Viermal schon sollte das Krankenhaus im bayerischen Peißenberg dicht gemacht werden, zuletzt 2013. Noch vor einem Jahr wurde der SPD-Landrat, der die Schließung durchsetzen wollte, vom Wähler abgestraft. Jetzt geschieht das bisher Undenkbare, als sei es selbstverständlich: Das mit 35 Betten wahrscheinlich kleinste Krankenhaus bundesweit geht 2016 vom Netz. Thomas Lippmann, Geschäftsführer der kreiseigenen Krankenhaus-GmbH, erzählt, wie es ihm gelang, die Interessen von Belegschaft, Bevölkerung, Politik – und seine eigenen – unter einen Hut zu kriegen.
Bisher waren alle gegen die Schließung. Wie hat sich das Blatt gewendet?
Peißenberg wurde 1876 für die Bergleute der dortigen Kohlegrube errichtet. So ein Haus können Sie nicht so einfach schließen. Den meisten hier war aber schon länger klar: Überlebensfähig ist es nicht. Ich kam vor zwei Jahren von den Capio-Kliniken hierher, hatte aber auch keine Zauberformel aus dem Ärmel zu schütteln. Jetzt sind wir auf sie gestoßen. An einem unserer beiden großen Standorte kündigte überraschend der Ärztliche Direktor. Das war ein Schock – aber dann auch die Gunst der Stunde. Über Nacht entstand die Idee: Wir drehen das ganze Thema um. Auch wenn wir das Haus als solches schließen: Wir wickeln den Betrieb nicht ab, wir integrieren ihn in die großen Standorte Weilheim und Schongau – den Chefarzt als neuen Ärztlichen Direktor, die Mitarbeiter, die Ausstattung.
Wie haben Sie diese "Schließung light” dem Kreis als Ihrem Träger verkauft?
Erstmal habe ich die Landrätin thematisch komplett mit ins Boot genommen. Ich habe die Karten offen auf den Tisch gelegt und gesagt: Ja, das kostet Geld. Aber auch: Peißenberg halten kostet noch viel mehr. Und selbst wenn man einen Standort sozialverträglich schließt, sind ja die Kosten nicht weg. Ich sagte: Ich traue mir zu, die Leute zu integrieren, und wir werden in manchen Bereichen eine Überbesetzung haben für eine gewisse Zeit. Aber wir können damit in den nächsten fünf Jahren die jährlichen Verluste aus Peißenberg für die Gesamtbilanz der GmbH um 20 bis 30 Prozent senken. Sind Sie bereit, diesen politischen Preis zu zahlen, damit die Sache eben im Friedlichen einvernehmlich geht? Das war der Schlüssel.
Was war Ihre Strategie, auch Ihre Mitarbeiter und die Öffentlichkeit mit ins Boot zu holen?
Wenn Sie argumentieren "Ihr seid so schlecht, deshalb müssen wir euch schließen”, oder "Wenn ein Standort erst nicht mehr da ist, geht es uns allen besser”, ist das das falsche Signal. Wir sind vor die Mitarbeiter getreten, haben ihnen erklärt, wo und warum wir ihnen wehtun müssen und – wichtig! – ihnen zugleich eine Perspektive eröffnet: "Leute, das ist eure Chance, auch in zwei, drei Jahren noch einen Arbeitsplatz zu haben.” Wir sind damit offensiv umgegangen. Wir haben vom Tag eins an die Presse mit einbezogen. Wir haben gar nicht erst Gerüchte oder Verunsicherung aufkommen lassen – und dann alles schnell durchgezogen.
50 Mitarbeiter integrieren und weiter finanzieren. Das ist kein Kinderspiel.
Ich rechne schon auch damit, dass sich bei einer Gesamtbelegschaft von über 750 Mitarbeitern die Lage durch natürliche Fluktuation entspannt, ja. Trotzdem: Ich wollte nicht dieser "Schließer” sein und 50 Leute, die sich hier aufgearbeitet haben, vor die Tür setzen. Dann wäre der Schuss wahrscheinlich erneut nach hinten losgegangen und die Lösung wieder vertagt worden, zum fünften Mal. Dieses Reformprojekt war für das Gesamtunternehmen essenziell. Mit diesem politischen Preis hatten wir dafür Akzeptanz – von allen Seiten. Das war es uns wert.




Derzeit sind noch keine Kommentare vorhanden. Schreiben Sie den ersten Kommentar!
Jetzt einloggen