Was halten Sie von der Frauenquote von 30 Prozent für Aufsichtsräte?
Ich habe eine Quote für Führungs- und Aufsichtsratsfunktionen lange Zeit abgelehnt. Doch inzwischen halte ich sie für richtig, da sie den Weg zu einer ‚Normalität‘ in der Besetzung dieser Positionen bahnt. Und: Die Quote ist ein wichtiges Signal für unseren Nachwuchs. Das wird am Beispiel der Medizin besonders deutlich: 70 Prozent der Medizinstudierenden sind weiblich, aber es gibt nur 8 bis 10 Prozent Chefärztinnen. Das ist eine ganz schlechte Botschaft für junge Frauen. Denn wie soll man ihnen das Ungleichgewicht erklären, ohne sie zu demotivieren? Aber das Problem gibt es nicht nur in der Medizin und bei Klinikträgern: In Bezug auf die Besetzung von Aufsichtsratspositionen sind Frauen in fast allen Branchen unterrepräsentiert.
Eine ausgewogene Geschlechterzusammensetzung sollte es übrigens auf allen Führungsebenen geben, beginnend beim mittleren Management. Das ist letztlich eine Kulturfrage: Wenn es einem Unternehmen ernst ist mit der Chancengleichheit, wird es bei der Einstellung auf Ausgewogenheit achten. Hier gilt ebenfalls: Es wäre eine schlechte Botschaft für den weiblichen Managementnachwuchs, wenn Männer in Führungspositionen weiter unter sich blieben und Frauen kaum Chancen hätten aufzusteigen. Schließlich sind auch in den wirtschaftswissenschaftlichen Fächern mehr als die Hälfte der Studierenden weiblich.
Manche Frauen lehnen eine Quote ab, weil Sie meinen, es täte dem Ansehen der Frauen nicht gut, wenn Sie aufgrund einer solchen Regelung in ein Aufsichtsgremium gelangen. Was würden Sie diesen Kritikerinnen entgegenhalten?
Es gibt ja die Regelung, dass bei Nichterfüllung der Quote von 30 Prozent im Aufsichtsrat der Stuhl leer bleibt, wenn keine qualifizierte Frau gewonnen werden kann. Diese Regelung finde ich hervorragend, weil sie das Argument der angeblich unqualifizierten Quotenfrau ganz gut aushebelt. Denn ein Unternehmen könnte, wenn es wollte, auf Frauen verzichten.
Sie sitzen im Hochschulrat der RWTH Aachen. Dort sind Frauen mit 50 Prozent vertreten – verändert das die Gremienarbeit beziehungsweise die Arbeitsatmosphäre?
Wir Hochschulratsmitglieder empfinden die Zusammensetzung nicht als etwas Besonderes. Es herrscht allgemeine Gelassenheit bei Genderfragen. Wir wissen, dass wir uns gut ergänzen und gerade bei unseren Top-Themen Arbeitgeberattraktivität und Nachwuchsgewinnung ist es extrem hilfreich, dass sowohl Frauen als auch Männer ihre Einschätzungen und Erfahrungen einbringen. Ich bin mir sicher, dass wir durch die vielfältigen Blickwinkel viel eher Lösungen finden, die in der Praxis auch tatsächlich greifen.
Bereichernd und produktiv ist es für das Gremium aber auch, wenn Menschen mit sehr unterschiedlichen beruflichen Erfahrungshorizonten zusammenkommen. Im Hochschulrat der RWTH Aachen etwa gibt es sehr frischen und unverkrampften Input durch eine junge Doktorandin, die sich zurzeit zu einem Forschungsaufenthalt in Kalifornien befindet. Sie hat in Aachen studiert, kennt die Hochschule gut und ist ihr positiv verbunden. Sie bildet damit eine interessante Brücke vom Unternehmen zum Aufsichtsrat.
Aufsichtsräte stehen in dem Ruf, von graumelierten Herren dominiert zu werden…
…sicherlich sind Erfahrung und ökonomische Kenntnisse gute Voraussetzungen für ein Aufsichtsratsmitglied. Aber es kommt auch auf die Mischung an: Wenn ein Aufsichtsrat sehr homogen ist, sprich, vor allem mit Männern reiferen Alters besetzt ist, läuft er Gefahr, bestimmte Aspekte zu übersehen, die für eine Entscheidung sehr wichtig sein können. Wichtig auch: Der Aufsichtsrat muss sich mit Zukunftstrends befassen und mit der für mich entscheidenden Frage, wie wir den Nachwuchs für unsere Aufgaben begeistern und an uns binden können. Sicherlich ist das vor allem ein Thema für die operative Ebene, die Vorstände oder die Geschäftsführungen, aber auch der Aufsichtsrat muss sie künftig mehr in den Blick nehmen.
Nach Schätzungen von Kienbaum sind Frauen mit elf Prozent in den Geschäftsführungen und Vorständen deutscher Krankenhäuser vertreten. Glauben Sie, der Anteil wird sich in nächster Zeit erhöhen?
Ich bin zuversichtlich, dass zunehmend mehr Frauen in die erste Ebene gelangen. Dafür werden vor allem die Gesetze des Marktes und der Mathematik sorgen: Gute Führungskräfte sind in unserer Branche nach wie vor nicht leicht zu finden, was auch damit zusammenhängt, dass für viele Top-Hochschulabsolventen der Krankenhaussektor nicht so attraktiv erscheint, wie er inzwischen tatsächlich ist . Zugleich steigt der Anteil der Frauen mit einem Hochschulabschluss – sei es in Betriebswirtschaft-, Volkswirtschaft oder Gesundheitsökonomie. Damit erhöht sich die Chance, dass qualifizierte und kompetente Frauen bei Auswahlverfahren ins Auge fallen und zum Zuge kommen.


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