Georg Thieme Verlag KG

KommentarWas wir dem Nachwuchs sagen sollten

Die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens ist eine Mamutaufgabe. Für einen Durchmarsch in hohem Tempo benötigen wir mehr qualifizierten Nachwuchs als er heute zur Verfügung steht. Doch weiß dieser überhaupt, welches Job-Potenzial dahintersteckt? Daran zweifle ich.

Admir Kulin
m.Doc GmbH

Admir Kulin, Gründer und Geschäftsführer der m.Doc Gmbh, Anbieter für innovative digitale Gesundheitslösungen.

Vier Buchstaben treiben die Klinikwelt aktuell um, die einiges auf den Kopf stellen. Es werden Projektpläne gemacht, Anträge geschrieben und Digitalisierung an den verschiedensten Stellen umgesetzt. Ein Aspekt fällt in der aktuellen heißen Phase der KHZG-Umsetzung allerdings etwas hinten über. Und für genau diesen Aspekt möchte ich heute eine Lanze brechen. Denn er ist meiner Meinung nach elementar für das Gelingen der digitalen Transformation im Gesundheitswesen und entscheidend für die Zukunft der Klinikwelt.

Um zu veranschaulichen, was ich meine, möchte ich Ihnen von einem Gespräch mit einer jungen Krankenpflegerin erzählen, die gerade den Medizinertest absolviert hat. Denn nachdem nun ihre Ausbildung abgeschlossen ist, möchte sie die bisher erworbenen Fähigkeiten und ihr Abitur nutzen, um Ärztin zu werden.

Wir haben über den Medizinertest gesprochen, der – wie viele von Ihnen viel besser wissen als ich – den Teilnehmern einiges abverlangt, weshalb sie auch nicht sicher ist, ob ihr Ergebnis für ein Medizinstudium reichen wird. Ich habe selbstverständlich die Gelegenheit genutzt und „Werbung“ für unseren Bereich, die Digital-Healthcare-Branche, gemacht. Und das Gespräch hat mich nachdenklich werden lassen.

Versteht der Nachwuchs, was sich gerade in der Branche tut?

So viel vorab: Die Begeisterung bei meiner Gesprächspartnerin für ein Public Health- oder Digital Health-Studium hielt sich in Grenzen. Wobei es mittlerweile zahlreiche dieser Studeingänge gibt – auch in enger Abstimmung mit der Branche selbst, die für das nötige Praxis-Know-how sorgen kann. Aber offensichtlich ist das Wissen um die Existenz dieses Studienangebots, vor allem aber auch um die perspektivischen Möglichkeiten noch nicht so verbreitet, wie es sich die Branche wünschen würde und wie es für die Besetztung strategischer Stellen in Zukunft nötig wäre. Und sicherlich kann man jetzt argumentieren, dass es immer noch genügend Technik-affine Menschen innerhalb der Generation Z gibt, sodass auch Platz für andere Ziele wie die der jungen Krankenpflegerin ist.

Und da stimme ich auch vollends zu, wären in dem Gespräch nicht Sätze gefallen wie „Mir geht es vor allem darum, zu helfen und mit den Menschen direkt zu arbeiten.“ Und es ist ein weiterer Gedanke, der mich umtreibt: Genau diese Art von jungen Talenten, die einerseits den Klinikalltag mit allen Arbeitsabläufen und Prozessen kennen und andererseits Ambitionen haben „mehr“ zu machen, sind die, die das Gesundheitswesen jetzt vielleicht dringender braucht denn je. Und damit ist nicht nur die Digital-Healthcare-Branche gemeint, sondern das Gesundheitswesen als Ganzes und die Klinikwelt im Speziellen. Ich möchte die junge Frau also exemplarisch dafür nutzen, aufzuzeigen, dass wir mehr Überzeugungsarbeit leisten müssen, dass Digital Healthcare nicht nur eine Branche mit Zukunft ist, sondern vor allem auch eine überhaus sinnstiftende Arbeit sein kann. Andernfalls fehlen uns als Branche morgen die Talente, die neue Lösungen und Innovationen auf den Weg bringen und Ihnen in der Klinikwelt jene strategischen Schnittstellen, die zwischen Ärzteschaft, Pflege, Technik und IT vermitteln können.

Klarstellen, wo wir hin wollen

Um also mehr Nachwuchskräfte von der Digitalisierung mit all ihren Chancen für bestehende Berufsfelder und jeder Menge Gestaltungsspielraum für ganz neue Job-Beschreibungen im Gesundheitswesen zu begeistern, müssen wir ganz offensichtlich wesentlich mehr Basisarbeit leisten. Vor allem gilt es aus meiner Sicht, zu vermitteln, dass Digital Healthcare nicht weiter weg ist vom Patienten als es die Ärzteschaft oder Pflege heute gewohnt ist. Im Gegenteil: Man ist viel näher dran, denn im Idealfall werden neue Lösungen und Prozesse von den Patienten her gedacht.

Ich würde sogar einen Schritt weiter gehen: Wer sich heute für ein Studium mit Schwerpunkt digitales Gesundheitswesen entscheidet, hat die einmalige Gelegenheit, die Zukunft unserer Gesundheitsversorgung mitzugestalten. Dafür muss es uns gelingen, die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten künftiger Digital-Healthcare-Spezialisten greifbar zu machen, vielleicht sogar gemeinsam darüber nachzudenken, wo Schnittstellen und Expertentum im Klinikalltag besonders gefragt sind und benötigt wird. Wir müssen kommunizieren, welchen Stellenwert digitale Lösungen bei der Entscheidungsfindung haben und vor allem künftig haben werden und wie nah Absolventen damit am Patienten und seiner Behandlung tatsächlich sind. Wir müssen unterstreichen, dass ohne Digital-Healthcare-Lösungen die umfassende medizinische Versorgung auf dem Land in wenigen Jahren vermutlich nicht mehr gewährleistet werden kann. Wir müssen deutlicher machen, wie wichtig der Austausch über Sektoren und Fachrichtigungen hinweg künftig sein wird, was Digital-Healthcare-Spezialisten eine absolute Rundumsicht garantieren dürfte. Und wir müssen klarstellen, dass es Macher braucht, die Führung und Verantwortung übernehmen und das die nur aus dem Fach kommen können.

Bitte loggen Sie sich ein, um einen neuen Kommentar zu verfassen oder einen bestehenden Kommentar zu melden.

Jetzt einloggen

  • Derzeit sind noch keine Kommentare vorhanden. Schreiben Sie den ersten Kommentar!