für Ärzte wahrscheinlich kippen, voraussichtlich mit Einschränkungen. Was erhoffen Sie sich von solch einer Entscheidung?

Ich vermute, dass sich einiges ändern wird in Bezug auf die Vorschriften zur Fernbehandlung. Diese Änderungen sind auch notwendig. In Deutschland herrscht Ärztemangel. Haus- und Facharztpraxen, aber auch Kliniken, müssen immer mehr Patienten versorgen. Ich halte es für essenziell, dass ein Arzt seinen Patienten eine individuelle Diagnose stellen darf, Therapievorschläge macht, und das ohne direkten Kontakt in der Praxis über die Quartalsgrenzen hinaus – außerhalb Deutschlands ist dies längst tägliche Routine. Ärzte und Patienten werden mit dem Beenden des Verbotes, auch wenn es vorerst mit Einschränkungen versehen wird, mehr Versorgungssicherheit haben. Dabei spielen Videosprechstunden eine große Rolle. Damit kann jeder Arzt seine Sprechzeiten viel flexibler organisieren und mit seinen Patienten besser in Kontakt bleiben.  

In der Schweiz und Österreich ist Fernbehandlung bereits erlaubt. Was können wir von unseren Nachbarn lernen?

Obwohl die beiden Länder einen zeitlichen Vorsprung haben und die Ärzte somit mehr Gelegenheit hatten, zu einer Onlinekonsultation zu greifen, ist auch dort die Online-Videosprechstunde noch nicht so weit verbreitet und das Angebot limitiert. Sowohl die Ärzte als auch die Patienten brauchen Zeit, sich an die Digitalisierung anzupassen. Auch gab es die übliche Kritik: Es sei unsicher, Patienten zu diagnostizieren oder rezeptpflichtige Arzneimittel zu verschreiben, ohne sie jemals zu Gesicht bekommen zu haben. Dieser Herausforderung sehen wir uns natürlich auch in Deutschland gegenüber. Ich bin mir jedoch sicher, dass mit dem Rollout der Telematikinfrastruktur und der Aufhebung des Fernbehandlungsverbotes die Videosprechstunde bald ganz normaler Alltag sein wird.

Sie haben im Ingolstädter Ärztenetzwerk „GOIN“ 5 Monate lang ein telemedizinisches Callcenter ausprobiert. Wie lief das Projekt und was für Schlüsse ziehen Sie daraus?

Für die telefonische Triage haben die Projektpartner eine Fülle an überwältigendem Zuspruch aus ganz Deutschland erfahren. Die Erprobung des Services GOINakut war nach den ersten Ergebnissen der Evaluation ein voller Erfolg. Die Zahl an Patienten in der Bereitschaftspraxis nahm deutlich ab.  Das Ziel war, die Akzeptanz, Qualität und Effizienz einer Digitalisierung im Bereitschaftsdienst der Praxisärzte nachzuweisen.

In der Notfallversorgung sollen sich laut Koalitionsvertrag Krankenhäuser und Ärzte den Sicherstellungsauftrag teilen. Wie bewerten Sie als niedergelassener Arzt diese Entscheidung – und mit welchen Konsequenzen rechnen Sie?

In diesem Kontext ist die Weiterentwicklung des Bereitschafsdienstes, wie durch die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns gerade etabliert, von großer Bedeutung. Für niedergelassene Ärzte waren neben der Praxistätigkeit viele Dienststunden abzuleisten. Eine belastende Verpflichtung, die Mediziner oft davon abhält, sich niederzulassen. Als Konsequenz wird es zunehmend schwieriger, ärztlichen Nachwuchs zu gewinnen – besonders für Praxen in ländlichen Regionen. Ich persönlich sehe kein Problem darin, die Patientenversorgung gemeinsam sicherzustellen, da ich seit Jahrzehnten ein Verfechter der integrierten Versorgung bin.

Sie sind Gründer (2012) und prägender Kopf der Bayerischen Telemed-Allianz (BTA), eine Organisation, die vom Freistaat mit rund 340 000 Euro im Jahr finanziert wird. Was hat die Arbeit der BTA bisher unterm Strich gebracht?

Die inhaltliche Bandbreite der Aktivitäten der BTA ist groß und reicht von der elek­tronischen Gesundheitsakte für Geflüchtete, der elektronischen Pflegeakte für die digitale Vernetzung von Alten- und Pflege­heimen mit niedergelassenen Ärzten, einer mobilen Netzhautuntersuchung zur Früherkennung von Makuladegeneration über eine Logopädie-App für die sprachliche Rehabilitation und telemedizinische Verfahren für die Diagnose und Therapie von Schlafstörungen. Damit zeigt sich, wie mittels eHealth und Telemedizin nachhaltige Optimierungen in der Gesundheitslandschaft erzielt werden können. Nicht zuletzt aufgrund der zunehmenden Bedeutung und der hohen Akzeptanz von Videosprechstunden beschäftigt sich die BTA seit geraumer Zeit intensiv mit derartigen Lösungen und bietet ein eigenes zertifiziertes System an.

Der Freistaat Bayern hat angekündigt, eine Landesgesundheitsakte ins Leben zu rufen. Welche Funktionen könnte so eine Akte haben?

Mit der „Bayerischen Gesundheitsakte“ verfolgt der Freistaat das Ziel, innerhalb von fünf Jahren eine elektronische, einrichtungsübergreifende und persönliche Gesundheitsakte für seine Bürger zu etablieren. Die Umsetzung in einem Modellprojekt ermöglicht eine stärkere Identifikation von Bürgern, Leistungserbringern und Kostenträgern mit dem Projekt und fördert Legitimität und Akzeptanz. Folgende Überlegungen werden derzeit diskutiert: Es werden bis zu 130 000 Bürger in der Region Nürnberg-Fürth-Erlangen, mindestens 4 Kliniken, 15 MVZ und Pflegeeinrichtungen und über 100 Arztpraxen eingeschlossen.

Die Kostenschätzung liegt zwischen 30 und 40 Millionen Euro über 5 Jahre verteilt. Träger und Betreiber müssen sich dem Prinzip einer Non-Profit-Organisation verpflichten. Dabei sind verschiedene Organisationsmodelle denkbar: Der Staat tritt als Träger oder Betreiber auf, oder aus dem Kontext einer gemeinsamen bayerischen Selbstverwaltung im Gesundheitswesen findet sich eine gemeinnützige Trägerorganisation. Auch eine private Organisation, etwa eine regio­nale Netzwerkstruktur könnte als Träger agieren. Im vierten Quartal 2018 ist eine europaweite Ausschreibung geplant. Die Vergabe könnte dann im ersten Halbjahr 2019 erfolgen.

Wie würde eine solche Akte mit anderen EPA-Initiativen zusammenpassen?

Voraussetzung für die Akzeptanz der bayerischen Gesundheitsakte ist zum einen die Kompatibilität zu Aktenlösungen anderer Akteure, zum Beispiel von Kassen, Leistungserbringern und Software-Anbietern, und zum anderen zur Telematikinfrastruktur. Deshalb muss die bayerische Gesundheitsakte auf offenen Schnittstellen und internationalen Standards beruhen. In diesem Zusammenhang werden die Inhalte des von der neuen Bundesregierung in Aussicht gestellten E-Health-Gesetzes II mit einfließen.

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