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Nervöser KIS-Markt

Spannung um mögliche Konsolidierung des Marktes steigt

Seit Jahren beschwören Branchenkenner die bevorstehende Konsolidierung des Marktes für Kranken­haus­informationssysteme (KIS) – doch bis dato ist kein großer Player vom Markt verschwunden. Mit Philips stürmt sogar ein weiteres Schwergewicht aufs Parkett und heizt die Gerüchteküche noch mehr an.

Arzt mit Tablet

Fotolia (chombosan)

Die Gerüchteküche brodelt, seit die Übernahme von Agfa durch die Compugroup 2016 platzte: Plant die Compugroup einen neuen Übernahmeversuch, nachdem sich Agfa neu sortiert hat? Welche(n) KIS-Anbieter schluckt Philips? Wieso kauft Nexus eigene Aktien auf? Wohin führen die vielen Besitzerwechsel von I-Solutions Health? Was plant der US-Gigant Cerner mit seinem Deutschlandgeschäft? Welche Rolle spielt Telekom Healthcare in der Strategie des neuen T-Systems-Chefs? Außer dem Anbieter Meierhofer AG, an dem sich Asklepios vor zwei Jahren mit 40 Prozent beteiligt hat, gelten alle KIS-Hersteller entweder als Übernahmekandidat oder als potenzielle Käufer – oder als beides. Wir stellen Ihnen auf den folgenden Seiten die acht großen Player vor.

1  Agfa: Der Marktführer stellt sich neu auf

Agfa Healthcare macht in Deutschland, Österreich und der Schweiz (DACH) mit dem Klinik-IT- sowie Imaging-Geschäft einem Umsatz von etwa 200 Millionen Euro. In Deutschland ist das Unternehmen mit seinem KIS Orbis mit rund 807 Installationen Marktführer. Agfa bietet Orbis zusammen mit dem PACS-System Impax, mit dem Dokumentenmanagementsystem Hydmedia und den Agfa Managed Services (AMS) an. Hinzu kommen Spezialsysteme. Auf der conhIT gibt Agfa HealthCare erste Einblicke in Orbis U, die nächste Generation des Agfa-KIS.

„Dabei handelt es sich um eine hochmoderne, webfähige Plattform, die komplett HTML5-basiert ist. Bei diesem non-disruptiven Generationswechsel setzen wir ein komplett responsives Softwaredesign um, mit dem wir unabhängig vom Endgerät, Desktop, Smartphone, Tablet – überall ein gleichförmiges Look&Feel erreichen“, erklärt die Leiterin Marketing Kommunikation, Martina Götz. Agfa Healthcare gehört zur Agfa-Gevaert-Gruppe. 2016 scheiterte ein Versuch der Compugroup, den Konkurrenten Agfa zu übernehmen, dem Vernehmen nach an zu hohen Pensionsrückstellungen. Mitte 2017 hat Agfa eine Studie in Auftrag gegeben, in der geklärt werden soll, wie Agfa Healthcare IT zukünftig in einer komplett eigenständigen Struktur innerhalb der Agfa-Gevaert-Gruppe organisiert werden kann.  

2  Cerner: Der US-Gigant

Der US-Konzern Cerner hat 2015 die Gesundheits-IT von Siemens für 1,3 Milliarden Dollar gekauft und ist damit zum zweitgrößten KIS-Hersteller in Deutschland aufgestiegen. Cerner baut noch auf ein breites KIS-Portfolio: In Deutschland haben laut Cerner mehr als 500 Krankenhäuser eines der beiden KIS ISH-Med und Medico. Außerdem betreiben in Deutschland vier Maximalversorger das KIS Soarian Clinical, das der Konzern noch „für Bestandskunden weiterentwickelt“.

Das KIS Millenium ist in Deutschland derzeit nicht im Einsatz. Neben der klassischen Produktentwicklung arbeitet der US-Konzern am sogenannten „Cerner Ecosystem“. Es handelt sich dabei laut Cerner um eine Infrastruktur, die über Versorgunggrenzen hinausgeht: „Spezialisierte Subsysteme werden nicht mehr wie bisher über Schnittstellen angebunden, sondern fügen sich tief und quasi symbiotisch in das KIS ein.“ In den USA ist Cerner einer der größten KIS-Anbieter und arbeitet intensiv mit dem US-Militär zusammen.  

3  Nexus: Aktienrückkauf im Wachstumsmodus

Der börsennotierte IT-Hersteller aus Villingen-Schwenningen hat seine Anleger in den vergangenen Jahren mit teils zweistelligen Wachstumszahlen belohnt. Der Umsatz lag 2017 bei 119 Millionen Euro, die Marktkapitalisierung von Nexus beläuft sich derzeit auf knapp 425 Millionen Euro. Das Unternehmen hat 2016 angekündigt, bis Ende April 2020 eigene Aktien zurückzukaufen – maximal 200 000 Stück (das entspricht 1,27 Prozent vom Grundkapital). Mitte März 2018 hat das Unternehmen knapp 43 000 Aktien zurückgekauft. Das KIS war 2016 laut Angaben des Unternehmens 237 Mal in Deutschland installiert.

„Das Nexus KIS beinhaltet in der nächsten Generation auch die Spezialdokumentation (E&L), die Diagnostik (Radiologie und Pathologie) sowie das Enterprise Content Management (Marabu) und die Telemedizin (Chili). Alle Funktionen sind auch in mobilen Apps verfügbar“, so das Unternehmen. Weltweit stieg die Zahl der KIS-Installationen von Nexus auf 571, der Fokus des Unternehmens liegt auf Europa. Anfang 2018 stieg das Unternehmen beim polnischen KIS-Anbieter Medhub ein. Fast im Jahrestakt betritt das Unternehmen durch Zukäufe neue Märkte. In Bulgarien, Spanien und Ungarn kaufte das Unternehmen zuletzt KIS-Hersteller. Bereits 2015 hatte Nexus einen holländischen und einen französischen KIS-Hersteller erworben.

4  Meierhofer: Viel zu tun in ­Hamburg und Greifswald

Die Meierhofer AG ist das letzte inhabergeführte Unternehmen im deutschen KIS-Markt. Wichtigstes Produkt im Portfolio ist das M-KIS, das in seiner ersten Version von Matthias Meierhofer selbst entwickelt worden war. Heute zählen laut Meierhofer mehr als 250 medizinische Einrichtungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz zum Kundenkreis. Unabhängig ist der umtriebige Meierhofer allerdings nicht mehr: 2016 übernahm der Klinikkonzern Asklepios 40 Prozent der Meierhofer AG. Der Klinikriese hat daraufhin angekündigt, dass Meierhofer die sieben Hamburger Krankenhäuser von Asklepios mit dem M-KIS ausstatten soll. Begonnen wurde 2017 im Asklepios Westklinikum Hamburg, ab 2018 folgen die übrigen sechs.

Den zweiten großen Fisch zog der KIS-Hersteller ebenfalls 2016 mit der Uniklinik Greifswald an Land. Auch dort installiert der Mittelständler derzeit sein KIS. Das Besondere an diesem Projekt: Es wird eine enge Verzahnung des KIS mit der Forschungsplattform stattfinden. Im gesamten Meierhofer-Portfolio stellen jedoch weiterhin Häuser mit 150 bis 500 Betten den größten Anteil. 2017 gab Meierhofer seine strategische Partnerschaft mit dem Berliner Unternehmen Samedi bekannt, das Kommunikationskanäle zwischen Leistungserbringern und Patient bereitstellt und darüber hinaus ein Terminplanungstool im Portfolio hat.  

5  Telekom: Mobility im Fokus

Das KIS der Telekom iMedOne ist in über 220 Kliniken installiert, so der Konzern. „Wir werden iMedOne in diesem Jahr gemeinsam mit unseren Kunden konsequent weiterentwickeln. Im Fokus stehen dabei die Kodierung, die Erweiterung der Medikation um Blutprodukte, Konsile, Leistungsdokumentation sowie Befundung“, erklärt Arndt Lorenz, Geschäftsführer Klinik IT bei der Telekom Healthcare Solutions. „Mit der iMedOne Cloosed Loop Medication Lösung ermöglichen wir Krankenhäusern, die Qualifizierung nach Emram Stufe 6 zu erreichen. Das ist vorletzte und noch technisch unterstützte Stufe des höchsten Reifegrads der Digitalisierung von Kliniken.“ Das Diakonieklinikum Rotenburg hat diese Stufe mit dem Telekom-KIS erreicht.

Ein Kriterium für die Auszeichnung: In Zusammenarbeit mit dem Software-Haus hat die Klinik eine schlanke, auf „iPads“ basierende Lösung für den Arzneimittelversorgungsprozess entwickelt. Der Bereich Healthcare Solutions gehört zur Telekomtochter T-Systems, die sich derzeit im Umbruch befindet. Der neue T-Systems-Chef Adel Al-Saleh hat im Januar einen Konzernumbau angekündigt. Der langjährige Geschäftsführer der Telekom Healthcare Solutions, Axel Wehmeier, hat das Unternehmen Anfang 2018 verlassen.  

6  I-Solutions Health: Rube setzt auf Expansion

Die Ursprünge der KIS-Schmiede I-Solu­tions Health gehen auf die IT-Firmen Laufenberg und Gap zurück, 2004 ging die Firma unter dem Namen I-Soft an die Börse. Nach einer Bieterschlacht, an der sich auch Cerner und die Compugroup beteiligten, wanderte ­I-Soft 2007 an den australischen Konzern IBA, der den Softwarehersteller 2011 an den US-Konzern CSC veräußerte. CSC verkaufte I-Soft im Juli 2014 an den deutschen Radiologie-Dienstleister Radiomed. Im April 2017 übernahm die Aruba Holding 75,1 Prozent des KIS-Herstellers, der sich seit 2015 I-Solutions Health nennt. Wolrad Rube, ehemaliger Inhaber des KIS Fliegel Data (jetzt bei der Compugroup) und heute Geschäftsführer der I-Solutions Health, ist mit 4 Prozent Minderheitsgesellschafter der Aruba Holding.

Derzeit ist das KIS laut Angaben von I-Solutions Health 95 Mal in Deutschland installiert. „Unsere Unternehmensstrategie setzt auf nachhaltige Expansion und evolutionäre Produktentwicklung. Wir richten den Fokus auf eine schnelle Bereitstellung von neuen Funktionalitäten“, erklärt Rube. Im vergangenen Geschäftsjahr (Abschluss März 2017) hat das Unternehmen einen Umsatz von 29 Millionen Euro erwirtschaftet. Im Oktober 2017 hat I-Solutions das Unternehmen Datapec übernommen, einen Anbieter für Anästhesie-, Intensiv- und Notfalldokumentation.  

7  Compugroup: Akquisitionshunger noch nicht gestillt

Die Compugroup (CGM) ist ein börsennotiertes Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von derzeit rund 2,5 Milliarden Euro. 2013 war die Aktie 15 Euro Wert, heute sind es 45 Euro. (Stand: 13.3.18) Das Unternehmen ist einer der führenden Hersteller von Praxissoftware und seit 2008 KIS-Anbieter. CGM hat bisher die KIS Fliegel Data und Systema gekauft. Für Aufsehen sorgte 2017 das Interesse der Compugroup, den deutschen KIS-Marktführer Agfa zu übernehmen. Am Ende ist der Deal gescheitert – angeblich an den hohen Pensionsrückstellungen bei Agfa.

Ob es zu einem weiteren Übernahmeversuch des belgischen Unternehmens kommt, darüber wird spekuliert, da sich Agfa derzeit neu aufstellt (siehe Agfa). Zuletzt hat der Konzern 2017 zwei belgische Anbieter von Softwarelösungen für Zahnärzte übernommen. Im vergangenen Jahr hat die Compugroup das KIS „CGM Clinical“ in Deutschland eingeführt. Es handele sich um eine „völlig neue KIS-Suite für umfassende Ablöseszenarien von Altsystemen“, so das Unternehmen. Zu den neuen Funktionen gehört unter anderem eine Multi-Ressourcenplanung für den OP und den Bereich Personal.  

8  Philips: Bisher keine Installa­tion im Markt

2016 sorgte der holländische Mischkonzern Philips mit der Ankündigung, ein neues KIS in Deutschland einzuführen, für einen Paukenschlag. Tasy heißt die Software, die laut Philips schon in 850 Kliniken im Einsatz ist, vor allem in Brasilien und Mexiko. Nun wollen die Holländer das KIS am Krankenhaus Düren in den europäischen Markt führen. Tasy gehört zum Geschäftsbereich Connected Care & Health Informatics, der 2017 einen Umsatz von 3,16 Milliarden Euro erwirtschaftete, 485 Millionen Euro davon entfallen auf die Region Western Europe.

Die Holländer haben laut eigenen Angaben über 130 radiologische oder unternehmensweite PACS-Systeme und über 140 kardiologische PACS-Systeme in Deutschland installiert. Gerrit Schick verantwortet bei Philips die Einführung von Tasy in Deutschland. „Das Zusammenspiel aus den Medizinproduktlösungen kombiniert mit dem Digitalisierungs- und Analytics-Angebot bietet enorme Chancen für Kliniken“, so Schick. Bisher hat Philips in Deutschland nur die eine KIS-Installation in Düren. Dass das Unternehmen rein organisch wachsen will, bezweifeln viele Marktbeobachter. Sie halten Zukäufe anderer KIS-Anbieter für wahrscheinlich.

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