Herr Tenzer, wieso konnte Niels Högel in Ihrem Haus agieren, obwohl er mehreren Ärzten und Pflegekräften auffiel?
Herr Högel war eigentlich ein guter Krankenpfleger, war extrem hilfsbereit und kollegial. Er war in keiner Weise das Monster, so wie er sich heute darstellt. Es ging bei uns um emotionale Auffälligkeiten bei Reanimationen, wo er sich feiern wollte wie auf dem Fußballplatz. Am Ende kam es in der Anästhesie zu einem Zwischenfall, wo ein Patient reanimiert werden musste und der Chefarzt das Gefühl hatte, dass dort etwas nicht stimmte, wobei damals nicht davon ausgegangen wurde, dass er absichtlich Patienten geschädigt hat. Allerdings hat unser Gutachter gerade diesen Fall als unauffällig eingestuft.
Ein Chefarzt zweifelt, der Gutachter nicht?
Wir hatten nie hieb- und stichfeste Beweise, ebenso gab es keine Indizien wie eine auffällig gestiegene Sterberate oder einen veränderten Medikamentenverbrauch.
Es gab doch erhöhte Kaliumwerte. Die sind niemand aufgefallen?
Doch, bei der Reanimation ist es teilweise aufgefallen. Allerdings wurde damals ein anderer Schluss daraus gezogen. Früher kam es in deutschen Krankenhäusern immer wieder zu versehentlichen Verwechslungen zwischen Natrium und Kalium, was heutzutage nicht mehr möglich ist, weil die Ampullen von Kalium blau eingefärbt sind. Ferner sind auch andere Ursachen für einen erhöhten Kaliumspiegel denkbar. Die Kollegen sind damals einfach nicht auf die Idee gekommen, dass ein Kollege aktiv die Patienten schädigt. Das war sicherlich mit dem Wissen von heute eine Fehleinschätzung, die durch die Unvorstellbarkeit der Tat aber nachvollziehbar ist.
Experten wie der Psychiater Karl Beine sprechen von einer Kultur des Wegsehens. Muss in Kliniken das eigene Tun stärker beobachtet werden?
Ein klares Ja. Allerdings würde ich Herrn Beine grundsätzlich widersprechen. in unserem Fall haben wir nicht aktiv weggeschaut, weil wir dazu die Taten hätten erkennen müssen. Richtig ist aber, dass wir an der Früherkennung arbeiten müssen. Wir müssen aktiv hinschauen. Wir müssen viel intensiver und kritischer mit uns selbst umgehen, ohne aber Misstrauen in die Teams zu tragen, die Tag und Nacht zusammenarbeiten.
Sie wollen ein Whistleblower-System installieren, um solchen Indizien künftig schneller auf die Spur kommen zu können. Erich Joester, der juristische Berater des Klinikums Delmenhorst, hält das für Aktionismus, der nur zu Mobbing führen würde.....
In der deutschen Industrie sind solche Whistleblowing-Systeme im Kampf gegen Korruption längst verankert, die Erfahrungen damit sind sehr gut. Natürlich könnte Whistleblowing theoretisch Mobbing befeuern, das war auch meine erste Sorge. Erfahrungen in anderen Branchen zeigen jedoch, dass Mitarbeiter damit verantwortlich umgehen. Es dauert normalerweise sehr lange, bis ein Mitarbeiter aufgrund eines schlechten Gefühls einen Kollegen meldet. Hier müssen wir die Schwelle senken, einen Verdacht zu melden. Da kann ein Whistleblowing-System helfen, weil ich einen Verdacht anonym äußern kann. Danach kann von neutraler Seite der Hinweis aufgearbeitet werden, ohne dass es zu einem Misstrauensverhältnis in einem Team kommt. Wir werden das System im April bei uns einführen.
Was meint neutrale Überprüfung?
Es wird ein eigener Mitarbeiter sein, der aber in der Hierarchie unabhängig ist. Die Stelle wird als Stabsstelle direkt der Geschäftsführung zugeordnet. Es ist ganz wichtig, dass dieser Mitarbeiter außerhalb der normalen Hierarchiekette agiert. Sonst besteht die Gefahr, dass Hinweise aktiv unterdrückt werden.
Welche Lehren ziehen Sie noch aus der Tötungsserie?
Zukünftig werden Schulungen mit Psychologen, die mit solchen Tätern umgehen, zum festen Repertoire unserer Ausbildung gehören. Im Blick haben wir insbesondere die Stationsleitungen, die sind der Schlüsselpunkt. Zudem kann bei unseren schon seit langem bestehenden Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen jedes Mitglied in einem Behandlungsteam die Besprechung eines Falls in einer solchen Konferenz verlangen. Das soll die Schwelle senken, mögliche Probleme anzusprechen.
Führen Sie auch detaillierte Statistiken über Todesraten und ihre Ursachen?
Das tun wir schon seit Jahren, genauso wie beim Medikamentenverbrauch. Aber gerade bei uns konnten diese Instrumente nichts anzeigen, da sich die Taten in der normalen Schwankungsbreite der Sterbefälle verstecken konnten.
Hat die Tötungsserie für einen Rückgang bei den Patientenzahlen gesorgt?
Nein, im Großen und Ganzen bemerken wir davon nichts, wir haben eine konstante positive Entwicklung. Es gibt sicherlich einzelne Patienten, die das Haus aufgrund der Vorgänge meiden. Andererseits haben wir Patienten, die gezielt zu uns kommen, weil sie unsere offensive und offene Art, die Vorgänge aufzuklären, gut finden und sich bei uns gut aufgehoben fühlen.
In der April-Ausgabe von kma ist durch ein technisches Versehen leider eine erste, nicht abgestimmte Entwurfsfassung des Interviews abgedruckt worden. Wir bedauern diesen Fehler sehr und veröffentlichen hier die richtige Fassung des Interviews.




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