Patientenvertreter kritisieren, dass Komplikationen und Sterberaten bei Frühgeborenen nicht offen gelegt würden. Sie sehen vor allem wirtschaftliche Gründe als Ursache: Das Geschäft mit Frühgeborenen ist für Kliniken lukrativ. Kliniken befürchteten, so die Patientenvertreter, Frühchen als Patienten zu verlieren, wenn Mängel bei der Versorgung öffentlich gemacht würden. Drastisch hat sich das am Hygieneskandal im vergangenen Jahr am Klinikum Bremen Mitte gezeigt: Mehrere Frühchen starben, daraufhin wurde die Station geschlossen. Erst musste der leitende Arzt gehen, dann der Chef der Klinik, die Klinik verlor Millionen an Einnahmen.
"Sie müssen willkürlich entscheiden"
Der Marburger Patientenanwalt Hans-Berndt Ziegler vertritt bundesweit viele Eltern, deren frühgeborene Kinder Opfer von Behandlungsfehlern wurden. Im Interview mit "Report Mainz" erklärt er: "Gerade bei Frühgeborenen stelle ich fest, dass die Fehler unter den Teppich gekehrt werden. Denn wenn Fehler öffentlich werden, fällt das immer auf die Klinik zurück und man denkt: Ach, an der Klinik, da wird nicht sauber gearbeitet. Und deshalb soll alles vermieden werden, damit solche Dinge öffentlich werden.” Patientenvertreter des Verbraucherzentrale Bundesverbandes üben im Interview mit Report Mainz Kritik an der mangelnden Transparenz bei der Frühchenversorgung: "Meine persönliche Kritik daran ist, dass dauerhaft Eltern die Möglichkeit verwehrt wird, tatsächlich zutreffende und auch harte Informationen über Krankenhäuser zu bekommen. Das bedeutet wiederum, dass sie sich nicht die guten Krankenhäuser für ihr Kind aussuchen können, sondern eigentlich fast willkürlich entscheiden müssen”, sagt Ilona Köster-Steinebach, Patientenvertreterin beim Verbraucherzentrale Bundesverband.
"Verzögerungstaktik der Krankenhausseite"
Bereits 2012 hätte ein Internetportal im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) freigeschaltet werden sollen, mit dem werdende Eltern sich über die Qualität der Kliniken vergleichend und laienverständlich informieren können sollen. Doch das sei bisher immer noch nicht geschehen, erklärt Köster-Steinebach. Wann das Vergleichsportal komme, sei weiter offen. Krankenhausvertreter versuchten, die Offenlegung der Komplikationen und Sterberaten bei Frühchen zu verhindern: "Ich persönlich erlebe das immer wieder als eine Verzögerungs- und Verschleppungstaktik, die vor allen Dingen von der Krankenhausseite ausgeht, aber gedeckt wird auch von den Gesetzlichen Krankenkassen. Und die Hintergründe sind ganz einfach: Eine Behandlung eines Frühgeborenen bringt sehr viel Geld, und auch eine entsprechende Station bringt sehr viel Prestige für die Krankenhäuser.”
DKG unterstützt das Portal "uneingeschränkt"
SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach erklärt: "Krankenhäuser haben natürlich kein Interesse daran, dass die schlechte Qualität, die von ihnen im Einzelfall angeboten wird, öffentlich wird, sonst würden die Eltern nicht mehr kommen.” Im Interview mit "Report Mainz" kritisiert Lauterbach: "Diese Blockadepolitik ist absolut unethisch, weil hier die Kinder zum Teil mit bleibenden Schäden geboren werden oder einige versterben sogar. Das wird in Kauf genommen, zum Teil aus wirtschaftlichen Gründen. Das ist aus meiner Sicht nicht tragbar.” Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) erklärt auf Anfrage von "Report Mainz", Kliniken stellten sich bereits "umfangreichen Qualitätssicherungsmaßnahmen”. Man unterstütze "uneingeschränkt” die geplante Internetplattform mit "Informationen zur Qualität der Versorgung sehr kleiner Frühgeborener in deutschen Perinatalzentren”. Bei der Umsetzung gebe es allerdings noch "vereinzelte Probleme hinsichtlich technischer Abläufe”. Daraufhin entgegnet Patientenvertreterin Köster-Steinebach: "2012 war das Portal technisch wie inhaltlich im Wesentlichen fertig gestellt. Insofern muss man davon ausgehen, dass es längst den Patienten zur Verfügung stehen sollte.”


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