Georg Thieme Verlag KG

Universitätsklinikum HeidelbergModernes OP-Zentrum für die Zukunft

Das Universitätsklinikum Heidelberg hat vor einem halben Jahr die neue Chirurgische Klinik in Betrieb genommen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten im modernen OP-Zentrum seither erheblich effizienter.

Neue chirurgische Universitätsklinik Heidelberg
Universitätsklinikum Heidelberg

Die neue chirurgische Universitätsklinik in Heidelberg.

Am 10. Oktober 2020 zog die Chirurgische Universitätsklinik Heidelberg mit rund 300 Betten vom Altbau in nahen, 260 Millionen Euro teuren und 23 000 Quadratmeter großen Neubau um. Knapp sechs Stunden dauerten die Krankentransporte. Bereits am Vormittag des Einzugs fand die erste Notoperation im neuen OP statt. Und schon am darauffolgenden Dienstag startete der Regelbetrieb stufenweise. 

Während im Altbau aus den 1930er-Jahren der OP-Bereich infolge von mehreren Kapazitätserweiterungen auf drei Etagen verteilt war, bot der Neubau den Chirurgen die Möglichkeit, den Zentral-OP auf einer Ebene unterzubringen. „Wir haben eine Chirurgische Klinik für die Zukunft errichtet und sind jetzt in der Lage, um ein Vielfaches besser und effizienter unsere Patienten zu versorgen“ sagt Prof. Dr. Markus Büchler, Zentrumssprecher und Ärztlicher Direktor der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Verwaltung, Pflege und Ärzteschaft waren in die Planung des Neubaus einbezogen. Das wird gleich nach dem Betreten der Eingangshalle deutlich. Wer einen Schilderwald in dem weitläufigen Gebäude erwartet, wird angenehm überrascht. „So wenig Schilder wie möglich, aber so viel wie nötig“, erläutert Gisela Müller, die Pflegedienstleitung der Chirurgischen Klinik. 

Im Erdgeschoss befinden sich die Spezialambulanzen und die Lehre. Auf den drei darüber liegenden Stockwerken sind die Pflegestationen, Dienstzimmer und Forschungsbereiche untergebracht. Vom Hubschrauberlandeplatz auf dem Flachdach des Gebäudes führt ein Aufzug mit Vorrangschaltung ohne Zwischenhalt in die Ebene 99. Er ermöglicht es der Besatzung eines Rettungshubschraubers, schwerverletzte Patienten zeitnah und ohne umzulagern direkt in den Schockraum zu transportieren. 

Ruhige Atmosphäre 

Der Schockraum ist an die Diagnostikräume der Radiologie angebunden. Direkt hinter dem Schockraum steht den Ärzten deshalb ein Computertomograph zur Verfügung, der Zentral-OP und die Intensivstationen sind gleich um die Ecke. Optimierte Wege, aber auch der zeitnahe Zugriff auf die Diagnostik haben dazu geführt, dass sich die benötigte Versorgungszeit im Vergleich zur alten Chirurgie halbiert hat. Insgesamt sind in Ebene 99 die Abteilungen Viszeralchirurgie, Herzchirurgie, Gefäßchirurgie, Urologie, Anästhesiologie, Radiologie und Traumatologie untergebracht. In zwei Flügeln des Gebäudes wird in 16 Sälen operiert – darunter zwei Hybrid-OPs und ein IORT-OP (Intraoperative Strahlentherapie). 

Im OP-Zentrum herrscht eine ruhige Atmosphäre. Das liegt an den optimierten Wegen und dem konsequenten Sterilflurkonzept. Während es im Altbau nur für fünf OP-Säle einen Sterilflur mit Rüstzonen gab, in dem die Instrumente für die nächsten Patienten vorbereitet werden konnten, verfügt jetzt jede der insgesamt vier OP-Spangen über einen eigenen Sterilflur. Darüber hinaus sind in jeder Spange weitere Funktionsräume und Geräte untergebracht. „Die Pflegekräfte können jetzt viel mehr vorbereiten als früher, wodurch der hektische Wechsel von einem Patienten auf den anderen entfällt“, stellt Hedwig Waldenmaier, die pflegerische Leiterin des Zentral-OPs und der Anästhesie, fest. 

Zur Ruhe tragen auch die in den Fluren aufgehängten Touchscreen-Monitore bei, die sowohl alle gerade laufenden als auch die nächsten Operationen anzeigen. „Wir haben den Umzug auch genutzt, um von den papiergebundenen OP-Plänen wegzukommen“, erklärt Franz Walther, der leitende Koordinator des OP-Zentrums. Die Anzeigen auf den Touchscreens werden vom OP-Management-System gespeist. Ärzte und Pflegekräfte können sich auf zwei im zentralen Flur aufgehängten Monitoren schnell über ihren nächsten Einsatzort informieren. Sie erfahren auf einen Blick, welcher Patient wann von welchem Team und in welchem OP operiert wird. Die Anzeigetafel erleichtert auch die Suche nach einem Mitarbeiter, der sich gerade in einer OP befindet. Darüber hinaus sind in jeder OP-Spange jeweils zwei weitere Touchscreens installiert, die ebenfalls mit dem OP-Management-System kommunizieren, aber nur die Operationen in der jeweiligen Spange anzeigen. Sie dienen dazu, dass sich die Mitarbeiter einen schnellen Überblick über die Operationen in ihrem Fachbereich verschaffen können, ohne dazu ihre Spange verlassen zu müssen. 

Ausbaufähige elektronische Saalschilder 

Mehr als ein Gimmick sind die elektronischen Saalschilder, die neben jedem Zugang zu einem OP-Saal angebracht sind. Auf diesen kleinen Touchscreens können sich Mitarbeiter unmittelbar vor dem Betreten eines OP-Saals genau darüber informieren, welcher Patient gerade auf dem OP-Tisch liegt, um welche Operation es sich handelt, welches Team operiert und wie lange der Eingriff voraussichtlich dauert. Außerdem informiert das Saalschild über den Keimstatus des Patienten. 

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können auf dem Touchscreen auch nach vorne scrollen, um Informationen über die nächsten Operationen in diesem Saal zu erhalten. Die Chirurgen planen im Rahmen eines ständig optimierten OP-Managements, weitere Informationen über die elektronischen Saalschilder und Monitore zur Verfügung zu stellen. So sollen zum Beispiel die Informationen zu bestimmten Keimen hinterlegt werden. Reinigungskräfte erfahren dadurch, wie sie den OP-Saal nach einem Eingriff reinigen müssen: Wissensmanagement am point-of-care. Ebenfalls in Vorbereitung sind Informationen für die Pflegenden zur korrekten Lagerung des aktuellen Patienten. Die entsprechenden Lagerungsstandards sind bereits erarbeitet, müssen aber noch umgesetzt werden. 

Technik und Tageslicht 

Die ruhige Atmosphäre auf den Fluren setzt sich in den OP-Sälen fort. Dazu trägt auch das Tageslicht bei, das über Oberlichter in die Räume gelangt. Wie viel Hightech in den OPs steckt, ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. „Die Informationstechnik wurde so geplant, dass sie auch für die technologischen Weiterentwicklungen, die in den nächsten beiden Jahrzehnten zu erwarten sind, gut gerüstet ist. Leerrohre bieten Kapazitäten für die Erweiterung des Netzwerks, und alle verwendeten Systeme müssen in der Lage sein, neue Funktionalitäten per Software-Update einzuspielen“ schildert Dr. Hannes Kenngott, Chirurg und ärztlicher Baubeauftragter. So wird vermieden, dass Software, wie sie früher in der Medizintechnik verwendet wurde, über viele Jahre gekapselt ist und dadurch letztendlich Innovationen blockiert. 

Diese neue Strategie, auf Update-fähige Hard- und Software zu setzen, wurde auch in den OP-Sälen realisiert. In jedem Saal stehen den Mitarbeitern zwei Touchscreen- Monitore zur Verfügung. Der Chirurg kann sich zum Beispiel während einer OP radiologische Bilder oder Laborbefunde auf den Kliniksystemen anzeigen lassen und diese steuern. Die Daten stammen dabei aus allen klinischen Systemen, wie dem Krankenhausinformationssystem (KIS) oder dem PACS (Picture Archiving and Communication System). Weitere Inhalte, zum Beispiel zu Studien oder OP-Standards, die sich der Chirurg anzeigen lassen kann, werden auf Webseiten gepflegt, die das Klinikum selbst administriert und steuert. Das bedeutet, dass ein Wechsel vom integrierten OP-System mit Geräte- und Bildmanagement auf das KIS, PACS oder spezialisierte webbasierte Lösungen auf dem OP-Monitor im sterilen OP-Bereich problemlos mit den bekannten grafischen Oberflächen möglich ist. Bei Updates dieser Systeme sind keine weiteren Programmierarbeiten für die Integration in das sterile OP-Umfeld mehr erforderlich. 

Optimierte Wege 

Kurze Wege vor und nach der Operation: Die Intensivstationen befinden sich auf derselben Ebene wie der Zentral-OP. Ihnen unmittelbar gegenüber ist der Aufwachraum untergebracht. Über eine optische Sichtverbindung zum OP können sich die jeweils Verantwortlichen schnell einen Überblick über die aktuelle Belegung und Aktivität im Aufwachraum verschaffen. Für ein effizienteres Arbeiten sorgt auch der direkte Zugang zur Zentralsterilisation. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Chirurgie können über spezielle Aufzüge im OP-Bereich verbrauchte Instrumente direkt abgeben und erhalten neues OP-Besteck erheblich schneller. 

Auch die Patiententransporte gestalten sich jetzt deutlich komfortabler. Durch die neuen Aufzüge kommen die Patienten jetzt nicht nur schneller in den OP-Bereich. Große Aufzüge ermöglichen es jetzt auch, Intensivbetten mitsamt den Geräten zu transportieren. Durch den Bezug des Neubaus sind die Heidelberger Chirurgen jetzt an den so genannten Klinikring angeschlossen. Fast alle Heidelberger Universitätskliniken – nur die Orthopädie fehlt noch – sind auf dem Gelände des Klinikums ringförmig über Gänge unter der Erde miteinander und mit dem Versorgungszentrum verbunden. Patienten müssen nicht mehr mit einem Fahrzeug von einer zur anderen Klinik verlegt werden, sondern können jetzt auch zu Fuß durch die internen Verbindungen transportiert werden. Die logistische Ver- und Entsorgung ist dadurch entscheidend verbessert worden. 

Prozessunterstützung mit Data Warehouse 

Zahlreiche Innovationsprojekte für den Zentral-OP haben die Heidelberger Chirurgen mit Unternehmen aus den Bereichen Medizin- und Gebäudetechnik realisiert. Dabei achteten die Planer darauf, dass die verschiedenen Konzepte miteinander vernetzbar sind und untereinander kommunizieren können. Alle generierten Daten sollen unter umfassender Berücksichtigung der Datenschutzauflagen dazu verwendet werden, den medizinischen Prozess, den der Patient während seines Aufenthalts durchläuft, zu unterstützen und zu verbessern. Die verschiedenen Touchscreens im OP-Zentrum sind dabei nur ein Beispiel für eine solche Prozessunterstützung. 

Theoretisch könnten auch die Daten aus der OP-Planung mit der Lüftungssteuerung verknüpft werden, um die Lüftung in einem OP-Saal zum Beispiel 30 Minuten vor einer Operation hochzufahren und nach Beendigung wieder abzuschalten. Zurzeit verhindern jedoch noch geltende Normen, Richtlinien, Verordnungen und Risikoabwägungen eine solche vollständige Prozessintegration. Aber bereits die vorhandene Technik führt zu Einsparungen. Ein in der OP-Zentrale eingebautes Touchpanel und die entsprechende Steuerung sparen bereits jetzt jährlich einen fünfstelligen Betrag. Das Touchpanel zeigt die Lüftungen aller Räume des OP-Bereichs für die OP-Leitung und den OP- Koordinator an und ist – wie die andere IT - updatebar. Ein Großteil der im Gebäude und von der Medizintechnik generierten Daten werden in Anlehnung an Industrie-4.0-Konzepte zudem als Sensorinformationen in Data Warehouses gesammelt und sollen für die spätere Auswertung, auch mit künstlicher Intelligenz, zur Prozessunterstützung und -verbesserung genutzt werden. Hierzu laufen bereits – unterstützt durch Bundes- und Landesmittel – mehrere große Forschungsprojekte mit allen Fachabteilungen. 

Die stetige Weiterentwicklung und Nutzung der sich dadurch weiter bietenden Möglichkeiten zum Update und zur Verbesserung von Primär- bis Tertiärprozessen haben bereits begonnen. „Mit diesen wegweisenden digitalen und modernsten Konzepten der Chirurgischen Klinik positionieren wir uns ideal für die Zukunft, um unseren Mitarbeitern weiterhin die beste Infrastruktur und ein ideales Umfeld sowie unseren Patienten die bestmögliche medizinische Versorgung bieten zu können,“ sagt Prof. Dr. Ingo Autenrieth, Leitender Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums.

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