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Interview

Wie die Digitalisierung unser Gesundheitssystem verändern wird

Wir stehen heute mit großen Augen vor den potenziellen Möglichkeiten der Digitalisierung in der Medizin. Im Idealfall staunend, im Nicht-Idealfall ängstlich. Ich bin der Überzeugung, dass die Digitalisierung Paradigmen zu Fall bringen und Wertschöpfungsketten nachhaltig verändern wird. 

Dr. Markus Müschenich

Flying-Health/Mareike-Mechler

Dr. Markus Müschenich, Bundesverband Internetmedizin.

Dr. Markus Müschenich, Digitalisierung ist ein weites Feld. Wir sprechen hier nicht vom Patienten, der sich Erkältungssymptome ergoogelt, sondern von Apps, die Diabetespatienten begleiten …

Genau. Wir sprechen nicht von Dr. Google, sondern von einer Digitalisierung, die sicher tradierte Wertschöpfungsketten in unserem Gesundheitswesen zerstören wird. Es wird passieren, wie in der Musikindustrie. Wer heute Musik kauft, geht nicht in den Plattenladen, sondern lädt sich gezielt zuhause einen Song runter. Die Anzahl der verkauften CDs fiel in den letzten Jahren um 40 Prozent. So wird auch der Arztbesuch in Zukunft nicht mehr die einzige Möglichkeit sein, kompetenten medizinischen Rat zu bekommen. Zertifizierte Apps werden eine Alternative bieten. Die negative Seite für die Ärzteschaft: der Umsatz wird zurückgehen. Die positive Auswirkung für die Patienten: Der Arzt wird mehr Zeit für die verbleibenden Patienten haben.

Schrittzähler-Apps, Verhütungs-Apps und ähnliches gibt es doch heute schon …

Wenn wir von App sprechen, meinen wir keinen einfachen Schrittzähler, sondern hochkomplexe, zertifizierte, aufwändig entwickelte Anwendungen, deren Entwicklung viele Millionen Euro kosten. Bei uns sind das Medizinprodukte, die mit hochkomplexen Algorithmen arbeiten. Das ist die Schulmedizin der Zukunft.

Brauche ich dafür den digital aufgeklärten Patienten?

Wir brauchen nur dann einen digital aufgeklärten Patienten, wenn die Ärzteschaft sich weiterhin weigert, die digitalen Entwicklungen in die Medizin einzubauen. Der Patient muss auch nicht analog mündig sein, wenn er krank zum Arzt geht. Er verlässt sich darauf, dass der Arzt ihm hilft. Mündigkeit spielt erst dann eine Rolle, wenn das Vertrauen in den Arzt oder das Gesundheitssystem verschwunden ist. Es darf nicht passieren, dass die Verantwortung für gute Versorgung an den Patienten delegiert wird. Das wäre bigott und unmoralisch. Der hippokratische Eid besagt, dass der Arzt sich verpflichtet, für den Patienten das Beste zu suchen. Wenn die Digitalisierung eine Chance ist, das Behandlungsspektrum zu verbessern, muss er diese Chance nutzen. Der Patient ist krank und er hat ein Recht darauf, dass das Gesundheitssystem ihm qualitätsgesicherte digitale Lösungen zur Verfügung stellt.

Was bedeutet das für das System?

Die digitale Entwicklung kann etwas schaffen, was das gesamte Gesundheitssystem bisher nicht geschafft hat, nämlich die Integration der ambulanten und der stationären Welt. Die integrierte Versorgung kann so Realität werden. Apps sorgen als kleine elektronische Patientenakten schon heute dafür, Patienten mit Diabetes, Depression und Migräne wichtige Informationen wirklich sektorübergreifend zur Verfügung zu stellen. Medizin ist zum großen Teil Information und zum kleinen Teil Intervention.

Was bedeutet das für die Budgets?

In der Zukunft wird das heißen: Digital vor ambulant vor stationär. Entsprechend muss es für digitale Leistungen ein Budget geben. Und dieses Budget wird unter anderem aus dem traditionellen Budget von Ärzten und Krankenhäusern kommen. Es wird Leistungen geben, die vollständig über digitale Expertensysteme oder Apps erbracht werden. Und Leistungen, die einen besonderen digitalen Anteil haben. Dazu gehört beispielsweise die Videosprechstunde oder das Management von chronischen Erkrankungen, bei dem Patienten und Ärzte weitgehend digital miteinander kommunizieren. Wir sprechen bis 2025 von einem Budget von etwa 100 Milliarden Euro.

Was bedeutet das für den Arzt?

Die Ärzteschaft muss sich einem bislang unbekannten Wettbewerb stellen. Dabei geht es um die Qualität, die Verfügbarkeit und den Preis. Jeder Arzt wird sich mit dem Wissen von Datenbanken, der 24-stündigen Verfügbarkeit und dem Preis von global verfügbaren Apps messen lassen müssen. Das wird für die Ärzteschaft äußerst schmerzlich werden.

Wird das digitalisierte System auch Ärzte überflüssig machen?

Nein. Meine Vision ist es, dass die Ärzte mehr Zeit haben für die Patienten, die sie wirklich benötigen. Die große Chance für den Patienten liegt nicht darin, dass er auf den Arzt verzichten kann, sondern dass das Wartezimmer weniger voll ist und der Arzt Zeit für ihn hat. Die Chance für den Arzt besteht darin, dass er endlich wieder das tun kann, wofür er vermutlich studiert hat. Wir haben alle nicht studiert, um eine Fünf-Minuten-Medizin zu machen, sondern weil wir Patienten gut und nachhaltig behandeln wollen. Das alles bedeutet aber auch, dass wir Wege finden müssen, um die Versorgung anders zu vergüten. Es darf nicht sein, dass Ärzte pleitegehen, weil weniger Patienten kommen.

Kann ich als Arzt auch einfach sagen: Da mache ich nicht mit?

Sich nicht mit der Digitalisierung zu befassen, ist gegen den hippokratischen Eid. Wenn ich das Thema pauschal ablehne, widerspricht das der ärztlichen Aufgabe, für den Patienten die beste Lösung zu suchen. Es wird bald den Tatbestand des Behandlungsfehlers erfüllen, wenn ich eine digitale Anwendung nicht empfehle, die dem Patienten helfen kann.

Wie kann ich bei Apps eine Qualitätssicherung anlegen?

Wir müssen mit den gleichen Qualitätsansprüchen an eine App herangehen wie an einen Herzkatheter oder an ein Medikament. Jedes digitale Werkzeug muss sich in den Bereichen Sicherheit und Wirksamkeit den gleichen Ansprüchen stellen, die wir aus der Medizintechnik oder Pharmakologie kennen.

Warum beschäftigen Sie sich mit der Digitalisierung?

Ich habe irgendwann beschlossen, die Medizin besser zu machen, das ist im Grunde ein urärztlicher Gedanke. Deshalb bringe ich die Digitalisierung voran. Das schließt aber andere Bereiche überhaupt nicht aus. Ich bin ein großer Fan von Akkupunktur, traditioneller chinesischer Medizin oder von Homöopathie. Wer eine Herz-OP braucht, braucht eine Herz-OP und wer Wadenwickel braucht, braucht Wadenwickel. Und wenn eine Datenmenge mir dabei helfen kann, die passende Behandlung zu finden, kann das nur gut sein.

Dieses Interview ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe von kma Klinik Management aktuell.

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