kma Online
Kliniken und Gesundheits-Apps

So wird ein Schuh draus

Wenn Patienten mit eigenen Gesundheits-Apps kommen, ist Vorsicht geboten. Kliniken setzen vor allem auf eigene Systeme. Branchen-Gigant Helios testet eine Plattform, die funktioniert wie ein Girokonto.

Foto: kma-Montage/Vitabook/freepik

Gesundheits-Apps gibt es wie Sand am Meer, von rund 100.000 ist die Rede. Qualitativ hochwertige Apps sind bislang aber „eher die Ausnahme als die Regel“. Dieses Fazit ziehen Forscher des Peter L. Reichertz Instituts für medizinische Informatik der TU Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover in ihrer Studie Charishma, die das Bundesgesundheitsministerium gefördert hat. Potenziell seien diese Apps laut der Studie zwar geeignet, das Selbst-Management von chronisch Kranken wirksam zu unterstützen, vor allem bei Lebensstil-induzierten Erkrankungen wie Diabetes Typ 2. Im ländlichen Raum könnten Apps, zusammen mit anderen telemedizinischen Angeboten, auch Versorgungsengpässen begegnen. Hierzu müssten sie allerdings gut in die bestehenden Versorgungs- und Vergütungssystem integriert werden, sonst würden sie sich in der Versorgung nicht durchsetzen.

Ein Manko sind fehlende wissenschaftliche Nachweise. Die Evidenz-Lage sei „mangelhaft“, lautet das Fazit von Urs-Vito Albrecht, der zusammen mit 18 Kollegen Charishma erarbeitet hat. Viele Potenziale klängen zwar plausibel, bewiesen sei aber so gut wie nichts. Zudem könnten ältere Menschen die Vorteile dieser Apps oft gar nicht nutzen, weil sie mit der Technik nicht vertraut sind. Dabei könnten gerade Senioren und Hochbetagte mit ihren vielen gleichzeitigen Krankheiten profitieren. Doch ehrlicherweise muss laut Studie vor allzu großen Hoffnungen gewarnt werden: Es komme bei den Apps zu Fehlfunktionen, -bedienungen sowie -informationen, die zu falschen Diagnosen und Behandlungen führen und ein „nicht unerhebliches Schadenspotenzial für die Gesundheit der Anwender“ bergen.
Massenhaft Fehlalarme

Der Wuppertaler Anästhesist Burkard Rudlof berichtete auf einem Symposium über Apps zur Melanom-Erkennung, die nachweislich bis zu 30 Prozent falschnegative Ergebnisse liefern. Eine App zur EKG-Überwachung von Herzpatienten, die Auswertungen im Handy ermöglicht, produzierte Rudloff zufolge massenhaft Fehlalarme, blieb aber in Funklöchern stumm. Eine Homöopathie-App übersah eindeutige Symptome für Pankreaskrebs. In seinem eigenen Fachgebiet sei die App „Anästhesist“ sehr verbreitet. Diese App berechnet Dosierungen auf der Basis physiologischer Patientendaten. Teils sei sie hilfreich, teils gebe sie aber „richtig gefährliche Dosierungen“ an. Der Anästhesist fordert deshalb eine klare Zertifizierung. Um die Zertifizierung von Apps als Medizinprodukte voranzutreiben, will der Bund künftig das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zu einer zentralen Anlaufstelle für App-Entwickler in Deutschland etablieren. Auf seiner Website hat das BfArM bereits eine „Orientierungshilfe Medical Apps“ veröffentlicht. Ziel ist die klare Abgrenzung zwischen Lifestyle- und echten Gesundheits-Apps.

An einer App-Bewertung versucht sich auch das vom NRW-Gesundheitsministerium geförderte Zentrum für Telematik und Telemedizin in Bochum. Dessen Website App-Check listet derzeit allerdings nur sieben Diabetes-Apps auf, die letzten Einträge stammen aus 2015. „Wir arbeiten am Relaunch. Demnächst kommen auch Demenz-Apps hinzu“, verspricht Projektleiterin Veronika Strotbaum. Ein wichtiges Kriterium bei App-Check sei die Zertifizierung als Medizinprodukt. Strotbaum begrüßt deshalb die Initiative des Bundes. „Vor zehn Jahren, als das E-Health-Gesetz kam, hatte man die mobilen Anwendungen noch nicht auf dem Schirm. Deshalb herrscht jetzt dieser Wildwuchs. Es ist wichtig, dass der Staat etwas unternimmt.“

 

Datenschutz: 80 Prozent aller App sind unsicher

Vor allem die Themen Datenschutz und Datensicherheit treiben Experten um. Wohl zu Recht, denn eine im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie der E-Privacy Gmbh ergab: Bei 80 Prozent aller Gesundheits-Apps konnten Login-Daten durch unbeteiligte Dritte ausgelesen werden, sieben Prozent boten keinen ausreichenden Schutz des Benutzerkontos, 75 Prozent ließen eine Manipulation der Gesundheitswerte zu (etwa Blutzuckerwerte verfälschen) und bei über der Hälfte aller Apps fehlte die Datenschutzerklärung. Hinzu kommt, dass die Speicherung und Übermittlung sensibler medizinischer Daten vielen, teilweise auch landesspezifischen gesetzlichen Vorgaben unterliegen. So gilt etwa nach dem Gesundheitsdatenschutzgesetz in NRW, dass Patientendaten in Kliniken grundsätzlich in der Einrichtung oder öffentlichen Stelle zu verarbeiten sind. Auf einem mobilen Gerät gespeicherte Patientendaten befinden sich jedoch prinzipiell nicht in der medizinischen Einrichtung. Unzulässig wäre damit etwa auch die Speicherung in einer „Cloud“.

Größtenteils noch ungeklärt und sehr komplex sind auch die Haftungsfragen. Wer ist beim Download einer App Vertragspartner? Und damit potenzieller Anspruchsgegner von Schadenersatzansprüchen? „Es kommt immer häufiger vor, dass Patienten mit Apps in die Kliniken kommen“, sagt Oliver Heinze, vom Zentrum für IT und Medizintechnik der Uniklinik Heidelberg. Allerdings fehlen bislang Integrationsmöglichkeiten in die klinischen Systeme. Zudem sei die Beurteilung der Datenqualität für die Ärzte schwierig. „Wir gehen deshalb den umgekehrten Weg und bieten den Patienten eine persönliche, elektronische Patientenakte an“, erklärt Heinze. „Nach Abschluss des Forschungsprojekts soll jeder Patient, der bei uns oder bei einem Kooperationspartner in Behandlung war, Zugriff auf seine Daten erhalten. Über ein Webportal kann er Zugriffsrechte steuern und selbst Inhalte eingeben. Eine App befindet sich gerade in Entwicklung. Diese wird die Integration weiterer Apps ermöglichen.“

 

Patienten lassen sich über Apps einbinden

Das Heidelberger System sei vernetzt mit Gesundheitsanbietern der Region und könne dank internationaler Standards und Profile wie IHE – eine Initiative, die verschiedene IT-Gesundheitssysteme miteinander vernetzen will - auch für andere Gesundheitsnetze oder Kliniken verwendet werden, betont Heinze. Es biete vor allem zwei Vorteile. Der erste sei die Kundenbindung: „Aus den USA wissen wir, dass für Patienten Apps für die Wahl des Gesundheitsdienstanbieters entscheidend sind.“ Der zweite Vorteil liegt laut Heinze in der „Chance, dass Apps als Treiber zur Lösung des Themas ‚Vernetzung‘ fungieren. Sie bieten die Möglichkeit, Patienten endlich richtig in die Prozesse einzubinden.“ Für flächendeckende Akzeptanz gehöre aber vor allem der richtige Umgang mit Datenschutz und Datensicherheit, meint Heinze. Die Skepsis vieler Klinikärzte scheint nicht unbegründet. „Der Arzt entscheidet, ob er Daten aus der App des Patienten übernimmt, und geht damit ein großes Risiko ein, weil er haftet. Deshalb sind die meisten Ärzte sehr vorsichtig“, berichtet Bernhard Breil, Professor für Gesundheitsinformation und Systemintegration an der Hochschule Niederrhein. Zudem würde wohl kein Arzt die Daten aus den mitgebrachten Gesundheits-Apps der Patienten einfach so übernehmen, sondern stets selbst noch einmal überprüfen. „Wer zum Beispiel mit einem extrem hohen oder tiefen Blutdruckergebnis kommt, der kriegt nicht einfach ein Mittel verschrieben, sondern wird noch einmal gemessen. Nur auf die Apps guckt keiner.“ Rechnen täten sich Apps ohnehin nur für Schwerkranke wie Tumorpatienten, chronisch Kranke und Mehrfachkranke. Jüngeren Patienten würde eine solche App das Management ihrer Krankheit erleichtern. „Für Einfachpatienten ist der Verwaltungsaufwand zu hoch. Man vergisst den Pin und hat ähnliche Probleme. Das lohnt sich nicht.“ Seiner Erfahrung nach ziehen Kliniken ohnehin „abgeschottete Systeme mit standardisiertem Zugang“ vor, um virentechnisch auf der sicheren Seite zu sein.

 

Kliniken favorisieren eigene Apps

„Nach meinem Sachstand gehen die meisten Initiativen in Kliniken derzeit eher in die Richtung eigener Apps, um die internen Prozesse besser zu unterstützen und die sperrigen Großsysteme wie KIS zu mobilisieren“, beobachtet auch Michael Thoss, Leiter Informationstechnik der DRK Kliniken Berlin und Vorstand des Bundesverbands der Krankenhaus-IT. „Die Integration freier beliebiger Apps in Klinikprozesse wird eine kaum zu leistende Aufgabe sein angesichts knapper Budgets und Personalbestände.“ Zudem besäßen Apps bislang weder im Abrechnungssystem noch diagnostisch irgendeine Relevanz. Es gebe zwar „absolut tolle Entwicklungen in der Therapie“, etwa auf den Gebieten Sprach- und Hörentwicklung, aber das lasse sich „aufgrund der schieren möglichen Menge kaum in allgemeine Servicekonzepte packen und betreiben“. Am Schluss bleibe die Frage, so der IT-Experte: Wer soll die anfallenden Datenmengen sichten und auswerten?

 

Zieht Vitabook an der EGK vorbei?

Die Helios-Kette erprobt am Klinikum in Krefeld gerade die Kooperation mit der Plattform Vitabook, entwickelt vom Hamburger Unternehmen Ordermed. Vitabook funktioniert wie ein Girokonto: Der Patient entscheidet, was er darauf speichern möchte und welche Informationen er welchem Arzt zur Verfügung stellt. Dazu legt er auf der Plattform ein Konto an, das er selbst verwaltet. Die FAZ sprach bereits vom „Vorbeiziehen“ eines privaten Unternehmens an der elektronischen Gesundheitskarte des Bundes, die seit Jahren in der Planungsphase feststeckt. Mehr als 100.000 Patienten haben sich bereits bei Vitabook registriert. In Krefeld sollen alle Patienten, die entlassen werden, auf Wunsch ihre in der Klinik erhobenen Gesundheitsdaten in Form eines Kontos auf der Plattform erhalten. Verläuft die Pilotphase erfolgreich, dürfte Vitabook in allen 112 Helios-Kliniken zum Einsatz kommen. Für Ordermed wäre das nach dem zusammen mit der Medizinischen Hochschule Hannover entwickelten Implantatmanager, der im vergangenen Jahr den ersten Preis des Innovationsnetzwerks Niedersachsen erhalten hat, der nächste Coup. Man sei zudem, sagt Silvio Schnabel, Leiter des Ordermed-Kundencenters, „mit weiteren Klinikketten im Gespräch“.

  • Schlagwörter:
  • Apps
  • Gesundheits-Apps
  • Digitalisierung

Kommentare (0)

Kommentar hinzufügen

Um einen Kommentar hinzuzufügen melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich.

Jetzt anmelden/registrieren