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KommentarKBV – Wettbewerber oder Interessensvertreter?

Die Entscheidungen und Nachrichten rund um die Machtposition der KBV bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens sind nicht nur enttäuschend, sondern schlichtweg schädlich für den Standort Deutschland. Oder wollen wir uns wirklich zur gesundheitspolitischen Provinz degradieren lassen?

Admir Kulin
m.Doc GmbH

Admir Kulin, Gründer und Geschäftsführer der m.Doc Gmbh, Anbieter für innovative digitale Gesundheitslösungen.

Ich bin im heutigen Bosnien-Herzegowina zur Welt gekommen und habe dort die ersten Jahre meines Lebens verbracht. Ich habe also die „Ausläufer“ des Kommunismus hautnah erlebt und weiß, dass – so hehr die Ziele auch sein mögen – es am Ende schlicht nicht funktioniert, einer Bevölkerung, einem Land, einem Markt oder einer Branche von oben oktroyierte Vorgaben überzustülpen – erst recht nicht in einer derart disruptiven Zeit, wo Innovationen zu Treibern werden, ganz neue Geschäftsmodelle entstehen und niemand sicher vorhersagen kann, wohin die Reise eigentlich geht.

Zugegeben, der Vergleich mag auf den ersten Blick etwas dramatisch erscheinen, aber eben jener Kommunismus meiner Kindheit kam mir als erstes in den Sinn, als ich vom Paragrafen 68c und der dadurch legitimierten Marktmacht der Kassenärztlichen Bundesvereinigung gehört habe. Genau jene Instanz, deren Hauptaufgabe es ist, die Versorgung für Patientinnen und Patienten sicherzustellen, darf nun selbst Lösungen entwickeln? Kontrollinstanz und Mitbewerber zugleich? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt! Kurz: Auch ich war wie viele andere Marktteilnehmer und Verbände verärgert über eine solche Entwicklung. Und genau dieser Unmut wurde unmittelbar nach Bekanntwerden der Gesetzesänderung an vielen Stellen kundgetan – beispielsweise Sorgen über eine Verstaatlichung des Gesundheitswesens oder Sonderregelungen für die KBV.

Nun ist es absolut normal, dass man im Job hin und wieder frustriert ist. Damit kann sich vermutlich jeder identifizieren. Gerade wenn man versucht, neue Dinge anzuschieben, den Weg für Innovationen zu ebnen und auch mal abseits ausgetretener Pfade sein Umfeld zu erkunden, stößt man deutlich häufiger auf Widerstand. Genau deshalb habe ich mich auch mit meiner Meinung zurückgehalten. Ich weiß, dass unsere Welt im Spannungsfeld unzähliger Interessen immer auf einem Kompromiss beruht – ja, beruhen muss. Wenn ich nun aber höre, dass die KBV ihre eigenen, für die Industrie verbindlichen Schnittstellen selbst nicht nutzen wird, sollte sie eine eigene Praxissoftware entwickeln, kann auch ich tatsächlich nicht mehr an mir halten.

Eine Quasi-Monopolisierung

Am deutlichsten ist sicherlich der Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg) geworden, welcher der KBV vorwirft, ihre Doppelrolle als Selbstverwaltungsorgan und Marktteilnehmer zum eigenen Vorteil schamlos ausnutzen zu wollen. Genau das nämlich würden solche willkürlichen Ausnahmeregelungen bedeuten. Der Verband fordert eine klare Trennung der Verantwortlichkeiten bei der Spezialisierung, Zertifizierung und dem Anbieten von Software. Denn die negativen Folgen für Innovation und Qualität würden am Ende Ärzte, Kliniken, vor allem aber die Patientinnen und Patienten zu spüren bekommen.

Ehrlich gesagt, ist es für mich ohnehin völlig schleierhaft, wie der KBV überhaupt diese Doppelrolle zukommen konnte. Selbst mit allergrößter Mühe kann ich die Intention dahinter nicht verstehen und muss daher zwangsläufig davon ausgehen, dass hier starke Interessen am Werk waren.

Was ich aber beurteilen kann, ist Folgendes: Nur ein gesunder Wettbewerb fördert Innovation. Das mag nicht jedem gefallen, verständlich. Und gerade in Zeiten, in denen disruptive Tendenzen das Geschäftsmodell von Unternehmen und sogar ganzer Branchen in Frage stellen, wünscht man sich natürlich den staatlichen Schutz, sollte man aufs falsche Pferd gesetzt haben. Das kann ich als Unternehmer nachvollziehen. Auch ich wünsche mir manchmal, dass ich bestimmte Risiken nicht eingehen muss oder ich mich zumindest auf Netz und doppelten Boden verlassen kann, wenn ich doch mal einen falschen Schritt mache. Der Allgemeinheit dient eine solche – meist teuer erkaufte – Sicherheit jedoch nicht. Es bringt auch wenig, verzweifelt an bestehenden Strukturen festzuhalten – im Gegenteil. Wir müssen als Gesellschaft unsere Angst vor Veränderung dringend ablegen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Denn die Veränderung wird kommen, ob es uns gefällt oder nicht.

Deutschland: abgeschlagene Provinz oder angesagter Hotspot?

Noch haben wir die Wahl, ob wir die bevorstehende Veränderung aktiv gestalten oder nur teilnahmslos zu schauen wollen. Derzeit genießt das deutsche Gesundheitswesen nämlich international noch ein hohes Ansehen – eine Stellung, die wir jedoch garantiert verlieren, wenn wir bei wichtigen Themen wie der Digitalisierung keinen Wettbewerb zulassen, sondern einen Gatekeeper einsetzen, der erst in guter alter Türstehermanier den Mitbewerbern ein „Du kommst hier nicht rein“ entgegenschmettert, nur um anschließend das eigene Produkt erfolgreich zu positionieren.

Der Grund, warum mich die Nachricht in Wallung bringt, dass die KBV von ihren eigenen Schnittstellen nicht überzeugt sei und daher lieber einen Sonderweg gehe, ist einfach: Mit den Schnittstellen steht und fällt derzeit der Erfolg der Digitalisierung. Es kann weder einem niedergelassenen Arzt noch einer Klinik gelingen, während des täglichen Betriebs Digitalthemen voranzutreiben, wenn bestehende Systeme nicht integriert, vorhandene Daten nicht übertragen und zusätzliche Lösungen anderer Anbieter nicht angebunden werden können. Kein Wunder, wenn da in Umfragen die Akzeptanz digitaler Angebote bei Ärzten und medizinischem Personal so gut wie nicht vorhanden ist. Digitalisierung soll den Alltag einfacher, effizienter und wirtschaftlicher machen und nicht zu einer zusätzlichen Belastung werden. Und das gelingt nur, wenn sich die besten Lösungen am Markt durchsetzen können.

Daher lautet mein dringender Appell an die Zertifizierungsinstanz: Lassen Sie uns gemeinsam in Richtung Zukunft gehen und das Know-how nutzen, dass am Markt vorhanden ist – gerade bei der so wichtigen Schnittstellenthematik. Denn am Ende geht es schlicht und ergreifend um die Frage, ob ein Gesundheitswesen „made in Germany“ weltweit auch weiterhin für Qualität, Innovation und Zukunftsfähigkeit stehen soll oder ob wir in der Belanglosigkeit einer gesundheitspolitischen Provinz untergehen wollen. Ich für meinen Teil bin angetreten, gemeinsam mit Partnern, Kunden, Marktbegleitern, Mittbewerbern und natürlich gut gemachten Schnittstellen die Digital Health Evolution voranzutreiben und „made in Germany“ in Digital Health zu einem Marktführer auszubauen. Möglichen Frust schiebe ich beiseite. Ab und an muss man ihm Luft machen, dann aber auch wieder mit der nötigen Portion Optimismus eines Innovators in die Zukunft schauen – frei nach Michael Jordan „Du verfehlst 100 Prozent der Würfe, die du nicht nimmst“.

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