Georg Thieme Verlag KG
kma Online

Chief Sustainability OfficerClemens Jüttner macht bei Sana Nachhaltigkeit messbar

Welchen Wert hat Nachhaltigkeit? Für Dr. Clemens Jüttner ist das gerade die entscheidende Frage. Der neue Chief Sustainability Officer (CSO) der Sana Kliniken feilt an einer Nachhaltigkeitsstrategie für den Konzern. Ende des Jahres soll ein Entwurf dafür vorliegen. Der Zeitplan ist sportlich.

Dr. Clemens Jüttner
Sana Kliniken

Dr. Clemens Jüttner ist seit Anfang 2022 Chief Sustainability Manager bei der Sana Kliniken AG.

Mehrmals im Monat sitzt Dr. Clemens Jüttner mit leuchtend roter Hose und weißem Shirt in seinem Ismaninger Büro. An solchen Tagen ist der 46-Jährige nicht nur oberster Nachhaltigkeitsmanager des Klinikkonzerns Sana, sondern jederzeit für Rettungsdiensteinsätze abrufbar. Als ehrenamtlicher Helfer vor Ort (HvO) der Bereitschaft Ismaning des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) wird Jüttner alarmiert, wenn der Rettungswagen aus Ismaning zunächst nicht verfügbar ist oder er bei lebensbedrohlichen Situationen den Rettungsdienst unterstützen kann. Bis Rettungsdienst oder Notarzt eintreffen, leistet er Erste Hilfe.

Hat Jüttner Bereitschaft, steht dafür ein voll ausgestattetes Einsatzfahrzeug mit Blaulicht vor der Sana-Zentrale – und der langjährige Rettungssanitäter wird an seine Zeit als Einsatzleiter einer großen Freiwilligen Feuerwehr in Hessen erinnert. Die Erfahrungen von damals prägen bis heute seine Arbeit als Manager. Nicht mit blindem Aktionismus losstürmen, nicht jeden einfach irgendwie anfangen lassen, sondern zunächst besonnen die Lage erkunden. So hält er das jetzt auch als Chief Sustainability Officer (CSO), der er seit Jahresbeginn ist. Wenn das Jahr zu Ende geht, soll der Entwurf für eine Nachhaltigkeitsstrategie für Sana vorliegen. Das Ziel sei sportlich, sagt Jüttner, „aber wir arbeiten mit Hochdruck“.

Jede Entscheidung soll in einem Euro-Betrag darstellbar sein

Seine aktuelle Aufgabe ist es, ein solides Fundament zu legen. „Wenig heldenhafte Basisarbeit“, nennt Jüttner das und betont, dass der Konzernvorstand Nachhaltigkeit zum strategischen Thema und Unternehmensziel erhoben habe. „Das ist keine Mode, das bleibt – und wir sehen das als Chance.“ Entsprechend geht er vor und nimmt sich Zeit dafür, tritt einen Schritt zurück – „wie beim 10-für-10-Prinzip in der Notfallmedizin“, bei dem das gesamte Team seine Tätigkeiten kurz unterbricht, um alle Infos, Ideen und Bedenken zu sammeln und dann zu entscheiden und sich zu organisieren. Schon wieder so eine Reminiszenz an seine Zeit als Feuerwehrmann. Jüttner will die Basisarbeit gut machen.

Am Ende soll alles messbar und in einem Euro-Betrag darstellbar sein, jede Entscheidung, jede Alternative. Dafür ist Sana im April der Value Balancing Alliance (VBA) beigetreten. Ihr gehören Unternehmen wie BASF, Bosch, Deutsche Bank, Dräger und Novartis an. Mit ihrer bei Umweltverbänden wie dem WWF durchaus nicht unumstrittenen Methodik, soll den wesentlichen ökonomischen, ökologischen und sozialen Aspekten einer Geschäftstätigkeit ein finanzieller Wert zugewiesen werden. „In einem wissenschaftlich basierten und zugleich unternehmerisch pragmatischen Ansatz werden positive wie negative Auswirkungen unseres unternehmerischen Handelns sicht- und damit steuerbar“, erklärt Irmgard Wübbeling, CFO der Sana Kliniken AG, in deren Verantwortungsbereich Nachhaltigkeit angesiedelt ist.

Spezifische Schlüsselkennzahlen für das Krankenhaus

Um alle Prozesse auf die ESG-Kriterien („environmental, social, governance“) hin abklopfen zu können, wurden und werden überall im Konzern die Datenflüsse angepasst, SAP-Anwendungen aufwendig und teils teuer modifiziert. Anstrengend sei das mitunter, gesteht Jüttner, ein Mammutprojekt, in dem sich auch die aktuellen Entwicklungen niederschlagen. Der Krieg in der Ukraine, die explodierenden Energiepreise, die unsicheren Lieferketten – das alles kann die Bewertungen verändern. „Alles ist gerade disruptiv“, sagt Jüttner, „und wir monitoren das sehr genau und in engen Intervallen.“

Es kann sein, dass wir künftig ganz anders über den Wert von Kliniken sprechen.

Seine Chefs sind entschiedene Verfechter dieses Reporting-Ansatzes. Nicht nur Irmgard Wübbeling, auch Sana-Vorstandschef Thomas Lemke kommt aus der Wirtschaftsprüfung. Die ESG-Kriterien Umwelt, Soziales und verantwortungsvolle Unternehmensführung ergänzen jetzt das bisherige Reporting – „und es kann sein, dass wir künftig ganz anders über den Wert von Kliniken sprechen“, sagt Jüttner. Für die neue Strategie werde auch an „sehr spezifischen Schlüsselkennzahlen für das Krankenhaus“ gearbeitet – für die Antibiotika-Versorgung zum Beispiel. Eine belastbare Nachhaltigkeits-Maßzahl müsse etwa auch negative Effekte des Einsatzes wie das Triggern von Resistenzen berücksichtigen. „Deshalb werden wir das Reporting in diesem Bereich deutlich ausbauen.“

Besonderes Augenmerk auf das Thema Energiesparen

Was seine Arbeit schließlich für die einzelnen Kliniken bedeuten wird, werde sich zeigen, wenn die Nachhaltigkeitsstrategie steht, sagt Jüttner – wenn die Basisarbeit erst einmal gemacht ist. Aber das werde dann ohnehin sehr individuell sein. „Alle Häuser starten ja aus einer unterschiedlichen Situation“, erklärt er. Auch wie sich die Strategie im Budget niederschlagen werde, sei noch unklar. „So weit sind wir noch nicht.“

Deshalb mag er auch noch nicht über konkrete (Groß-)Projekte reden. Im Kleinen jedoch lege der Klinikkonzern derzeit ein besonderes Augenmerk auf das Thema Energiesparen – in allen Häusern und insbesondere in den OPs und Funktionsräumen, in denen es um das energieintensive Kühlen, Wärmen und Befeuchten geht. Die Luftmengen optimieren, Heizanlagen auf den Prüfstand stellen oder die Beleuchtung auf LED umrüsten – es gebe einen vollen Projektkorb, erklärt Jüttner.

Nachhaltiger Kasack im Praxisversuch

Hat er einen Lieblingsbereich? „Da gibt es viele“, sagt er, „und ich entdecke täglich Neues, das mich fasziniert.“ Erst vor kurzem war es so – beim Thema Müll. Jüttner hat sich dazu an mehreren Sana-Standorten umgesehen. Er will die Themen verstehen, die ihn beschäftigen. Deshalb trägt er im Büro auch nicht nur sein Rettungs-Outfit, sondern auch mal Kasack. Die neue Variante, die bei Sana diskutiert wird, ist aus recyceltem Meeres-Plastik hergestellt, und Jüttner testet sie erst einmal an sich. Auch wenn sie nachhaltig ist, muss sie doch in der Praxis bestehen können, bevor sie an Pflegekräfte ausgegeben wird. Neben dem ökologischen Aspekt geht es ihm im Praxisversuch auch um den sozialen Impakt. „Ich würde vom Team nichts verlangen, das ich nicht selbst tun würde“, sagt er, und da hört man ihn wieder durch, den langjährigen Gruppenführer der Feuerwehr.

Wir müssen in größeren Strukturen denken.

Egal, ob es um den Kauf von Kleidung oder Verbrauchsartikeln geht, um Baumaßnahmen, Speisepläne oder Tarifverhandlungen – Nachhaltigkeitskriterien sollen künftig bei jeder Unternehmensentscheidung eine Rolle spielen. Jüttner will das Raster für die Entscheidungsstrukturen verändern. „Dabei rücken auch Bereiche in den Fokus, die wir bislang noch nicht so auf dem Schirm hatten“, betont er. Die Lieferketten etwa und auch die Müll-Problematik – über die sich viele in den Kliniken ärgern. Natürlich könne der Abfall dort getrennt werden, „doch eigentlich lässt sich das Problem nicht am Ende lösen“, sagt der CSO. Deshalb ist er parallel mit großen Industriepartnern im Gespräch, um sie für das Thema Abfallvermeidung zu gewinnen – zusammen mit der Sana Einkauf & Logistik GmbH. Zu der Kooperation gehören mehr als 1400 medizinische Einrichtungen im deutschsprachigen Raum. Sie bilden gemeinsam eine entsprechende Einkaufsmacht. „Wir müssen in größeren Strukturen denken“, sagt Jüttner.

Er setzt auf Teamwork und sucht den Dialog

Dabei will er keine abgehobene Stabsstelle sein, „die sich Dinge ausdenkt, die in der Praxis nicht funktionieren, weil sie niemand umsetzt“. Keine Pläne vom grünen Tisch in Ismaning. Jüttner will das Thema in der Unternehmensstrategie verankern. Es klingt abgedroschen, aber die rund 34 600 Sana-Mitarbeiter sollen es alle leben. Deshalb setzt er auf Teamwork und bindet seit seinem Start als CSO so viele wie möglich ein. Er sucht den Dialog mit allen Stakeholdern und will ihn weiterführen, sieht sich als Moderator, der hilft, Hemmnisse zu beseitigen.

Da ist es gut, dass Jüttner im Konzern bekannt ist. Der Diplom-Kaufmann arbeitet seit 2006 für Sana. Er startete als Referent im Regionalbüro Remscheid und führte zuletzt als Kaufmännischer Leiter die Sana Immobilien Service GmbH. Mit vielem, das ihn jetzt als CSO beschäftigt, hatte er auf seinen unterschiedlichen Positionen bereits zu tun – zuletzt bei diversen Neu- und Umbauprojekten sowie beim Gas- und Strom-Einkauf. „Das ist kein ganz neues Thema für mich“, sagt Jüttner und schmunzelt.

Regelmäßig steht er als Redner auf Bühnen

Das nutzt ihm jetzt. Obendrein kann er auch ein Showman sein, Leute mitreißen. Regelmäßig steht er in seiner Freizeit als Redner auf Bühnen und vermittelt Unternehmern, Managern und Führungskräften seine Sicht auf Krisensituationen im Management. Nach seinen Feuerwehrerfahrungen hat er das F.I.R.E.-Konzept entwickelt („Fokussieren, Intuition nutzen, Reflektieren, Ergebnisse erzielen), das unter anderem Entscheidungsunterstützung in Extremsituationen liefern soll. Außerdem hat er Lehraufträge für Sales, Marketing und Verhandlungsmanagement an den Universitäten Bochum und Mannheim. So holt er sich Informationen und neue Eindrücke aus Bereichen außerhalb der Sana-Welt. Jüttner will offen bleiben. Seine Engagements sorgen für Abstand, halten ihn auf dem Laufenden, erden ihn.

Gerade dieses Gesamtpaket mag ihn aus Vorstandssicht zum idealen CSO machen. Jüttner kennt die wichtigen Personen im Konzern, und er musste sich auch nicht erst langwierig in das Sana-Gebilde einarbeiten. Neben den mehr als 50 Krankenhäusern und MVZ und dem ambulanten Geschäft spielen in der AG diverse weitere Business Units wie etwa die Sana Einkauf und Logistik, die Sanitätshäuser und die Bereiche Orthopädie- und Reha-Technik eine wichtige Rolle – und Jüttners künftige Strategie muss sie alle erfassen.

Ich musste bislang noch niemanden überreden und dafür bitten und betteln.

Auch wenn er den CSO-Posten nie angepeilt oder gar geplant hat – das Ziel, „etwas Positives zu bewegen und Sana zu verändern und der Zeit anzupassen“, das begleitet den 46-Jährigen schon lange. Als CSO kann er jetzt an weiteren Schrauben drehen – und dafür habe er nicht nur das Top-Management hinter sich, betont Jüttner: „Ich musste bislang noch niemanden überreden und dafür bitten und betteln“, sagt er. Im Gegenteil: „Das Thema ist den Menschen ja auch privat wichtig.“ Über die Sana-Ideenwerkstatt erreichen ihn regelmäßig Vorschläge aus der Belegschaft, zusätzlich wurde jetzt eine spezielle E-Mail-Adresse eingerichtet. „Es ist überraschend und schön, wie viel da eingeht.“

Die Krankenhausfinanzierung ist darauf noch nicht ausgelegt.

Seine Doktorarbeit hat der Diplom-Kaufmann 2009 an der Professur für Marketing und Handelsbetriebslehre der Philipps Universität Marburg geschrieben. Thema: „Gesundheitsprofilierung von Lebensmittel-Markenartikeln“. Jüttner hat sich Effekte dieser Profilierung angeschaut, ihren Wert als möglichen Differenzierungsfaktor. Ähnliches mache er in seiner jetzigen Position wieder, sagt er: „Wir schauen, welchen Wert Nachhaltigkeit hat.“

Allerdings besorgt es ihn, dass die Rahmenbedingungen in der Krankenhauswelt der Entwicklung noch so sehr hinterherhinken. Die Regulatorik jedenfalls sei auf das Thema Nachhaltigkeit noch nicht eingestellt. Bei Großprojekten etwa werde der höchste Energiestandard noch gar nicht gefördert. „Die Krankenhausfinanzierung ist darauf noch nicht ausgelegt“, sagt Jüttner. Den regulatorischen Rahmen anzupassen, die Finanzierung und auch die DRGs, sei eine echte Herausforderung.

Jüttner wird dranbleiben. „Ich bin Realist“, betont er – „ich schaue, was machbar ist“. Dabei hat sein CSO-Job auch ihn selbst schon verändert. „Wenn man sich mit dem Thema auseinandersetzt, schaut man ganz anders auf die Dinge.“ So habe er es geschafft, in diesem Jahr bislang weder beruflich noch privat zu fliegen. Und er steige jetzt auch häufiger aufs Fahrrad. „Es darf für jeden einzelnen ruhig mal etwas unbequemer sein“, sagt Jüttner, „und auch für uns als Unternehmen muss es unbequemer werden – sonst sind wir nicht glaubwürdig“.

Bitte loggen Sie sich ein, um einen neuen Kommentar zu verfassen oder einen bestehenden Kommentar zu melden.

Jetzt einloggen

  • Derzeit sind noch keine Kommentare vorhanden. Schreiben Sie den ersten Kommentar!