Die Charité verlegte Betten, stellte Container auf, und am 25. September berichtete Vorstandschef Karl Max Einhäupl: "Umzug termingerecht geglückt." Das Bettenhochhaus der Charité in Mitte steht bereit für den Umbau. Doch keine Handwerker und Arbeitsgeräte, soweit das Auge reicht. Statt Baukränen drehen auf dem Klinikgelände nur ein paar Vögel ihre Runden. Kein Generalunternehmer will den Umbau für festgeschriebene 185 Millionen Euro machen. Insider wissen: Ein Fehlstart mit Ansage.
Charité versteckt Sanierungskosten im Haushalt
Rückblende: Im Juni 2010 verabschiedete der Senat ein Eckpunktepapier zur Weiterentwicklung der Charité, stellte für Baumaßnahmen 330 Millionen Euro zur Verfügung, davon 185 Millionen Euro zur Sanierung des Bettenhochhauses. Das ist marode, anfällig für Havarien. Der Vorstand forderte vergeblich mehr Geld. Trotzdem begannen die Planungen für den Umbau, die Charité legte der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz ihre Kostenberechnungen – zufällig 185 Millionen Euro - zur Genehmigung vor. Die Senatsbeamten kommen auf 189 Millionen Euro, erteilen den Plänen "Grünes Licht".
Die Einhaltung der 185 Millionen Euro war nur durch Tricks möglich. Nach einem Prüfbericht des Landesrechnungshofes, der bisher nicht ausreichend gewürdigt wurde, enthält die Kalkulation der Charité nicht alle mit dem Umbau zwingend verbundenen Ausgaben: Der Abriss des Versorgungszentrums (1,64 Millionen Euro), die Anmietung von Ersatzflächen (10,5 Millionen Euro) und sogenannte "flankierende Kosten" (immerhin 16,6 Millionen Euro) hat die Charité im laufenden Haushalt von 2012 bis 2016 versteckt.
Landesrechnungshof auf Umbaukosten von 226 Millionen Euro – 41 Millionen Euro mehr als von der Charité ausgewiesen. Kritik der Prüfer: Die Verwaltung von Senator Michael Müller (SPD) habe die Unterlagen "unzureichend geprüft" und Pläne genehmigt, "obwohl Planungsrahmen und Kostenschätzungen unvollständig und zum Teil nicht plausibel sind".
Die Rechnung ist zu offenbar zu riskant für Generalunternehmer
Die logische Folge: Die Charité findet keinen Generalunternehmer, der den Umbau für 185 Millionen Euro übernimmt. Firmen verlangen mehr Geld, haben vermutlich den Bericht des Rechnungshofes gelesen. Auch von möglichen Risiken ist die Rede - wie unverhoffte Asbestfunde – die kein Unternehmen übernehmen will. "Wir wollen pünktlich im Oktober beginnen, die Fassade des Hochhauses zurückzubauen und das Gebäude zu entkernen", kündigte Christian Kilz, Abteilungsleiter für Bau,- Anlagen- und Flächenmanagement der Charite, noch im September an.
Auch wenn ein Charité-Sprecher gebetsmühlenartig versichert "Wir sind im Zeitplan." Daraus wird wohl nichts. Verhandlungen mit Unternehmen laufen, eine Verzögerung ist programmiert. Selbst wenn heute ein Unternehmen den Zuschlag bekommen würde – in diesem Jahr wird kaum etwas passieren. Allenfalls ein wenig Kosmetik für die Öffentlichkeit. Umbaupläne, Logistik, der Transport der Geräte, die Einteilung der Bauarbeiter – diese Planungen beginnen Wochen vor den eigentlichen Arbeiten. Baufirmen sind jetzt kaum zu bekommen, haben alle Hände voll zu tun. Viele Maßnahmen sind in den Budgets verplant, müssen Ende Dezember beendet sein.
Einhäupl sitzt am längeren Hebel
Trotz der Negativschlagzeilen: Einhäupl kann sich die Hände reiben, er sitzt am längeren Hebel. Die Baupläne wurden genehmigt, die Betten verlegt, Container aufgestellt – ein Zurück ist unmöglich. Die Charité hat Handlungsdruck aufgebaut und die Politik fest im Griff. Ein Debakel wie beim Bau des Flughafens Schönefeld wäre ein Alptraum für den Berliner Senat.
Eine quälend lange Hängepartie wird die Politik nicht dulden. Denkbar sind mehrere Szenarien: Der Senat rückt mehr Geld heraus. Bestimmte Kosten werden in der Kostenkalkulation zunächst nicht ausgeführt, tauchen plötzlich während der Baumaßnahmen auf, müssen dann zwangsweise finanziert werden. Oder die Charité lenkt intern Geldströme um. Darunter könnte beispielsweise die Fakultät leiden. Dekanin Annette Grüters-Kieslich schließt nicht aus, dass bestimmte Zusatzkosten, die nicht in den 185 Millionen Euro enthalten sind, zu Lasten von Forschung und Lehre gehen. Schon jetzt klingeln in der Fakultät die Alarmglocken.
Eines ist sicher: Ein Generalunternehmer wird vermutlich bald präsentiert, die Kostenfrage wird sich aber früher oder später wieder stellen.


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