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Andrea Lehwald im kma-Interview„An erster Stelle steht die persönliche Wertschätzung“

Fachkräftemangel in Krankenhäusern ist nichts Neues. Die Personalberaterin Andrea Lehwald erklärt im Interview, wie Kliniken neue Mitarbeiter im Bereich der Pflege gewinnen können und was diese vom Arbeitgeber erwarten.

Recruiting
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Was raten Sie kleineren Krankenhäusern mit geringem Budget, um an medizinische Fachkräfte zu kommen? 

Ich würde ihnen raten, einen Personalberater mit dem Recruiting zu beauftragen. Das ist die einfachste, aber auch teuerste Vorgehensweise. Eine preiswerte Alternative, die noch nicht viele Kliniken im ausreichenden Umfang betreiben, besteht darin, sich in den sozialen Netzwerken zu präsentieren. Und dann gibt es noch die Möglichkeit der Leiharbeit.

Sollen Krankenhäuser twittern, um Pflegekräfte auf sich aufmerksam zu machen? 

Ich persönlich bevorzuge LinkedIn und Instagram, habe aber auch mit Facebook gute Erfahrungen gemacht. Konkret geht es darum, Einblicke in den Arbeitsalltag zu geben und Mitarbeiter zu Wort kommen zu lassen. Es handelt sich um Werbung in eigener Sache. Unternehmensfremde Pflegekräfte erfahren auf durch Social Media mehr über einen potenziellen Arbeitgeber und warum es sich lohnt, dort zu arbeiten.

Es liegt im Trend, bei Instagram Fotos oder kurze Videos zu posten und auch längere Texte dazu zu schreiben. Krankenhäuser können auf diese Weise täglich Eindrücke von den Stationen posten und sich ein Netzwerk aus Followern aufbauen. LinkedIn ist ein großes Businessnetzwerk, in dem Geschäftsführer oder Personalchefs auf potenzielle Bewerber treffen können. Ich finde, die Krankenhäuser könnten hier insgesamt noch aktiver werden.

Lohnt es sich, Zeitarbeiter zu holen und diesen eine Festanstellung anzubieten? 

Die meisten Zeitarbeiter schätzen die Flexibilität und möchten keine Festanstellung. Mit Zeitarbeit lässt sich daher allenfalls ein zeitlicher Personalengpass überbrücken.

Spielen Arbeitgeberportale eine große Rolle bei der Jobsuche? 

Meiner Erfahrung nach sind diese Bewertungen in der Regel nicht allein ausschlaggebend für die Entscheidung einer Pflegekraft. Wenn ein Krankenhaus aber mit durchgängig schlechten Bewertungen auffällt, kann dies schon Einfluss auf das Bewerbungsverhalten haben. Den größten Einfluss hat nach wie vor die Mund-zu-Mund-Propaganda der Mitarbeiter. Wenn die Mitarbeiter zufrieden sind und gute Empfehlungen aussprechen, hat es ein Krankenhaus einfacher, neues Personal zu gewinnen.

Was muss ein guter Arbeitgeber bieten, was erwarten Pflegekräfte von ihm? 

Wer einen medizinischen Beruf ergreift, möchte in erster Linie den Menschen helfen. Es geht also nicht nur um eine gute Bezahlung. An erster Stelle steht die persönliche Wertschätzung. Wichtig sind auch Flexibilität. Viele Menschen haben nicht die Möglichkeit, in jeder Schicht zu arbeiten. Wer neue Mitarbeiter gewinnen möchte, muss deshalb flexible Arbeitszeitmodelle schaffen. Nicht zu unterschätzen ist auch der Wohlfühlfaktor. Pflegekräfte wünschen sich eine gute Arbeitsplatzkultur, Mitsprache und Teamarbeit.

Warum ist der Personalmangel in der Pflege so groß? 

Ein wesentlicher Faktor ist die vergleichsweise kurze Verweildauer im Beruf. Pflegekräfte bleiben im Durchschnitt nur 8,5 Jahre in ihrem Beruf. Das hängt hauptsächlich damit zusammen, dass der Pflegeberuf sehr hart ist. Durch die schwere körperliche Arbeit bekommen viele Pflegekräfte im Laufe der Zeit gesundheitliche Probleme. Auch möchten viele ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr im Schichtsystem arbeiten oder sie sind mit der Bezahlung unzufrieden.

Wie schätzen Sie die Bemühung der Bundesregierung ein, Pflegekräfte aus aller Welt anzuwerben? 

Ich frage mich, ob diese ausländischen Pflegekräfte auf Dauer unter diesen Arbeitsbedingungen bei uns arbeiten möchten. Einerseits unterstützen uns bereits sehr viele ausländische Pflegekräfte erfolgreich. Andererseits dauert es Jahre, bis diese Menschen unsere Sprache beherrschen und sich an unsere Arbeitsbedingungen gewöhnt haben. Hinzu kommt, dass Pflegekräfte in Ländern wie Rumänien oder Spanien andere Kompetenzen haben und sehr viel mehr dürfen als ihre deutschen Kollegen, beispielsweise den Patienten auf einer Normalstation Blut abnehmen. Auch in der Schweiz verhält es sich so.

Sie waren lange auch in der Schweiz beruflich aktiv. Wodurch unterscheidet sich der Fachkräftemangel zwischen Deutschland und unserem Nachbarn? 

Der dortigen Fachkräftemangel hängt zum einen mit dem bereits erwähnten höheren Ausbildungsstandard zusammen. Zum anderen benötigt die Schweiz mehr Pflegekräfte, weil sie generell einen anderen Personalschlüssel hat. Eine Pflegekraft betreut dort weniger Patienten als bei uns. Auch die Schweiz versucht ihren Personalmangel mit ausländischen Pflegekräften zu kompensieren. Aufgrund der sehr viel höheren Gehälter und der besseren Arbeitsbedingungen ist es für ausländische Pflegekräfte wesentlich attraktiver, in die Schweiz zu gehen.

Wo sehen Sie aktuell die Hauptschwierigkeit im Personalmanagement? 

Die Herausforderung besteht darin, gutes Personal zu bekommen und zu halten. Das eine funktioniert nicht ohne das andere. Das Krankenhaus muss sich auf der einen Seite präsentieren und neue Leute ansprechen, und auf der anderen Seiten die Arbeitsplatzkultur so optimieren, dass die Mitarbeiter sich wohl fühlen und bleiben.

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