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KommentarThink big or go home

Den Deutschen fehlt der Gründergeist. Wir hinken bei Innovationen hinterher, weil wir an vielen Stellen zu kleinteilig und in den falschen Dimensionen denken. Warum eigentlich?

Admir Kulin
m.Doc GmbH

Admir Kulin, Gründer und Geschäftsführer der m.Doc Gmbh, Anbieter für innovative digitale Gesundheitslösungen.

In zahlreichen Studien wird die unternehmerische Bildung in Deutschland kritisiert – ganz aktuell in einer Untersuchung des Global Entrepreneurship Monitors, wonach Nationen, die bereits in der Schule einen hohen Fokus auf unternehmerische Bildung legen, signifikant mehr Gründungen haben und diese auch nachhaltig erfolgreicher sind. Deutschland liegt demnach bei 54 untersuchten Ländern auf einem, wie ich finde, desaströsen 36. Platz. Vor uns liegen nämlich Länder wie Pakistan, Guatemala oder Armenien, die wir alle samt als Entwicklungsländer kategorisieren würden.

Mich wundert diese Platzierung aber ehrlich gesagt nicht. Gerade erst wurde ich für ein Interview angefragt. Die Fragen gab es vorab. Inhaltlich war soweit alles in Ordnung, aber über eine Frage bin ich dann doch gestolpert: „Wenn eure Anwendung zwei Millionen Euro bekommen würde, was würdest Du damit machen?“ Meine spontane Antwort: erst einmal heulen – und zwar nicht vor Freude.

Zwei Millionen sind verdammt viel Geld, keine Frage. Und das will ich auch nicht klein reden. Aber, und das ist ein großes Aber: Kaum ein junges Unternehmen kommt mit einer solchen Summe besonders weit, vor allem dann nicht, wenn sie gerade dabei sind, Anwendungen zu bauen, die unser komplettes Gesundheitswesen ins digitale Zeitalter katapultieren sollen. Genau deswegen finde ich solche Fragen besorgniserregend. Denn jeder, der ein Angebot von „nur“ zwei Millionen als großzügig erachtet, hat das Kernproblem, das wir mit unser Gründungs- und Innovationskultur in Deutschland haben, leider noch nicht verstanden. Einerseits feiern wir Unternehmer wie Elon Musk für seine Visionen und seine Weitsicht und honorieren beides mit entsprechenden Bewertungen an der Börse. Anderseits soll ein Unternehmer, der in einem ebenso innovativen Marktumfeld, nämlich dem Gesundheitswesen, unterwegs ist, sich gefälligst überlegen, was er alles mit zwei Millionen Euro anfangen würde. Ich kann nur raten, aber Elon Musks Antwort wäre vermutlich: Nichts.

Warum trauen wir uns eigentlich nicht mehr zu?

Um bei Herrn Musk zu bleiben: Für den Bau der Gigafactory hat er sich angeblich bewusst für Deutschland entschieden – auch wegen des großen Know-hows, das wir im Land haben. Warum genau sind wir dann nicht mutiger und denken auch mal in den Dimensionen eines Elon Musk? Denn mit Blick auf die Markenwertstudie BrandZ der 100 wertvollsten Marken der Welt zeigt sich: Deutschland verschwindet langsam, aber sicher im Mittelfeld. SAP findet sich immerhin noch auf Platz 17 wieder. Die Lücke zur Deutschen Telekom auf Platz 32 ist dann aber schon groß – ebenso wie zu Mercedes-Benz auf Platz 56. Adidas, DHL oder Siemens schaffen es auf den Rängen 92, 93 und 94 gerade noch so auf die Liste. Übrigens: Unter den Top 10 der wertvollsten Marken befinden sich mittlerweile fünf Technologieunternehmen – streng genommen sogar sieben, denn Amazon und Alibaba werden als Einzelhändler kategorisiert, sind aber natürlich extrem technologiegetrieben. Und ich kann hier weiter machen: Google, Amazon, Facebook und Apple übertreffen im dritten Quartal dieses Jahres mit ihrem Gewinn den aller DAX-Unternehmen zusammen um fast das Doppelte.

Meiner Meinung nach verdeutlichen diese Ausführungen, dass wir in Deutschland aber auch in Europa den Anschluss verlieren, ja zahlreiche Branchen bereits an die amerikanische und asiatische Konkurrenz verloren haben. Bestes Beispiel: die Cloud. Während Anbieter wie OneDrive, iCloud oder Dropbox mit ihren Kapazitäten rasant zulegen, sind kaum deutsche Unternehmen in diesem Bereich vertreten. Als Konsequenz transferieren wir unsere Daten also mehr oder weniger freiwillig nach Übersee.

Ich finde auch deshalb müssen wir aufwachen und uns in Stellung bringen. Denn am Gesundheitsmarkt können wir noch Boden gut machen – vor allem, weil Gesundheit ein so wichtiger Aspekt des Lebens ist, bei dem wir die Hoheit nicht einfach so kampflos aufgeben sollten. Erste Wellen aus den USA und Asien schwappen ja bereits zu uns rüber. Das habe ich schon in vorherigen Kommentaren thematisiert. Deshalb müssen wir jetzt gegensteuern – oder aber, die klügsten Köpfe folgen schlicht und ergreifendem dem Geld und das – Achtung Spoiler – fließt anderswo üppiger und bereitwilliger als hierzulande.

Kapital im Westen und im Osten

Einer Publikation des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie aus dem vergangenen Jahr zufolge entscheiden sich über 80 Prozent der Startups für die „eigenen Ersparnisse“ als Finanzierungsquelle. Immerhin 31,3 Prozent schauen sich extern um – bei Familie und Freunden. Der Anteil, der zusätzlich auch bei Business Angels, Venture Capital oder Inkubatoren/Acceleratoren anklopft, ist im Vergleich dazu sehr gering. Laut Statista hat der Großteil der Startups in Deutschland, nämlich 42,1 Prozent, externes Kapital zwischen 1 und 150 000 Euro aufgenommen. Die Zwei-Millionen-Hürde haben gerade einmal 15,3 Prozent der Startups übersprungen, wobei 11,6 unter zehn Millionen bleiben. Ab da wird die Luft verdammt eng: 2,3 Prozent haben externes Kapital zwischen zehn und 25 Millionen Euro aufgenommen, nur 1,3 Prozent 25 Millionen und mehr.

Dem gegenüber stehen Zahlen des US-Marktforschers Mercom aus dem Jahr 2018 – ein Jahr, in dem die Risikofinanzierung junger Digital Health Firmen einen neuen Rekordwert erreichte. 9,5 Milliarden US-Dollar flossen allein in diese Branche, 32 Prozent mehr als im Vorjahr. Was dabei wenig überrascht: Das meiste Risikokapital ging an US-Firmen. Ganze sieben Milliarden US-Dollar. Noch mehr Tränen kommen mir, wenn ich den Blick gen Osten richte. Denn laut McKinsey & Company flossen 2018 sogar 42,8 Milliarden Euro an Risikokapital in Chinas Healthcare Sektor. Knapp 1000 Health Tech Startups kommen deshalb mittlerweile auch allein aus China.

Weg vom Entwicklungsstatus

Sie merken sicher selbst: Angesichts dieser Größenordnungen ist das Angebot von zwei Millionen Euro schlichtweg lächerlich. Es gibt aber einen Eindruck, warum wir in Deutschland und auch in Europa im digitalen Zeitalter immer mehr an Boden verlieren. Wir sind ein unternehmerisches Entwicklungsland!

Daher sollten wir uns unbedingt die Frage stellen, ob wir unsere Medikation künftig von Amazon und Co. geliefert bekommen und die Arztwahl ausländischen Anbieter überlassen wollen. Denn darauf wird es zwangsläufig hinauslaufen, wenn wir nicht endlich lernen, größer zu denken. Wir brauchen in Deutschland mehr Unternehmerinnen und Unternehmer, denen wir Großes zutrauen, wir brauchen größere Visionen, mehr Mut und eine höhere Risikobereitschaft, wir brauchen einen besseren Zugang zu Risikokapital und wir brauchen eine bessere unternehmerische Bildung im Land. Denn wer allen Ernstes glaubt, die nächste große Innovation dank der eigenen Ersparnisse stemmen zu können, ist entweder unfassbar reich oder aber noch etwas naiv.

An dieser Stelle ist mir wichtig zu betonen, dass wir mit den DiGAs oder auch dem Krankenhauszukunftsgesetz Initiativen auf Bundesebene haben. Daraus müssen wir Chancen generieren und diese auch nutzen. Gibt es zu viel Bürokratie oder Gatekeeper, die die Umsetzung erschweren? Ja. Hat politische Einflussnahme die Kompetenzen einiger Akteure im Gesundheitswesen mehr gestärkt als andere? Definitiv. Sind das Gründe, die das ein oder andere graue Haar hervorbringen? Absolut. Dennoch müssen wir über solche, nach wie vor bestehenden Hürden hinwegsehen und das eigentliche Ziel wieder fest anpeilen. Sonst überholen uns die Amerikaner und Asiaten nämlich auch noch im Gesundheitssektor. Denn genau das ist mein Punkt: Nicht wir diktieren die Geschwindigkeit, mit der sich unsere Welt wandelt, sondern die Konkurrenz. Und die hat aktuell nicht nur ungleich viel mehr Kapital zur Verfügung, sie denkt auch größer, hat das digitale Geschäftsmodell besser verinnerlicht und hat dadurch bereits einen immensen Vorsprung.

Anstatt also unsere Unternehmerinnen oder Unternehmer zu fragen, was er oder sie mit zwei Millionen Euro machen würde, sollte die Frage doch viel eher lauten: Traust du dir zu, es mit den ganz Großen aufzunehmen und wenn ja, was brauchst du, um Digital Health „made in Germany“ zu einem Exportschlager zu machen. Denn genau diesen Stellenwert hat unsere Gesundheitsversorgung NOCH auf der Welt. Ich glaube keiner von uns möchte in zehn Jahren sagen müssen: „Ach, hätten wir damals bloß…“

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